Freitag, 26. Februar 2016

Berlinale 2016: Rückblick

Wie bereits die vorangegangenen Jahrgänge hat auch ihre 66. Ausgabe den Internationalen Filmfestspielen Berlin einen neuen Publikumsrekord beschert. Fast 340.000 verkaufte Kinokarten vermeldet das Festivalbüro. Das ist eine in der Tat beachtliche Zahl, die sich allerdings auch in der stetig zunehmenden Hektik und Gedrängtheit der Berlinale niederschlägt. Gewappnet mit der nötigen Gelassenheit – insbesondere gegenüber dreisten Vordrängler_innen – und einer stressresistenten Portion Humor lässt sich die allgemeine Festivalstimmung dennoch auch 2016 durchaus heiter nennen.

Wi(e)der das Klischee des Politischen

Durch ihre gebetsmühlenartige Beschwörung durch die Verantwortlichen im Vor- und Umfeld ist die politische Relevanz des Filmfests längst zu einem Klischee verkommen. Besonders schade wäre es daher, sollte dies über tatsächliche entsprechende Leistungen "der Berlinale" hinwegtäuschen. In Wahrheit besteht der Einfluss seiner Leitung auf das Politische des Festivals zumeist lediglich in der Auswahl und dem Übergehen bestimmter Filme, vielleicht noch einem interpretationsanleitenden Grußwort – zumindest insoweit dies die politische Qualität der Kunst des Jahrgangs betrifft. Umso erfreulicher, dass sich Kosslick & Co. angesichts der Flüchtlingsthematik aktiv in das Zeitgeschehen eingeschaltet haben: 18 Hospitanzen für Geflüchtete, das Projekt "Patenschaft für Kinobesuche" sowie eine offizielle Spendenaufforderung sind als erste Früchte einer neuen Engagiertheit der Berlinale sehr zu begrüßen.
Prompt hat auch Meryl Streep mitgetan und als Vorsitzende Richterin über die Hauptsektion dem gegenwartsrelevantesten Film des Wettbewerbs dessen höchste Würde verliehen. Die dramatischen Dokumente der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer mit der entwaffnenden Alltäglichkeit auf Lampedusa zu konfrontieren, war ebenso riskant, wie es Gianfranco Rosi hier auf ganzer Linie geglückt ist. Nicht übersehen werden darf gleichzeitig der pur filmische Wert von Fuocoammare, dem verdientesten Goldenen Bären seit sehr langem. Neben der Adelung als bester Wettbewerbsfilm hat Rosis Werk auch einen Preis der Ökumenischen Jury sowie den Amnesty International Filmpreis erhalten.

Titel, Themen, Tendenziöses

Mit Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo), der den Großen Preis der Juroren um Streep erhielt, hat auch die FIPRESCI-Jury den gelungensten Film des Hauptprogramms von historischer Bedeutung hervorgehoben. Während sich Danis Tanović dramaturgisch elegant um die Aufarbeitung der europäischen Vergangenheit verdient macht, hinterlassen die geschichtsträchtigen Wettbewerbsbeiträge zu Schauplätzen in Afrika (Cartas da guerra), Nordamerika (Genius) und dem nahöstlichen "Niemandsland" (Soy Nero) einen blassen bis tendenziösen Eindruck. Auf einer weitaus kleineren Ebene politisch und umso wirksamer zeigen sich dagegen filmische Perlen wie der meditative Chang Jiang Tu (Crosscurrent) und der mutige Zjednoczone stany milości (United States of Love). In der runden Woche seit seiner Premiere vergleichsweise schlecht gealtert scheint wiederum Anne Zohra Berracheds einzige 'echt' deutsche Kandidatin 24 Wochen, die viel ihrer unmittelbaren Wirksamkeit eingebüßt hat – so immens wichtig ihr Thema Schwangerschaftsabbruch fraglos bleibt.

Verdiente Auszeichnungen

Der Jahrgang der nachvollziehbaren Berlinale-Preise: Wenn sich der notorisch über Auszeichnungen nörgelnde Filmkritiker wundert, ob sein persönlicher Geschmack nun zur allgemeinen Konsensmeinung geworden – aufgestiegen? degeneriert? – ist, mag das ein sicheres Zeichen für besondere Zeiten sein. Neben der wichtigen und richtigen Vergabe des Hauptpreises an Fuocoammare gehen auch sämtliche der weiteren Entscheidungen von Meryl Streep & Co. mehr als in Ordnung: Insbesondere freuen die Versilberungen der Regie von L'avenir (Mia Hansen-Løve), des Drehbuchs zu United States of Love (Tomasz Wasilewski) sowie der Kamera bei Crosscurrent (Mark Lee Ping-Bing). Diese nicht immer naheliegenden Würdigungen trösten auch darüber hinweg, dass der thematisch angebrachte und schön erzählte Quand on a 17 ans gänzlich leer ausgegangen ist.
Von seltener Schlüssigkeit auch das Gros der vielen weiteren im Rahmen der Berlinale vergebenen Preise. Junction 48, den nach singulärer Radio-X-Meinung – siehe nebenstehende Rangliste – besten Film des gesamten Jahrgangs(ausschnitts), hat das Publikum zum Sieger der Spielfilm-Sparte des Panoramas gekürt. Sara Jordenös begeisternder Kiki darf sich fortan mit einem sehr passenden Teddy als Bester Dokumentar-/Essayfilm schmücken. Vielleicht lässt sich die gefühlt hohe Trefferquote der Juror_innen des Fachs und Fußvolks in diesem Jahr auch einfach durch glückliche Zufälle bei der individuellen Festivalprogrammierung erklären.

Wortakrobatik gegen Gewalt

Junction 48 und Kiki eint zudem der Bezug zum musikalischen Teil der Black Culture. Zugegeben: Jordenös Film stellt die Verbindung eher indirekt vor, als rhythmische Untermalung der Voguing-Wettbewerbe. Auch der repräsentativ lesbare Tupac-Biggie-Dialog dreier US-Soldaten in Soy Nero (die allerdings beste Szene des Films) sowie die stimmungsvolle musikhistorische Brücke von Jazz zu Hip-Hop am Ende von Miles Ahead sind den jeweiligen Schwerpunkten der Filme sicherlich untergeordnet. Zumindest mit Udi Alonis Panorama-Publikumspreisträger und Spike Lees außerhalb der Wettbewerbskonkurrenz gezeigtem Chi-Raq ist der Hip-Hop als diesjähriges Tendenzthema, vor allem aber auditiv-performatives Stilmittel des aktuellen Weltkinos ernst zu nehmen. Der gesellschaftlich bewusste, hegemoniale Verhältnisse auf- und angreifende Rap führt damit zurück zu den überaus ideologiekritischen Wurzeln dieser Kultur. Wie ermutigend, dass Aloni und Lee aus diesen Ursprüngen des Sprechgesangs solch kraftvolle Gegenentwürfe zur Gewaltdominanz im Nahen Osten und Süd-Chicago genährt haben!

Babylon Revisited

Ernsthaft problematisch bleibt auf der Berlinale die leidige Untertitel-Thematik. Warum die Praxis der zweisprachigen Einblendungen bei allen Wettbewerbsfilmen fortgesetzt wird, obwohl deren Unsinnigkeit immer deutlichere Züge trägt, scheint rätselhaft bis ärgerlich. Als ob die massive grafische Überlagerung, ja: Verfälschung des Bildmaterials nicht fragwürdig genug wäre, haben die zweieinhalb in schwarz-weiß gedrehten Beiträge des Hauptprogramms (United States of Love mit eingerechnet) die zusätzlich farbliche Misshandlung der Filme durch den weiß-gelben Textbrei enttarnt. Nochmals klipp und klar: Wer des Basis-Englischs auf heutigem Grundschulniveau der – auch diesmal wieder stark fehlerhaften – Untertitelungen nicht mächtig ist, hat zumindest in den Pressevorführungen eines Internationalen Filmfestivals nichts zu suchen.

Festivalausrüstung 2.0

Zwei wichtige Verbesserungen hatte die Berlinale 2016 für Pressevertreter_innen parat. Von der ersten profitiert im Grunde das gesamte Publikum: Dank eines neuerlichen Updates stellt die kostenfreie Berlinale-App für Smartphones und Tablets in diesem Jahr erstmals eine tatsächliche Erleichterung des Festivalalltags dar. Das betrifft insbesondere die Programmübersicht, die nun erheblich bei der Auswahl der Filme und der Zusammenstellung eines individuellen Zeitplans hilft – die sich zudem bequem (wenn auch mit einem kleinen Bug der Erinnerungsfunktion) in den geräteeigenen Kalender übertragen lässt. Während das umständliche Hantieren mit analogen Broschüren und Handzetteln also endlich ein Ende hat, besteht auch bei der aktuellen App-Version weiterer Verbesserungsbedarf: Etwa könnte die App künftig die Panorama-Abstimmung enthalten, auf allen Geräten im Hoch- und Querformat verfügbar sein und bitte dringend auf die willkürlich aufpoppende Aufforderung zur Nutzung gewisser Online-Kommunikationskanäle verzichten.
Mindestens ebenso zeitgemäß und festivalalltagsförderlich auch die hochwillkommene Neuerung, im Pressezentrum im Hyatt, jener publizistischen Hauptherzkammer der Berlinale, für die Akkreditierten unentgeltliche Kaffeespezialitäten anzubieten. Natürlich gesponsert von einem namhaften Anbieter koffeinhaltiger Heißgetränke, mag diese schmackhafte Versorgungsmaßnahme manches Tagespensum um einen ganzen Film bereichert haben. Davon bitte gerne mehr, wenn es am 9. Februar 2017 heißen wird: Vorhang auf für 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin!

Sonntag, 21. Februar 2016

Tag 10: Die Bären

Mit Meryl Streep hatte die diesjährige Internationale Jury ihre vielleicht berühmteste Präsidentin. Vier Bodyguards ließen die dreifache Oscargewinnerin und weitere sechzehnmal Nominierte auch während der Pressevorführungen nicht aus den Augen. Erstmals blieb die Sitzreihe hinter den Juroren aus Sicherheitsgründen gesperrt. Doch geht der nochmals erhöhte Prominenzgrad mit einer besonderen Jury-Eignung einher? Offenbar – dafür sprechen wenigstens die Entscheidungen, die Streep gemeinsam mit Lars Eidinger (deutscher Schauspielkollege), Nick James (britischer Filmkritiker), Brigitte Lacombe (französische Fotografin), Clive Owen (britischer Schauspieler), Alba Rohrwacher (italienische Schauspielerin) und Malgorzata Szumowska (polnische Regisseurin) getroffen hat:

Goldener Bär für den Besten Film: Fuocoammare (Fire at Sea) von Gianfranco Rosi
Seltsam selten: Eine vollkommen richtige Vergabe des Hauptpreises, mit der die Mehrheit des Publikums, der Kritiker und überhaupt des Festivals einverstanden sein dürfte. Angesichts der aktuellen globalen Lage ist diese Auszeichnung eines Films über die „Flüchtlingskrise“ natürlich auch ein politisches Signal – aber eben nicht nur: Rosis Dreivierteldokumentation ist auch ganz abgesehen von der Thematik der innovativste, cleverste und mitreißendste Beitrag dieses Jahrgangs.

Großer Preis der Jury – Silberner Bär: Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo) von Danis Tanović
Auch die Würdigung des sehr unterhaltsam erzählten, aber vor allem politisch-historisch bedeutsamen neuen Films von Danis Tanović ist hochverdient. Den bosnischen Filmemacher mag etwas wurmen, dass er nach 2013 wieder „nur“ den zweiten Preis der Wettbewerbskonkurrenz erhält. Gerade dass diese Auszeichnungen jedoch für zwei so radikal unterschiedlich inszenierte Werke erfolgt sind, spricht enorm für Tanović’ Weiterentwicklung zu einem der wichtigen gegenwärtigen Regisseure in Europa.

Beste Regie – Silberner Bär: Mia Hansen-Løve für L'avenir
Im Feld einer ganzen Reihe möglicher Preisträger_innen – etwa Landsmann Thomas Vinterberg, der Chinese Yang Chao, die Deutsche Anna Zohra Berrached – hat sich die 35-jährigen Dänin zu Recht durchsetzen können. Mit einer für ihr Alter erstaunlichen Routine und Ruhe führt sie ihre wunderbare Hauptdarstellerin Isabelle Huppert und versprühte mit dem angenehm akademischen Film im nasskalten Berlin eine sanfte Prise Sommer.

Alfred-Bauer-Preis – Silberner Bär: Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery)
Der wohl unvermeidliche Preis für das achtstündige Marathonwerk [ungesehen].

Bestes Drehbuch – Silberner Bär: Tomasz Wasilewski für Zjednoczone stany milości (United States of Love)
Eine ebenso überraschende wie großartige Anerkennung des erzählerischen Mutes des jungen polnischen Autors (und Regisseurs), die das Missfallen einiger Teile des Pressekollegiums endgültig als reaktionäres Banausentum entlarvt. Auch der Schachzug der Jury, gerade die Skizzierung der ausgefallenen Struktur des Films zu prämieren, ist absolut folgerichtig.

Beste Darstellerin – Silberner Bär: Trine Dyrholm in Kollektivet (The Commune)
Einerseits ist dieser Preis das verdiente Lob einer ungemein wandlungsfähigen und dennoch stets glaubhaften Darstellung, mit der Dyrholm der tausendfach gesehenen Rolle der betrogenen Ehefrau tatsächlich neue Nuancen abgewinnt. Andererseits mag der Bär aber auch als schlüssige stellvertretende Berücksichtigung für Thomas Vinterbergs stimmungsvollen Film insgesamt verstanden werden.

Bester Darsteller – Silberner Bär: Maja Mastour in Inhebbek Hedi (Hedi)
Auszeichnung des tunesischen Beitrags von Mohamed Ben Attila [ungesehen].

Herausragende Künstlerische Leistung – Silberner Bär: Mark Lee Ping-Bing für die Kamera in Chang Jiang Tu (Crosscurrent)
Und noch ein letzter Volltreffer der Internationalen Jury, der den besten Aspekt eines auf unoffensichtliche Weise unwiderstehlichen Wettbewerbsfilms herauspickt. Ping-Bing findet für die textliche Poesie im Film mehr als adäquate, visuell förmlich süchtig machende Bilder. Seine Kamera liefert den atemberaubenden Anstrich dieses geheimnisvollen, meditativen Liebes- und Lebensfilms.

Samstag, 20. Februar 2016

Tag 9: Queer heute

Die Aufwertung der Berlinale-App, die die individuelle Festivalplanung nun erstmals aktiv erleichtert, gehört zu den positiven organisatorischen Neuerungen dieses Jahrgangs. In der Programmübersicht der App gibt es eine Rubrik namens "was läuft jetzt". Am gestrigen achten Tag wurde dort ganze neun (!) Stunden lang der Filmtitel Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) angezeigt. Mit 485 Minuten Laufzeit (plus einstündiger Pause) ist dem Mammutwerk von Laz Diaz der Rekord als längster Wettbewerbsbeitrag bereits sicher.

Ein Double Feature der beiden Panorama-Dokumentarfilme zum queeren Stand der Dinge, Inside the Chinese Closet und Kiki, hätte im gleichen Zeitraum dreimal gezeigt werden können – der Erstgenannte alleine bequem ganze sechsmal hintereinander einschließlich drei Viertelstundenpausen.
Zunächst ist der Schauplatz das nicht eben für seine gesellschaftspolitische Fortschrittlichkeit bekannte Festlandchina. Gewidmet ihren eigenen Eltern, hat sich die Italienerin Sophia Luvarà, finanziert mit niederländischen Mitteln, Inside the Chinese Closet begeben. Zwar begleitet sie primär den schwulen Andy und die lesbische Cherry, doch in Wahrheit geht es noch eher um die Elterngeneration. "When I came out of the closet, my father went into it", fasst Andy die Situation einmal sehr treffend zusammen. Nach der ersten Selbstbefreiung folgt für junge Chines_innen ein zweiter, oft ebenso nagender Kampf: den schockierten Eltern im Umgang mit ihrer "abnormalen" Lebensweise (so Cherrys Mutter) beizustehen. Ebenso traurig wie wahr.
Noch konkreter beschäftigt sich Luvaràs nachdenklich stimmender, aber hin und wieder auch heiterer Film mit dem grotesken Nachwuchswunsch, den weder Andys noch Cherrys Eltern aufzugeben bereit sind. Also ab zum schwul-lesbischen Scheinheiratsmarkt, die aktuelle Preisliste für in der lokalen Klinik zurückgelassene Säuglinge gecheckt – und schon stehen der traditionsgerechten Enkelkinderproduktion bloß Formalitäten im Weg!

Den LGBT-Diskurs um das T wie Transgender erweiternd, macht Kiki der schwedischen Aktivistin und Filmemacherin Sara Jordenö ein ganzes Stück mehr Hoffnung auf ein hirnbarrierefreies Miteinander jenseits geschlechtlicher und sexueller Grenzziehungen. Exakt 25 Jahre nachdem Paris Is Burning die Berlinale eroberte und die schillernde Ballroom-Szene New Yorks vorstellte, liefert Jordenö sozusagen ein inoffizielles Update nach. Sieben Jugendliche und junge Erwachsene der Black LGBT Community lässt sie zu Wort kommen bzw. sich visuell-performativ ausdrücken. "Voguing" nennt sich die Mischung aus Tanz, Karneval und Posing, in der sich die Darsteller_innen auch heute noch auf Bällen miteinander messen. Neben der Dokumentation dieser in jeder Hinsicht toll bunten Veranstaltungen können die Portraitierten ihr enorm reflektiertes Verständnis weiterhin hochaktueller Fragestellungen wie Homo- und Transphobie, Heteronormativität oder Identitätskonstruktion zum Ausdruck bringen.
Die große Stärke von Kiki liegt gerade darin, dass Jordenö der Intelligenz der jungen Menschen vertraut und sich selbst ganz im Hintergrund des Films hält. Am affektiv wirksamsten sind die fast statischen Portraits der Kikis, wenn diese jeweils wortlos direkt in die Kamera blicken. In diesen extremen Nahaufnahmen scheint sich tatsächlich jene Idealvorstellung des frühen Filmtheoretikers Béla Balázs zu verwirklichen: ein filmischer Blick ins Seeleninnere. Ein wunderschöner, mutiger und Mut machender persönlicher Berlinale-Abschlussfilm!

Ferner liefen... (Tag 7/8/9)

Perspektive Deutsches Kino: Toro

Im Vergleich zum Dokumentarischen ist es mit den Mittel der Spielfilmdramaturgie einfacher möglich, bestimmte Topoi ambivalent zu erzählen. Martin Hawes Uni-Abschlussfilm Toro nutzt dieses Potenzial, indem er die Option der Queerness seines Protagonisten im Ungefähren belässt. Die beiden zentralen Figuren des Films, Toro und Victor, sind grundverschieden. Die Freunde und Nachbarn eint, dass sie sexuelle Dienste verkaufen, um ihrem bisherigen Dasein zu entfliehen: Toro an zumeist ältere Frauen, Victor an zumeist ältere Männer. Doch während Toro diszipliniert ist und für die Rückkehr in seine polnische Heimat spart, kann Victor seine Drogensucht nicht kontrollieren und verschuldet sich immer höher. In kontrastreicher Schwarzweißfotografie nüchtern eingefangen, steuert der weitgehend konventionelle Plot auf eine fatale Entladung der Konflikte zu. Entgegen Erwartungshaltungen, die sich auf sein bulliges Äußeres – daher der titelgebende Spitzname der Hauptfigur – berufen, ist das Spiel Paul Wollins in der Rolle des Piotr alias Toro sehr vielgestaltig. Neben dem passenden Look des Films sorgt Wollin dafür, dass sich Toro ein durchaus gelungenes Regiedebüt ist.


Wettbewerb: Zjednoczone stany milości

Zum zweiten Mal in diesem Jahr vereinzeltes Buhen aus dem Presse-Auditorium für eine Vertreterin der Wettbewerbskonkurrenz. Diesmal unberechtigt und klares Symptom mangelnder Geduld. Oder für ein Verhaftetsein in normativen Körperbildern. Oder Misogynie. Kein Zweifel: Angenehm anzuschauen ist der Spielfilm Zjednoczone stany milości (United States of Love) nicht gerade. In stark farbentsättigten, fast monochromen Bildern portraitiert Tomasz Wasilewski vier Frauen im Polen der frühen Neunziger, kurz nach dem Mauerfall. Die vier Schicksale, die der Film abgesehen von gelegentlichen (aus der Chronologie fallenden) Überschneidungen nacheinander betrachtet, sind nicht nur durch das Treppenhaus eines tristen Plattenbaus miteinander verbunden. Alle vier Frauen befinden sich zudem auf der verzweifelten Suche nach schier Unerreichbarem: Die lethargische Familienmutter Agata begehrt den örtlichen Priester, Schulrektorin Iza frustriert ihre langjährige Affäre mit dem verheirateten Dorfarzt, die verwitwete Lehrerin Renata sehnt sich nach einem Tochterersatz, Sportpädagogin Marzena träumt von einer Modelkarriere im Ausland. Alleine dass Wasilewski dem naheliegenden Versuch widerstanden hat, die vier Handlungsstränge parallel zu erzählen, verdient Respekt. Das narrative Konzept seines Drehbuches und seiner Regie ist komplexer, dadurch zugegebenerweise auch deutlich sperriger. Aber durchzuhalten lohnt hier: In ihrer Gesamtheit geht die ungewöhnliche Struktur voll auf, wird United States of Love zwar nicht dem durchaus merkwürdigen Titel, aber doch dem ambitionierten Anliegen gerecht. Obwohl sich somit Ähnlichkeiten der jeweiligen Lebenssituationen der Frauen ergeben, behält jeder der Fälle etwas Autarkes. Bewundernswert auch der Mut der Darstellerinnen zur Nacktheit, die Wasilewksi hier einmal vollkommen entgegen körperlicher Hegemonialvorstellungen einsetzt. Das hörbare Unbehagen, das gerade dieser Aspekt des Films bei Teilen des Publikums ausgelöst hat, sollte der Filmemacher als ungewolltes Kompliment für sein nachhaltig wirkendes Werk verbuchen.


Perspektive Deutsches Kino: Die Prüfung

An einer deutschen Schauspielschule aufgenommen zu werden, gilt mancherorts als Metapher für das schier Unerreichbare, als Pendant zum "Sechser im Lotto". Mit dem vom damaligen Berlinalepublikum gekürten Dokumentarfilm Die Spielwütigen hat Andres Veiel 2004 die Seite der Bewerber_innen und Studierenden in Blick genommen. Regiekollege Till Harms ist, so lässt er im Q&A nach dem Screening wissen, nicht sonderlich gut auf Veiels Film zu sprechen – zu oft hatte er in der Planungsphase seines Projekts rechtfertigen müssen, "noch einen Film über Aufnahmeprüfungen" drehen zu wollen. Im Gegensatz zur damaligen Langzeitstudie, die vier Student_innen in Berlin begleitet hatte, wendet sich Die Prüfung nun schwerpunktmäßig der Dozierendenseite zu. Stimmig montiert, gewährt Harms spannende Einblicke hinter die Kulissen (hier einmal wörtlich zu nehmen!) des mythenumrankten Auswahlprozesses, in diesem Fall an der Staatlichen Schauspielschule Hannover. In der Tat vermenschlicht der Film allzu vage Vorstellungen der vielfach als willkürlich verstandenen Entscheidungen, indem vor allem die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Auswahlkommission anschaulich werden. Eine sehenswerte Dokumentation, die dank des Indie-Verleihs Mindjazz demnächst auch in einigen Kinos gezeigt werden wird.

Freitag, 19. Februar 2016

Tag 8: Yankees, Look Home!

Selbstkritik mag die ultimative Form der Reflexion sein: das eigene Denken und Handeln in Frage zu stellen also. Natürlich ist es etwas anderes, ob sich die Problematisierung auf das individuelle Selbst bezieht oder auf die letztlich instabile Zugehörigkeit zu einem Kollektiv. Nationalitäten sind solche sozialen Gefüge, denen man* sich sowohl zugehörig fühlen als auch gleichzeitig kritisch gegenüber verhalten kann. Mehr oder minder gilt das auch für drei amerikanische Berlinale-Filme des achten Tages: die Dokumentarfilme Zero Days und Where to Invade Next sowie den Spielfilm Goat.

Zero Days (Wettbewerb) wendet sich der vielleicht besorgniserregendsten Malware des digitalen Zeitalters zu. Oscarpreisträger Alex Gibney (Taxi to the Dark Side, 2007) setzt mit der Entdeckung des mächtigen Computervirus Stuxnet im Jahr 2010 an und gräbt sich von den Namensgebern des komplexen Codes zunächst rückwärts zu Grundlagen des Hackings. Der Hauptteil des Films arbeitet sich dann an den mit hoher Wahrscheinlichkeit staatlichen Ursprüngen von Stuxnet (USA & Israel) ab, schließlich werden auch die Folgen erwogen. Ästhetisch setzt Gibney auf Altbewährtes: sprechende Köpfe, Archivmaterial und digitale Visualisierungen des Virtuellen. Nur ein Element fördert – auf der darstellerischen wie auf der informativen Ebene – wirklich Überraschendes zutage: das auffallend 'anders' verfremdete Gespräch mit einer direkt an Stuxnet alias "Olympic Games" (so der interne Codname) beteiligten NSA-Agentin.
Abgesehen von diesem auch medientheoretisch interessanten Aspekt liefert Gibneys Werk nicht mehr und nicht weniger als eine gute, etwas lange Zusammenfassung der skandalösen Bewandtnisse. Wer der moralischen Obligation dieses Films das Wort redet, dem sei entgegnet: Sicherlich gehört diese Geschichte auch unter dem weltweiten Kinopublikum verbreitet. Aber wenn die finale Forderung von Zero Days nicht mehr als eine Debatte über Digital Warfare ist, wenn es bei völliger Kapitulation vor seiner Unvermeidlichkeit nur noch um die Regeln eines solchen 'neuen Kriegs' geht, ist das doch recht schwach. Oder schrecklich pragmatisch.

Zero Days
Animation
© Berlinale
Dagegen taucht Michael Moore mit Where to Invade Next (Berlinale Special) tatsächlich etwas tiefer in den politischen Status quo der USA ein – und das, ohne eine einzige Minute auf heimischem Boden gedreht zu haben. Nationalitäten, so führt Moore indirekt vor, können eben nicht nur als soziale Gemeinschaften verstanden werden, sondern sind erst einmal differenzlogische Gebilde. Von einer Nation zu sprechen, ist alleine möglich, indem damit eine Abgrenzung zu etwas/jemand 'Anderem' vollzogen wird. Folglich ist Moores Film eine Reise durch andere, hauptsächlich europäische Länder, die auf unterschiedlichen Gebieten als Vergleichsfolien dienen. Ob er die Arbeitsbedingungen in Italien, das Gefängniswesen in Norwegen oder weibliche Unternehmerinnen in Island beleuchtet – der Fluchtpunkt bleibt stets der Zustand in den USA, exemplarisch rekapituliert per TV-Archivaufnahmen. Moores erster Kinofilm seit sechs Jahren operiert mit der üblichen Mischung aus Selbstkasteiung und Selbstdarstellung, aus der Inszenierung der Figur Moore, zugespitzten Absurditäten und schockierenden Bild-Ton-Dokumenten. Auffallend bloß, dass sich der Filmemacher im letzten Filmdrittel zurücknimmt, als es nämlich um die feministische Agenda (deren ihrerseits heftige Differenzlastigkeit nur ansatzweise reflektiert wird) geht. Insgesamt ist auch Where to Invade Next stark pointiertes USA-Bashing – dargeboten mit einem durch und durch amerikanischen Gestus.

Barack Obama, auf dessen Politik sich sowohl Zero Days als auch Where to Invade Next explizit beziehen, ist nicht nur der erste afroamerikanische US-Präsident, sondern auch der erste seit vielen Jahrzehnten, für den sich in einer Kurzrecherche keine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung nachweisen ließ [Korrekturen bitte in den Kommentaren!]. In eine den beiden Dokumentationen anverwandte Kerbe schlägt insofern auch Goat – seinerseits mit den Mitteln des Fiktionalfilms. Das im Panorama gezeigte Drama des Amerikaners Andrew Neel vollzieht die gewaltdominierte Sozialisierung der weißen Mittel- und Oberschicht nach. Aus der Perspektive eines leider auch nicht immer nachvollziehbar agierenden Erstsemesters (Ben Schnetzer) stehen die abartigen Aufnahmerituale elitärer Bruderschaften im Mittelpunkt der Handlung. Prekär ist diese Praxis nicht alleine, weil viele der Peiniger bald darauf zum Kreise der obersten politischen Entscheider des Landes zählen werden.
Fraglos erschüttern die immer neuen Torturen, denen auch der Protagonist ausgesetzt wird, wenngleich diesen das Premierenpublikum wiederholt – äußerst befremdlicherweise – lautes Lachen zollte. Durch das Fehlen jeglicher zur Identifikation geeigneter Charaktere ist Goat außer der kritischen Selbstbetrachtung der fortschreitenden Verrohung amerikanischer Männlichkeitsbilder wenig abzugewinnen.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Tag 7: Dramödiantisches

Die Grenze zwischen Spaß und Ernst ist auch in der Filmdramaturgie fragil. Ob nun humorvolle Einlagen im Drama oder schwerfällige Momente in der Komödie: An der Frage der rechten Balance scheitern kommerzielle wie unabhängige Produktionen regelmäßig. Es wie Thomas Vinterberg bzw. Dominik Moll zu halten und beide Pole der Skala ausgewogen nebeneinander zu stellen, klingt nach dem bequemeren Weg. Deren jeweilige Wettbewerbsbeiträge Kollektivet (The Commune) und Des nouvelles de la planète Mars (News from Planet Mars) mögen diese Vermutung zu Unrecht als allgemeingültig stärken – so beschwingt gelingt der Drahtseilakt hier.

Dass das Drehbuch von Kollektivet lose auf eigenen Kindheitserfahrungen des dänischen Autors und Regisseurs beruht, merkt man insofern. Vergnügt und aufrichtig wie nicht mehr seit seinem Dogma-Erfolg Das Fest (1998) kommt Vinterbergs neuer Film daher. In dessen Halbfiktion erbt ein Familienvater und Unidozent (Ulrich Thomsen) Anfang der 70er ein geräumiges Haus vor den Toren Kopenhagens. Um den Unterhalt der unverhofften Bleibe bestreiten zu können, erweitert er diese zu einer bunt zusammengewürfelte Kommune. Als das basisdemokratisch geregelte Miteinander kaum begonnen hat, stolpert er in eine Affäre mit einer Studentin. Zunächst reagiert seine Ehefrau, eine bekannte Nachrichtensprecherin (vielseitig: Trine Dyrholm), erstaunlich verständnisvoll und schlägt sogar selbst vor, diese (ein Hauch Bardot: Helene Reingaard Neumann) mit in die Kommune aufzunehmen. Doch bald dramatisiert sich die Lage, ohne dass der Film an warmem Humor verlöre – einschließlich der wohl schönsten (!) Todes- und Beerdigungsszene des Festivals.

Kollektivet
Diverse
© Berlinale
Vinterbergs französischer Kollege Moll gelangt mit etwas anderen Mitteln zu einem vergleichbar erheiternden und stimmigen Ergebnis. Sein Des nouvelles de la planète Mars wählt die bitterböse Tour. Der Titel führt in die Irre: Kein Sequel von Gravity (den bloß die kurze Auftaktszene vage zu zitieren scheint) oder The Martian hat Moll fabriziert, sein Protagonist trägt vielmehr den Namen Mars. Philippe Mars (François Damiens) ist ein Geprügelter. Die Ex-Frau – wie ihr Counterpart in Kollektivet im TV der Diegese zu sehen – hält sich nicht an Abmachungen, die pubertierenden Kinder sehen ihn als nervigen Loser, der Arbeitskollege wirft ihm mit einem Hackebeil das halbe Ohr ab. Die üblichen Päckchen eben, die ein alleinerziehender Informatiker Ende 40 zu tragen hat.

Wie ein Fremdkörper auf dem eigenen Planeten muss sich dieser Monsieur Mars fühlen. Die filmischen 'Neuigkeiten' über seine in jedem Sinne eigene Welt sprühen nur so vor grotesken Situationen und krassem Zynismus: der 12-jährige Sohnemann wird von einer Klassenkameradin sexuell genötigt, der cholerische Ohrabschneider entflieht der Psychiatrie ausgerechnet in Philippes ohnehin von allerlei Getier bevölkerter Wohnung. Als sich im eigenen Esszimmer dann auch noch eine Kampfgruppe radikaler Fleischgegner formiert, ist das Chaos endgültig komplett. Eine gerade im Festivalalltag willkommen kurzweilige Tiefschwarzkomödie.

Ferner liefen... (Tag 4/5/6)

Wettbewerb: Chang Jiang Tu

Im Deutschen ist die Analogie zwischen der Bewegung von Wasser und der von Gedanken ohne Weiteres offensichtlich: beides fließt. Diese sprachliche Brücke von der Physik zur Metaphysik baut der formidable chinesische Wettbewerbsbeitrag Chang Jiang Tu (Crosscurrent) kinematografisch. Yang Chao fördert so etwas wie die hübschere und intelligentere Schwester von Konkurrentin Cartas da Guerra zutage. Aus der Heirat extrem attraktiver Bilder mit zitierten Weisheiten entsteht eine sogförmige audiovisuelle Collage, auf die es sich allerdings einzulassen gilt. Dem Flow der Poesie entspricht der Flusslauf des Jangtse, den ein Frachtschiffkapitän stromaufwärts befährt. Die Stationen seines Weges, seine flüchtigen Begegnungen mit einer jungen Schönheit sprengen Zeit und Raum, sie machen Chang Jiang Tu zu einer tranceartigen Meditation über das dahinfließende Wesen der Liebe.


Panorama Special: Maggie's Plan

Wie L'avenir in akademischen Kreisen einer westlichen Meteopole angesiedelt, erzählt Rebecca Miller in ihrer gediegenen RomCom von den Irrungen und Wirrungen der dreißigjährigen Maggie. Just als sie sich gerade selbst künstlich befruchten will (sic!), tritt ein unglücklich verheirateter Dozentenkollege und Möchtegern-Romanautor (adäquat überfordert: Ethan Hawke) in Maggies leicht chaotisches Leben. Flugs sind die beiden ein Paar und bekommen ein gemeinsames Kind. Doch dann entliebt sich Maggie und fasst einen neuen Plan: den Kindesvater wieder mit seiner Ex-Frau (mit herrlichem finnischen Akzent: Julianne Moore) zu verkuppeln. Viel von seiner humorvollen Luftigkeit verdankt Maggie's Plan Noah Baumbachs Muse Greta Gerwig, die in dieser exorbitant entzückenden Hauptrolle letzte verirrte Zweifler an ihrer Sahnehaubigkeit umstimmen sollte.


Berlinale Special: Miles Ahead

Ähnlich wie im vorletzten Jahr Get on Up verlegt sich auch Don Cheadle in seiner ersten Regiearbeit auf die Exzentrik eines legendären afroamerikanischen Musikers. Nach James Brown ist es nunmehr Jazz-Ikone Miles Davis, dem ein längst unerlässliches Film-Denkmal errichtet wird. Als Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller hat Cheadle diese Aufgabe fast im Alleingang bewältigt. Sein vielsagend betitelter Miles Ahead ist ein dynamisches Portrait, das die menschlichen Schattenseiten vor das leuchtende musikalische Genie Davis' stellt. Als sehr passend für diesen Zugang erweist sich der im besten Sinne sprunghafte Aufbau des Narrativs. Den Rahmen bildet eine zweitägige Tour de Force zum späten Comebackversuch des Meisters, auf der Davis ein idealistischer Reporter (Ewan McGregor) begleitet. Davon ausgehend konzentrieren sich die blitzartig ausgelösten Rückblenden - wie treffend hier einmal der englische Begriff Flashback! - auf die verkorkste erste Ehe des Trompeters und Komponisten mit Frances Taylor (Emayatzy Corinealdi). In seiner Gänze macht sich Miles Ahead sehr clever das jazzige Prinzip der Improvisation zunutze, mit der Schlussszene und dem Abspannsong gelingt zuletzt sogar eine stimmungsvolle Brücke zur musikalischen Gegenwart.