Freitag, 24. Februar 2012

Berlinale 2012: Ein Rückblick

Das also war sie, die Berlinale 2012. Oder vielmehr meine Berlinale 2012. Was überhaupt nicht egoistisch gemeint ist – nur realistisch. Wenn man von einem Festival, das genau 395 Filme umfasst, exakt 30 davon gesehen hat, steht einem schlicht nicht mehr zu als eine ganz persönliche Einschätzung. Gut siebeneinhalb Prozent – die wären nicht nur in der Politik zu wenig, um weltumspannende Reden zu schwingen.

Wettbewerb

Die eigenartigen, aber leider eben eigenartig konservativen Entscheidungen der Internationalen Jury um Mike Leigh haben den Schlusspunkt des diesjährigen Wettbewerbs, der Hauptprogrammsektion, gebildet. Der Goldene Bär für Cesare deve morire (Caesar Must Die) der beiden italienischen Ü80er Paolo und Vittorio Taviani erscheint vielen doch eher merkwürdig für ein Festival, das sich erklärtermaßen Nachwuchsfilmern und dem jungen Kino verschrieben hat. Wie bei vielen großen Auszeichnungen für vergleichsweise vernachlässigenswerte Filme aus der Spätphase der jeweils Prämierten fragen sich auch in Berlin nicht wenige, ob hier nicht eher dem Lebenswerk der Gebrüder Taviani gehuldigt werden sollte.

Paolo und Vittorio Taviani
© Berlinale

Als überzogen müssen auch die beiden Bären für Die Königin und der Leibarzt gewertet werden, einem soliden, aber konventionellen Kostümfilm über Dänemark zu Zeiten der Französischen Revolution. Während der Darstellerpreis für Mikkel Boe Følsgaard (als Christian VII.) noch in Ordnung geht – den allerdings Mads Mikkelsen in der Hauptrolle des deutschen Arztes ebenso verdient hätte – ist der Drehbuch-Bär unverständlich. Wie erwähnt, verarbeitet der durchaus vergleichbare Wettbewerbsbeitrag Les adieux à la Reine (Leb wohl, meine Königin!) die umstürzlerische Zeit wesentlich gebrochener und doch frischer. Viel nachvollziehbar sind indes die Silberne Bären für Regisseur Christian Petzold (Barbara) und das beklemmende ungarische Drama Just the Wind, dem übrigens auch der Friedensfilmpreis sowie der Amnesty-International-Filmpreis der Berlinale zuerkannt wurden.

Christian Petzold
© Berlinale

Entsprechend positiv ist auch mein insgesamter selektiver Eindruck des Berlinale-Wettbewerbs 2012. Unbedingt erwähnenswert – und zu Unrecht leer ausgegangen – sind vor allem Billy Bob Thorntons Jayne Mansfield's Car, ein heimlicher Antikriegsfilm, verkleidet als groteskes 60er-Jahre-Familiendrama, sowie Hans-Christian Schmids Was bleibt, ein gänzlich unverkleidetes Familiendrama. Gleichzeitig sind die beiden Werke somit auch Ausdruck eines der übergreifenden Themen dieses Jahrgangs, der sich zentral und in allen Facetten innerfamilären Konflikten gewidmet hat. Bemerkenswert auch, dass es im Wettbewerb dieses Mal keinen einzigen Totalausfall zu verzeichnen gab – auch nicht Matthias Glasners Gnade, der dennoch viel zu lang und offensichtlich ist, oder den formelhaften Horror-Fremdling Dictado.

Highlights

Zu den stilleren Höhepunkten außerhalb des Wettbewerbs zählt mein persönlicher Lieblingsfilm Friends After 3.11, Shunji Iwais wahrhaft unfassbar differenzierte und tiefschürfende Dokumentation über die Erdbeben-Tsunami-Atom-Katastrophe und deren Folgen. Empfehlenswert ist auch der sicherlich sehr lange, aber ebenso lohnenswerte Dokumentarfilm Marley, der die empörende Informationslücke über den großen Bob Marley endlich schließt. Der für das Selbstverständnis des Kinos wichtigste Beitrag der Berlinale ist die Dokumentation Side by Side, die die Digitalisierung des Mediums thematisiert. Produzent und Interviewer Keanu Reeves ist zu verdanken, dass darin fast jeder US-Filmschaffende von Rang und Namen zu Wort kommt. Von der veränderten Kameratechnik bis zu heutigen Projektion, von Christopher Nolans Nostalgie bis David Finchers Fanatismus ist Side by Side sehr ausgewogen und fundiert – nimmt aber eben für keine der im Titel verewigten Seiten Partei, liefert dafür aber umso mehr Argumentationsfutter für die nächste Stammtischdiskussion. Wie diese drei Filme verdeutlichen, erwiesen sich 2012 die Dokumentationen als zumindest qualitativ stärker denn die zahlreichen Fiktionen des Berlinale-Programms.


Beeindruckend war auch die Generalprobe der Uraufführung des restaurierten Stummfilm-Klassikers Oktjabr (Oktober, 1927) von Grigori Aleksandrow und Sergej Eisenstein, wenn auch die tolle Orchestermusik – zumindest in der Probe – das mühevoll aufpolierte Bildmaterial etwas in den Hintergrund drängte.
Eine perfekte Symbiose von Ton und Bild zeigte dagegen der extrem coole und tiefgründige Neo-Noir Headshot des thailändischen Kultregisseurs Pen-ek Ratanaruang über einen Ex-Cop, der nach dem titelgebenden Kopfschuss die Welt verkehrt herum sieht – ein gesellschaftskritisches und atmosphärisches Highlight der Sektion Panorama.
Ebenfalls aus Asien, aber ganz und gar dem filmischen Mainstream zugehörig war der Martial-Arts-Kracher Flying Swords of Dragon Gate von Tsui Hark und mit Jet Li (den beiden Machern von Once Upon a Time in China ff.), der ästhetische Fortentwicklung von 3D bietet, weil er die heute inflationär gebrauchte Technik tatsächlich sinnvoll und gewinnbringend einsetzt.

Verbesserungswürdiges

Von Jahr zu Jahr immer enervierender und vernachlässigenswerter werden indes die Berlinale-Pressekonferenzen. Während der Informationsgewinn stetig sinkt, steigt der Fremdscham. Das liegt natürlich nur zum Teil an der Berlinale-Organisation selbst, obgleich die PK-Moderatoren, die weiterhin weder des Englischen noch einer halbwegs korrekten Aussprache der Gästenamen auch nur ansatzweise mächtig sind, ihren nicht unwesentlichen Beitrag zum Misslingen der Fragerunden beitragen. Der Hauptvorwurf gilt aber auch im Jahr 2012 der denkbar uninspirierten und immer wieder erschreckend uninformierten Presse. Die einen lassen sich von den prominenten Filmschaffenden regelmäßig Plots erklären, andere – ein spezieller Kollege besonders dreist – stellen gestandenen Schauspielern die immergleiche Frage, wie zum Himmel sie in der Lage sind, ihren Job auszuführen.

Neben manchem kleinen – und angesichts der Größe des Festivals sicher verzeihlichen – organisatorischen Wehwehchen, gab es in diesem Jahr ein flächendeckendes Problem, das der Berlinale nicht würdig ist: die fehlende Bildschärfe bei etlichen Projektionen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, die leider beide gegen die Festspielleitung sprechen: Entweder ist mindestens die Hälfte der Kameraleute der Festivalfilme in Sehfähigkeit bzw. Fachwissen massiv beeinträchtigt – oder es liegt an den Berlinale-Vorführern.

Themen – Trends – Tendenzen

Das von Dieter Kosslick vorgegebene Thema "Out of Africa" ließ sich auf der 62. Berlinale durchaus wiederfinden (wenn auch der in zahlreichen Filmen aufgegriffene Arabische Frühling aus organisatorischen Gründen an mir persönlich vorbeigegangen ist). Auffallend ist aber auch darüber hinaus, dass sich das politische Kino in diesem Jahr in der Tat stark behaupten konnte. Selbst und gerade beide größten Gaststars der Berlinale, Angelina Jolie und Meryl Streep, waren mit dezidiert politischen Filmen auf dem Festival vertreten.


Eher noch als afrikanische erwiesen sich verschiedenste europäische Krisen als zentraler Fokus des Jahrgangs. Von der Französischen Revolution (Les adieux à la Reine) und Ablegern (A Royal Affair) über den Ost-West-Konflikt (Barbara), den Nordirlandkonflikt (Shadow Dancer), den Bosnienkrieg (In the Land of Blood and Honey) bis hin zur allzu gegenwärtigen Finanz- und Sinnkrise Europas arbeiteten sich die Filme beinahe systematisch an der Geschichte des Kontinents ab. Vertretungsweise für die Auseinandersetzung mit der derzeitigen Europakrise sei hier nochmals auf Romuald Karmakars Angriff auf die Demokratie verwiesen, jener dringend sehens- und verbreitungswürdigen Montage wissenschaftlicher Thesen zu möglichen Wegen aus der Krise. Nicht nur nach der Vorführung dieses Films war der weit über die Spielstätten hinausweisende Gestus der Berlinale 2012 spürbar. Deutlicher lässt sich die gesellschaftspolitische Aktualität und Relevanz des gesamten Festivals nicht beschreiben – dieses Lob haben sich die Internationalen Filmfestspiele Berlin in ihrer 62. Ausgabe redlich verdient.

Dienstag, 21. Februar 2012

Tag 10: Samstag, 18.02.2012

Die Mitglieder der Internationalen Jury 2012 (Mike Leigh, Anton Corbijn, Asghar Farhadi, Charlotte Gainsbourg, Jake Gyllenhaal, François Ozon, Boualem Sansal und Barbara Sukowa) haben entschieden und folgende Preise vergeben:

Goldener Bär für den Besten Film: Cesare deve morire (Caesar Must Die) von Paolo & Vittorio Taviani
Es ist doch immer sehr enttäuschend, wenn der Hauptpreis der Berlinale an einen Film vergeben wird, den man selbst nicht hat sehen können (eine bewusste Entscheidung war es in meinem Fall jedenfalls nicht). So ist es mir dieses Mal auch nicht möglich, fundiert im Chor der Empörten mitzusingen, die der Jury-Entscheidung wenig abgewinnen können. Auch ohne Kenntnis des prämierten Werkes darf man sich aber zumindest mitwundern, weshalb auf einem Festival, das sich dezidiert zukunftsorientiert dem filmenden Nachwuchs verschrieben hat, die mit Abstand ältesten Regisseure des gesamten Wettbewerbs mit dessen Hauptpreis versehen werden...

Großer Preis der Jury - Silberner Bär: Csak a szél (Just The Wind) von Bence Fliegauf
Eine der absolut nachvollziehbaren Entscheidungen. Wie ich bereits hier und hier angedeutet habe, ein durchaus kontroverser, aber eben unbedingt sehenswerter Film, der einen relevanten gesellschaftspolitischen Bezug und zudem (aus anderen Gründen) aktuelle politische Signalwirkung hat. Verdient!

Silberner Bär - Beste Regie: Christian Petzold für Barbara
Der zweite Volltreffer der Jury. Dass Petzold für seinen international gefeierten, wirklich großartigen Beitrag geehrt wird, ist wohl die einzige festivalübergreifende Konsensentscheidung. Hochverdient!

Silberner Bär - Beste Darstellerin: Rachel Mwanza in Rebelle (War Witch) von Kim Nguyen
Eine sehr überraschende Vergabe, die ich qualitativ nicht beurteilen kann. In Berlin munkelt man, es sei womöglich eine in erster Linie soziale Entscheidung, da die 15-jährige Laiendarstellerin vollkommen mittellos sei. Nina Hoss, die wegen einer Ehrung in der Vergangenheit wohl ausgeschlossen war (warum eigentlich?), oder die zweifach im Wettbewerb vertretene Léa Seydoux erschien nicht nur mir etwas schlüssiger.

Silberner Bär - Bester Darsteller: Mikkel Boe Følsgaard in En Kongelig Affære (A Royal Affair/Die Königin und der Leibarzt) von Nikolaj Arcel
Ein auch von mir nicht unerwarteter Preis, der dennoch die recht konservative Tendenz der Jury unterstreicht. Ganz sicher zeigt Følsgaard eine erinnerungswürdige Leistung, mit der aber erstens im selben Film Mads Mikkelsen und zweitens im gesamten Wettbewerb mehrere Kollegen - etwa Saul Williams oder Robert Duvall - mindestens gleichgezogen sind.

Silberner Bär - Herausragende Künstlerische Leistung: Lutz Reitemeier für die Kamera in Bai lu yuan (White Deer Plain) von Wang Quan'an
Vertretbar. Die Bilder des Films sind in der Tat atemberaubend. Zudem lenkt der in Abwesenheit des Preisträgers verliehene Bär die Aufmerksamkeit auf den durchaus überraschenden Umstand, dass ein Einheimischer für die Fotografie des chinesischen Beitrags verantwortlich zeichnet - was auch mir im Festivaltrubel, ehrlich gesagt, entgangen war.

Silberner Bär - Bestes Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für
En Kongelig Affære (A Royal Affair) von Nikolaj Arcel
Ist der Darstellerpreis gerade noch akzeptabel, muss die Auszeichnung des Drehbuches von A Royal Affair doch sehr verwundern. Wenn schon zwei sehr gut miteinander vergleichbare Filme über das Zeitalter des europäischen Umbruches zu sehen sind - warum geht dann der wesentlich mutigere, innovative Beitrag leer aus, während die konventionelle Variante gleich zwei Silbären erhält? Unterdessen sind mit Kebun binatang/Postcards from the Zoo und Hans-Christian Schmids Was bleibt zwei Kandidaten unverdientermaßen gänzlich auf der Strecke geblieben.

Sonntag, 19. Februar 2012

Flying Swords of Dragon Gate

Vor genau neun Tagen hat die unterhaltsam-stupide Bollywood-Fortsetzung Don - The King Is Back mein individuelles Berlinale-Programm eingeläutet. Mit der 3D-Swordplay-Action Flying Swords of Dragon Gate, meinem persönlichen Festivalabschluss (auch tatsächlich letzter Wettbewerbsbeitrag, natürlich a.K.), hat sich nun ein Kreis geschlossen. "Book End" nennt man das im Englischen - und in der Tat hat mein Berlinale-Band 2012 somit ein absolut passendes letztes Kapitel bekommen.

Der Chinese Tsui Hark gehört zu den Starregisseuren des historischen Kampfsportfilms. Zusammen mit Hauptdarsteller Jet Li (auch diesmal mit von der Partie!) hat er in den 1990ern die grandiose Trilogie Once Upon a Time in China gedreht, deren Titel sich zurecht an die beiden Italowestern- und Amerika-Pendants anlehnt.


Flying Swords Of Dragon Gate
KWAI Lun Mei
© Berlinale

Ab sofort darf Tsui auch zu den Pionieren des dreidimensionalen Kinos gezählt werden - denn sein erster Versuch auf dem zurzeit so inflationär beackerten Spielfeld gehört in dessen Oberklasse (zu der ich sonst bisher nur Avatar, Tron Legacy und Hugo zähle). Von der ersten Einstellung an lässt Tsui keine Zweifel: Hier hat jemand das technisch Machbare verinnerlicht und sich ernsthafte Gedanken über eine ästhetische Fortentwicklung von 3D gemacht. Die Story um ein zweigeteiltes Herrschaftsgebiet, gemeine Intrigen, wechselnde Allianzen und einen mysteriösen schwarzen Sandsturm ist wieder einmal reichlich unübersichtlich. Aber während man sich das Aufrollen des komplexen Handlungsfadens gut für eine zweite oder dritte Sichtung aufheben kann, gibt es bereits beim ersten Schauen ebendies zuhauf: Die ohnehin atemberaubenden Martial Arts werden tatsächlich um eine weitere Dimension ihres Schauwertes bereichert. Man kommt in Flying Swords of Dragon Gate aus dem Staunen kaum mehr heraus, der (3D-)Effekt ist - gerade dank den aus der Leinwand hervorschießenden Schwertern und Fäusten - ein wahrhaft somatischer. Liegt darin nicht der eigentliche, der ursprünglichste Sinn des Kinos?

Headshot

Ein Mann erleidet einen Kopfschuss. Er überlebt. Fortan sieht er die Welt jedoch auf den Kopf gestellt - wortwörtlich. So beginnt der Panorama-Beitrag, der - wenigstens in der internationalen Nomenklatur - sehr passend Headshot betitelt ist.


Fon Tok Kuen Fah | HEADSHOT
Nopachai Jayanama
© Berlinale

Tul (Nopachai Jayanama) ist Cop. Da er aber einst den falschen, nämlich einen bösen und einflussreichen Mann dingfest gemacht hat, wird Tul so übel mitgespielt, dass er sich bald gezwungen sieht, die Seiten zu wechseln. Doch auch das gewährt dem nachdenklichen Hitzkopf mit wechselnder Kopfbehaarung keinen Frieden. Im Gegenteil: Parallel zu Tuls Begegnungen mit zwei verdächtig schönen Frauen sieht er sich bald der halben (Unter-)Welt entgegengestellt.

Der thailändische Kult-Regisseur Pen-ek Ratanaruang ist kein Neuling auf der Berlinale. Headshot (Fon tok kuen fah) ist bereits der dritte Film, den er in Berlin präsentiert. Wie seine im Ausland bekanntesten Werke Last Life in the Universe und Invisible Waves gelingt Ratanaruang erneut eine brillante Verbindung von roher, stets gesellschaftskritisch motivierter Gewalt mit einer philosophischen Meditation über das Menschliche. Headshot ist ein zeitgemäßer Film Noir - rau, tiefschürfend und unterhaltsam.

Young Adult

Es gibt Filme, die versprühen diesen ganz bestimmten, oft kaum erklärlichen Zauber. Positive Energie, Faszination, pure Lebensfreude. Die einmalige Magie der Leinwand, oft hochgradig ansteckend. Filme, nach deren Genuss man die Welt umarmen möchte. Young Adult, der neue Film von Jason Reitman, gehört nicht zu dieser Art von Filmen - im Gegenteil. Wollte man diese Erzählung über das Leben einer Mittdreißigerin mit einem Genre-Label versehen, man müsste es "Feel-Bad-Movie" nennen.

"Pathetic", dieses schlecht (und bloß nicht wörtlich) ins Deutsche zu übersetzende Adjektiv, ist entsprechend das Wort, mit dem sich Mavis Gray kurz umschreiben ließe. Die Protagonistin von Young Adult wird uns in der ersten Einstellung des Films in ihrem Bett vorgestellt: auf dem Gesicht liegend, in voller Montur, heillos verkatert. Dieses Bild wird sich als immergleiche morgendliche Pose erweisen. Mavis ist Jugendbuchautorin, durchaus attraktiv (wenn sie sich denn mal zurecht macht), abgesehen von ihrem Hund vollkommen auf sich gestellt - und zutiefst verbittert. Als sie erfährt, dass ihre einstige Flamme Buddy jüngst Vater geworden ist, kehrt Mavis zurück in ihr Heimatstädtchen, um endlich das ersehnte Glück zu finden. Oder so.

Charlize Theron spielt die abermals einzigartige Rolle aus der Feder der Juno-Autorin Diablo Cody kompromisslos. Man kann sie nicht leiden, diese missmutige, selbstgerechte Mavis, aber man kommt ebensowenig umhin, mit ihr zu leiden. Obwohl und weil Theron vordergründig rein gar nichts zur Rechtfertigung ihrer Filmfigur beiträgt, werden nach und nach die vernichtenden Strukturen offenbar, die am Grund ihrer Seelenpein verborgen liegen. In subtilen Gesten, Sätzen und Perspektiven machen Theron, Cody und Regisseur Reitman das verheerende Innenleben der Protagonistin tatsächlich greifbar. Etwa, als Mavis' Eltern die beiläufige, aber durchaus zutreffende Alkoholismus-Beichte ihrer Tochter als Sarkasmus abtun. Oder als Mavis den Nachwuchs ihrer Jugendliebe diskreditiert, der sich postwendend als in der Tat hässliches Baby erweist. Selbst beim fahrbaren Untersatz wird der innere Verfall durch ein materielles Downgrade illustriert: Der schicke Mini Cooper wird nach einem nächtlichen Einpark-Crash durch ein Einser-Golf Cabrio ersetzt.

Und wer geglaubt, gehofft oder gefürchtet hatte, all das Elend der ersten Filmhälfte wandle sich alsbald in eine wenigstens vorsichtige Aussicht auf Besserung, dem sei versichert: Gegen Ende legt Young Adult erst richtig los mit unbequemen Wahrheiten und handfester Cholerik. Und das ist auch gut so.

Freitag, 17. Februar 2012

Tag 9: Freitag, 17.02.2012

Nun, da ich mich auf dem Rückweg von Berlin befinde, wird es Zeit, auch das Zurückblicken einzuleiten. Für meine Festivalbilanz werde ich mir noch ein paar Tage der Reflexion und Regeneration Zeit lassen. Aber eine kleine Vorhersage der morgigen Preisverleihung darf bzw. muss es schon heute sein - schließlich ist es keine Kunst, hinterher Kluges über die Jury-Entscheidungen kund zu tun.

Hier meine Tipps (in Klammern mein eigener, subjektiver Favorit):

Bester Film/Goldener Bär: Just the Wind, Postcards from the Zoo (Barbara)
Großer Preis der Jury [ab hier Silberne Bären]: Barbara (Jayne Mansfield's Car)
Beste Regie: Just the Wind (Just the Wind)
Beste Darstellerin: L'enfant d'en haut/Les adieux à la reine (L'enfant d'en haut/Les adieux à la reine)
Bester Darsteller: Was bleibt (Aujourd'hui)
Bestes Drehbuch: Postcards from the Zoo (Was bleibt)
Herausragende Künstlerische Leistung in Kamera/Schnitt/Musik/Kostüm/Design: Tabu (Les adieux à la reine)

Meine Fehlerwahrscheinlichkeit bei den Tipps ist natürlich besonders hoch, da ich - im Gegensatz zur Internationalen Jury - nicht alle teilnehmenden Filme geschehen habe (sondern 11 von 18). Dennoch dürfen wir gespannt sein, ob/wie sich das traditionell erratische Vorgehen der Geschworenen in diesem Jahr einschätzen lässt. Morgen wissen wir mehr!

Kurz notiert... (III)

En kongelig Affære/A Royal Affair (Wettbewerb)

ist nach Les adieux à la Reine bereits die zweite Wettbewerbseinreichung, die sich mit den letzten Atemzügen der europäischen Monarchie am Ende des 18. Jahrhunderts auseinandersetzt. Statt mit Frankreich haben wir es diesmal mit dem dänischen Hof zu tun, an dem der Leibarzt des crazy Königs Christians VII. (außer Rand und Band und preisverdächtig: Mikkel Boe Følsgaard), der Deutsche Struensee (Mads Mikkelsen) nicht nur in die royalen Amtsgeschäfte einsteigt, sondern zudem ins Bett Ihrer Majestät Caroline Mathilde (Alicia Vikander). Spätestens als der Arzt und die Adelige ein Kind zeugen, ist etwas gehörig faul im Staate Dänemark. A Royal Affair erzählt von diesen Wirrungen in Form eines klassischen Kostümfilms, der handwerklich und darstellerisch alle Anforderungen des Genres spielend erfüllt.



Bel Ami (Wettbewerb, a.K.)

ist ein rund 100 Jahre später angesiedeltes Kostüm-Historien-Casanova-Aufsteiger-Drama à la Dangerous Liaisons, das - ob nun gewollt oder nicht - wie eine antiquierte Parabel auf die gottähnliche Verehrungshysterie um Hauptdarsteller Robert Pattinson daherkommt. Nicht nur deshalb wirkt Bel Ami, in dem Pattinson mit gleich vier Damen aller Generationen (Kirstin Scott Thomas, Uma Thurman, Christina Ricci, Holliday Grainger) umringt wird, wie ein barocker teenage dream. Soviel zur glatten Oberfläche des Films. Darunter schlummert jedoch allerlei Unschönes über Intrigen, Betrug und Korruption - gesellschaftspolitischer Zündstoff, der am Tage des überfälligen Rücktritts von Christian Wulff kaum passender platziert sein könnte. Die Übertragbarkeit reicht gar weiter: Eine Westmacht, die "Demokratie" mit Waffengewalt über ein arabisches Land stülpen will? Nie gehört...

Gnade

Es scheint, als habe sich die Festivalorganisation die am ehesten absehbaren Kontroversen für die letzten Tage des Wettbewerbs aufgehoben. Bereits bei der Berlinale 2006 lieferte Regisseur Matthias Glasner mit Der freie Wille einen seeehr umstrittenen Beitrag, heuer startet Gnade als dritter einheimischer Film der Hauptsektion - eine Art "Auf und davon - The Movie".

Gnade dreht sich um eine dreiköpfige Familie, die nach Norwegen ausgewandert ist. Nachdem er (Jürgen Vogel) sich bereits nach kurzer Eingewöhnung eine Geliebte zugelegt hat, überfährt sie (Birgit Minichmayr) ein Mädchen und begeht Fahrerflucht. Das gibt Stress, klar. Der halbwüchsige Filius hält den folgenden Schlamassel derweil mit dem iPhone fest, das - kein Scherz - als eine Art 2001er Monolith endet (wenn man den entsprechenden Ausführungen des Herrn Regisseurs Glauben schenken mag).

So grottenmies, wie die zu reichlich Hysterie neigende deutsche Journaille diesen Film schreiben wird, ist er nicht. Das Drehbuch ist zumindest in seinen Ansätzen durchaus interessant, die Darsteller geben sich reichlich Mühe und atemberaubende Schneelandschaften gibt es auch zu bestaunen. Zu den Problemen: So differenziert Glasner auch vorgehen mag, ist auch in Gnade alles viel zu deutlich. Das fängt mit dem schlicht zu hoch gegriffenen Titel an und endet mit der komplett überflüssigen Schlussszene des Films. Es geht nicht darum, dass das gesamte Werk gerne eine halbe Stunde kürzer hätte sein dürfen (solche von Filmkritikern gerne eingeworfenen Verdikte sind grundsätzlich mit großer Vorsicht zu genießen), sondern um die vielen Offensichtlichkeiten des Films - oder umgekehrt die fehlende Bereitschaft zu Leerstellen.

Im Nachhinein betrachtet, ist der Berlinale-Organisation ein kleines Kuriosum gelungen - sie hat mit der Reihenfolge, in der sie die drei deutschen Beiträge im Wettbewerb untergebracht hat, bereits eine qualitative Abstufung vorgenommen: Barbara ist herausragend, Was bleibt sehr gut und Gnade eine Steilvorlage für allerlei Wortspiele mit dem doofen Titel - die ich aber gerne der Boulevardpresse überlasse.

White Deer Plain

Ein dreistündiges Epos über die chinesische Kaiserzeit - das ist, besonders im chinesischen Kino selbst, nun wirklich keine Seltenheit. Wie gelangt der neuerliche Versuch von Wang Quan'an also in den Berlinale-Wettbewerb? Ganz einfach, weil er einen vollkommen neuen Zugang zur wahrlich ausgelutschten Thematik bietet. Zunächst widmet sich White Deer Plain(Bai lu yan) der Endphase der letzten kaiserlichen Dynastie und wählt somit den heikelsten Teil dieser über zweitausendjährigen Epoche. Zweitens tut er das weitgehend aus der Perspektive einer Frau (eine Spezialität des Regisseurs), die den jahrzehntelangen blutigen Prozess bis zur heutigen Form des Kommunismus durchlebt. Und drittens benutzt er als wesentliches Storyelement - Sex. Wer das chinesische Geschichtskino auch nur ausschnitthaft kennt, wird einzuschätzen wissen, wie überraschend es ist, dass die zahlreichen Liebeleien vergleichsweise (aber freilich nicht vollkommen) explizit gezeigt werden. Vermutlich in einer Mischung aller drei Gründe stand der Roman, der dieser Verfilmung zugrunde liegt, lange auf dem Index.


Bai lu yuan | White Deer Plain
© Berlinale

Ohne Frage, die zahlreichen Konfliktkonstellationen in White Deer Plain sind hochspannend. In ebendieser Vielfalt liegt aber auch eine große Schwierigkeit - wenigstens für den europäischen Zuschauer: Es ist schlicht nicht möglich, mit den Dutzenden Charakteren, Settings und zeitlichen Sprüngen über die vollen 177 Filmminuten hinweg Schritt zu halten. Dass hier etwas filmhistorisch Bedeutsames geschieht, ahnt man trotzdem. Und die wunderbaren, ausladenden Cinemascope-Bilder chinesischer Naturlandschaften kann man ebenfalls so oder so genießen.

Tag 8: Donnerstag, 16.02.2012

Es ist so: Wenn auf der Berlinale ein Film in englischer Sprache gezeigt wird, ist er in der Regel deutsch untertitelt - aus Rücksicht auf das nicht des Englischen mächtige einheimische Publikum. Wird ein Film in einer anderen Sprache (inkl. Deutsch) gezeigt, ist er üblicherweise englisch untertitelt. Dies geschieht in der berechtigten Annahme, dass das internationale Publikum überwiegend Englisch versteht. Das ist aber natürlich nicht ausnahmslos der Fall - angefangen mit dem Umstand, dass es in der Tat erschreckend viele inländische Besucher gibt, die eine Presseakkreditierung für die Internationalen Filmfestspiele erhalten haben, aber kaum ein Wort Englisch können.

Sagen wir also, es wird ein Film in ungarischer Sprache gezeigt. Da dies der überwältigenden Mehrheit des Publikums genügt, ist der Film englisch untertitelt. Für die wenigen Besucher, für die das nicht gilt, gibt es am Einlass kleine Geräte, die wie etwas überdimensionale mp3-Player aussehen. Über ebenfalls erhältliche Kopfhörer können Zuschauer mittels dieser Geräte während der Filmvorführung die Stimme eines deutschen oder eines französischen Dolmetschers hören. Die Toneffekte und die Filmmusik bleiben ebenfalls über diesen Kanal erhalten.

Das alles würde mich persönlich nichts angehen, gäbe es nicht immer wieder Kollegen in meiner unmittelbaren Sitznachbarschaft, die die Lautstärke dieser Transmitter derart hoch einstellen, dass die - freilich nicht lippensynchronen - Simultanübersetzungen auch für das liebe Umfeld deutlich zu hören sind.

So konnte es passieren, dass ich heute eine Passage des eigentlich deutschsprachigen Films Gnade gesehen habe, in der ein (1.) norwegischer Dialog zu hören war, der in (2.) deutschen Untertiteln übersetzt wurde, die wiederum in (3.) englischen Untertiteln übersetzt wurden, während ich gleichzeitg von links (4.) französische und von rechts (5.) deutsche Sprachfetzen aufschnappte. Das nenne ich mal Sprachverwirrung!

Haywire

Kaum ist das erste Screening dieses außerkonkurrenzlichen Wettbewerbsbeitrages vorbei, sind sie hören, die unvermeidlichen Kommentare. Was soll so ein Film auf der Berlinale? Musste Kosslick wieder auf "devil come out" Stars auf den Roten Teppich zerren, um dem Festival Aufmerksamkeit zu bescheren? Ganz ehrlich: Wer so redet, für den kann Haywire kaum der 22. Film innerhalb von 6 Tagen gewesen sein - und wenn doch, nehme ich ein ablehnendes Urteil aus diesem Grund niemandem ab.

Klar, es ist der neue Film von Steven Soderbergh und alleine deshalb so gut wie Hollywood. Sicherlich enthält Haywire wenig Tiefgründiges, sondern darf gerne ein straighter Actionthriller genannt werden. Aber was für ein seltsames Verständnis vom Kino muss man haben, um diesen Film des Festivals für unwürdig zu halten? Erstens ist Haywire nicht gerade mit Superstars durchsetzt. Antonio Banderas (in Berlin zugegen), Ewan McGregor und Michael Douglas haben nur kleine Rollen, im Mittelpunkt steht mit Gina Carano eine völlig unbekannte Darstellerin. Außerdem ist Soderberghs Rückkehr zur etwas seichteren Unterhaltung einfach gut. Nichts wirklich Neues, sicherlich. Aber jenseits der Wochenmitte auf seine explosive, kurzatmige Weise einfach das genau Richtige.

Und eine bedenkenswerte Innovation gelingt Soderbergh schließlich zudem. Beziehungsweise gelingt sie Gina Carano, die eine Toughness an den Tag legt, die weiblichen Hauptfiguren im US-Kino nun wirklich nicht regelmäßig gewährt wird. Als Geheimagentin prügelt und schießt sich Carano durch den Film, in dessen Plot sie sich gegen eine Verschwörung gegen sie selbst wehren muss, die bis in höchste Regierungskreise reicht. Als sie dann auch noch einen Gegenspieler wortwörtlich mit ihren Schenkeln erdrosselt, sind Vokabeln wie Emanzipation und Selbstbehauptung keine Abwegigkeiten mehr. Haywire auf der Berlinale fehl am Platze? Hell no!

Donnerstag, 16. Februar 2012

Kurz notiert... (II)

Kebun binatang/Postcards from the Zoo (Wettbewerb)

ist ein schöner, oft angenehm assoziativer Film über eine junge Frau, die in einem Zoo im indonesischen Jakarta lebt. Das Drama von Regisseur Edwin überzeugt durch seine atmosphärischen Momente und die kluge Verbindung eingeblendeter Fakten über Tierhaltung mit der Geschichte der menschlichen Protagonistin. Mich beschleicht der (rein intuitiv begründete) Verdacht, dass der Filmtitel bei der Preisverleihungszeremonie am Samstag zu hören sein wird - der Hauptpreis wäre meiner Ansicht nach aber doch etwas zu viel des Guten.


Keep the Lights on (Panorama)

ist der neue Streifen von Ira Sachs. Darin durchläuft ein Dokumentarfilmer (Thure Lindhardt) eine turbulente Beziehung zu einem Anwalt (Zachary Booth), dessen Drogensucht die beiden in immer tiefere Krisen stürzt. Sehr intensiv gespielt, aber doch ein wenig lang, depressiv und letztlich übermotiviert.


Csak a szél/Just the Wind (Wettbewerb)

ist ein schockierendes Drama des Ungarn Bence Fliegauf, dass die realen rassistischen Morde an der Roma-Minderheit in der Heimat des Regisseurs aufgreift und die ständige Angst vor Übergriffen anhand einer verarmten Familie zeigt. Zunächst aufreizend langsam inszeniert, steuert der Film unaufhaltsam einem grauenvollen Finale entgegen. In jeder Hinsicht schwer zu ertragen - ein echter Meinungsspalter. Entweder Fliegaufs dritter Berlinale-Beitrag gewinnt den Goldbären oder er geht komplett leer aus. Ich wäre ja für einen Kompromiss in silber. Eine politische Botschaft wäre ein ungarischer Gewinner gerade 2012 ganz sicherlich!

Mittwoch, 15. Februar 2012

Tag 7: Mittwoch, 15.02.2012

Nun, da sich die 62. Berlinale so langsam dem Ende zuneigt, wird es allerhöchste Zeit, einen meiner, nein: aller Festivalbesucher treuen Begleiter vorzustellen. Obwohl er bereits runde zehn Jahre auf dem flachen Buckel hat, sieht er fast identisch aus wie zu seiner Geburt 2002. Er ist es, der uns Berlinale-Gängern jeden einzelnen Film einleitet, der das Stimmenwirrwarr verstummen lässt und von der Festivalstimmung kündet. Genau 23 Mal ist er mir in diesem Jahr begegnet - und ich finde ihn jedes Mal wieder schön:

Der Berlinale-Trailer


[Da sich hier leider keine Videos hochladen lassen, bitte auf das Bild klicken, das zur Berlinale-Homepage weiterleitet, auf der der Trailer angesehen werden kann!]

Side by Side

Wenn es aus Sicht des Films - seines Wesens, aller an ihm auch nur entfernt Beteiligter - einen größtmöglich selbstreferenziellen Vertreter auf dieser Berlinale gibt, dann ist es Side by Side. Das ist jetzt nicht metaphorisch gemeint oder hochphilosophisch. Sondern vollkommen wörtlich, direkt, unmittelbar. Side by Side ist eine Dokumentation über den gegenwärtigen Stand dessen, was Film ist. Und dieser Stand, dieser Zustand ist nun einmal geprägt von einem Umbruch. Von einer Revolution. Von einem Paradigmenwechsel, der wohl niemandem entgangen ist - und den dennoch kaum jemand versteht. Oder wenigstens nicht in gemeinhin anerkannter Weise. Es geht um die Digitalisierung des Films.

Als Produzent und Interviewer ist Keanu Reeves die entscheidende Triebfeder hinter Side by Side. Zu Beginn des Filmes selbst übt sich Reeves zwar nicht eben in Zurückhaltung, zeigt im weiteren Verlauf aber durchaus Selbstironie und aufrichtiges Interesse für den Gegenstand. Zudem ist es wohl insbesondere seiner Prominenz zu verdanken, dass zum Thema so gut wie jeder amerikanische Filmschaffende von Rang und Name zu Wort kommt. Martin Scorsese, David Lynch, George Lucas, Steven Soderbergh, James Cameron, Michael Ballhaus - sie alle (und viele mehr) äußeren ihre jeweils ganz persönliche Sicht. Neben einer gut verständlichen 'Kleinen technischen Geschichte der Filmtechnik', die Experten etwas albern vorkommen mag, überzeugt Side by Side vor allem deshalb, weil die beiden wesentlichen Meinungen und deren diffizile Schattierungen gleichberechtigt nebeneinander belassen werden. Dadurch wird der Film von Regisseur Chris Kenneally aber nicht beliebig. Im Gegenteil: Die Ansichten werden, auch durch die Moderation Reeves', stets sinnvoll miteinander verknüpft.


Side By Side
© 2012 Company Films LLC.

Sehr lobenswert ist zudem, dass sämtliche Aspekte des Kinos - von Kameratechnik bis Projektion - beleuchtet werden und Vertreter aller Fachbereiche gehört werden. Highlights dieser unterhaltsam montierten Informationsmasse sind die geradezu digitalfanatischen (und mit zahlreichen Kraftausdrücken gespickten) Einwürfe David Finchers sowie die überraschende Parteinahme Christopher Nolans für den "ästhetisch überlegenen" Zelluloidfilm.

Wird sich das Digitale nun durchsetzen oder werden die "echte" und die "neue" Filmtechnik auch künftig einander ergänzen? Liegt im digitalen Film der Fluch oder Segen des Kinos? Man mag sich nach Sichtung dieser reichhaltigen Dokumentation weiterhin nicht ganz sicher sein - aber um haufenweise Argumente ist man in jedem Fall reicher.

Was bleibt

Der Mittdreißiger Marko (Lars Eidinger) ist Autor und lebt in Berlin. Mit seinem jungen Sohn, von deren Mutter er getrennt lebt, reist Marko übers Wochenende zu seinen Eltern - einem erfolgreichen Verleger und seiner an Depression erkrankten Mutter (Corinna Harfouch). Dort findet sich auch Markos Bruder, der Zahnarzt Jakob, ebenfalls Mitte 30, samt Freundin ein. Als die Mutter verkündet, ihre Antidepressiva abzusetzen, löst dies eine Reihe folgenschwerer Auseinandersetzungen aus.


Was bleibt | Home For The Weekend
Egon Merten, Lars Eidinger
Gerald von Foris © 23/5 Filmproduktion GmbH

Nach Barbara setzt sich mit Hans-Christian Schmids Was bleibt auch der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag sehr differenziert mit kollidierenden Lebensentwürfen und schweren zwischenmenschlichen Krisen auseinander. Nach Jayne Mansfield's Car stehen auch bei Festivalregular Schmid innerfamiliäre Konflikte im Mittelpunkt des Films. Beinahe ebenso präzise gescriptet und vortrefflich inszeniert, verfolgt Schmid dabei aber einen etwas zurückgenommeneren, ernsthafteren Ansatz. Das ergibt ein vielleicht nicht ganz so spektakuläres, aber dennoch nachhaltiges Drama.

Jetzt mag man einwenden, dass alleine die Wahl des Milieus eine Art Luxusproblemfeld eröffnet. Eine prinzipielle Ablehnung jeder und dieser Bearbeitung wäre aber doch töricht. Unglücklich kann man bekanntlich mit jedem Einkommen sein - und es in mehrerlei Hinsicht bezeichnend, dass sowohl Drehbuchautor Bernd Lange als auch Schmid explizit (auf der PK) von ihrem persönlichen Unglücklichsein, aber auch vom Unglücklichsein einer ganzen Generation sprechen. Das klingt dramatisch, ist es aber gerade im Vergleich zu existenziellen Sorgen nur bedingt. Dennoch bleibt es - wenn die Selbstanalyse der Filmemacher einer Verallgemeinerung tatsächlich standhält - ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem, das Was bleibt beherzt angeht.

Kurz notiert...

Wilaya (Panorama)

ist ein schöner, ruhiger, vielleicht etwas arg unaufgeregter Film über ein Flüchtlingscamp in der Sahara, in das eine junge Frau (ganz toll gespielt von Nadhira Mohamed) aus dem spanischen Exil zurückkehrt und der es zunächst sehr schwer fällt, wieder in den einfachen Alltag des Lagers zu finden.


La Chispa de la Vida/As Luck Would Have It (Berlinale Special)

ist eine völlig durchgeknallte Tour de Force, in der einem arbeitslosen Mann (José Mota) ein gleichsam schrecklicher wie absurder Unfall passiert. In einem gerade eröffneten Museum fällt er von einem Baukran und landet unverletzt auf einer Ausgrabungsstätte - abgesehen davon, dass sich eine Eisenstange in sein Hirn gebohrt hat, versteht sich. Da der Pechvogel deshalb nicht bewegt werden kann, hat sich bald halb Spanien am Unglücksort versammelt und seine Frau (Salma Hayek) muss im Gewirr des plötzlichen Medienereignisses die Übersicht behalten. All das klingt so derbe, wie es ist - wird Kenner aber kaum verwundern, wenn man verrät, dass es sich um das neue Werk von Álex de la Iglesia handelt!

The Iron Lady

Phyllida Lloyd wird dieser Wochen wieder und wieder vorgeworfen, sie habe das weltweite Vermächtnis Margaret Thatchers aufgehübscht. Sie habe Schreckliches verharmlost und Banales zu Bewundernswertem gemacht. Oder wenigstens Bemitleidenswertem. Grund für Vorwürfe ist Lloyds Film The Iron Lady, ein Biopic Thatchers, das auch auf der Berlinale anlässlich des Ehrenbärens für Meryl Streep gezeigt wird. Diese Auszeichnung für ihr unfassbares Lebenswerk ist ebenso hochverdient wie jeder der zahlreichen Preise, die Streep für ihre atemberaubende Darstellung Thatchers erhalten hat und wird.


Aber zurück zu Regisseurin Lloyd. Auf die Frage, ob sie in ihrem Film nicht einige Begebenheiten im Vergleich zur überlieferten Wahrheit verändert habe, erwiderte Lloyd, die eine Hälfte des Drehbuches entstamme der reinen Fantasie dessen Autorin Abi Morgan, die andere der Eigenwahrnehmung Margaret Thatchers. Insofern, so Lloyd, zeichne der Film - im Gegensatz zu einer Dokumentation - ein zu 100% subjektives Bild Thatchers. Abgesehen davon, dass es ebenso unmöglich je einen objektiven Dokumentarfilm geben kann, hat Lloyd natürlich vollkommen recht. Meine Nachfrage konnte sie hingegen nicht beantworten: Warum hat sie sich entschlossen, gerade jetzt, da Europa in einer Finanz- und Sinnkrise versinkt, deren Grundübel Thatchers unbarmherzige Agenda nach landläufiger Meinung wesentlich mitbestimmt hat, ebendiese Aspekte vollständig in den kaum erkennbaren Hintergrund ihrer Biografie der Eisernen Lady zu verbannen?

Wie gnadenvoll sympathisierend The Iron Lady insbesondere in der ersten Filmhälfte mit der Porträtierten umgeht, verdeutlicht eine Szene, in der die gealterte Thatcher eine TV-Sendung über ihr eigenes Schaffen ansieht. Während der umjubelte Aufstieg der Politikerin noch zu sehen ist, wird die Reportage jäh abgebrochen, als die Schattenseiten ihres Wirkens zur Sprache kommen. Was innerhalb der filmischen Realität durchaus verständlich erscheint - und die vollkommene Unfähigkeit Thatchers zur Selbstkritik illustriert -, ist als dramaturgische Maßnahme schwer nachvollziehbar und sinnbildlich für die eingeengte Perspektive der Filmbiografie.

Auch als sich der Film dann endlich dem unangenehmeren Teil der historischen Wahrheit widmet, geschieht dies in nicht unproblematischer Manier. Erst legt The Iron Lady nahe, den eskalierenden IRA-Terror als persönlich gegen die mühsam in Amt und Würden emporgeklommene Premierministerin gerichtete Vendetta zu verstehen. Immer vehementer verfestigt Lloyd dann den Eindruck, die Ursachen der Verfehlungen Thatchers lägen - womöglich gar hauptsächlich - in ihrer Behauptung inmitten einer zutiefst frauenfeindlichen politisch-gesellschaftlichen Atmosphäre. Wer Gleichberechtigung ernst nimmt, muss auch hier fair bleiben: In welchem Verhältnis Thatchers Durchsetzungsvermögen gegen ewig gestrige Patriarchen zu ihrer verheerenden politischen Agenda stehen soll, bleibt nicht nur im Film äußert fraglich.

Es verlangt wenig Phantasie, hier Parallelen zu jener anderen eisernen Staatslenkerin zu ziehen, die in diesen Monaten ganz Ähnliches unternimmt und in ähnlich großer Kritik steht. Kein Schelm, der Böses dabei denkt.

Dienstag, 14. Februar 2012

Tag 6: Dienstag, 14.02.2012


Stark beheizte Lichtspielhäuser + klirrende Kälte vor den Kinos = Festivalgrippe

The Flowers of War

Wie um meine These zum Kriegskino angesichts Jayne Mansfield's Car zu bestätigen, wird in der direkt anschließenden Pressevorführung The Flowers of War gezeigt. Der Film, der den (verwestlichten) Originaltitel Jin Líng Shi San Chai trägt, könnte ebensogut "The Beauty of War" heißen. Sicher, die mit anspruchsvollen Splattereffekten gepimpten Zeitlupenaufnahmen sterbender Soldaten schockieren. Das tun sie. Gleichzeitig tragen sie zu einer Ästhetisierung und damit eben auch zu einer Verklärung des Kriegsgeschehens bei. Wer das unter Verweis auf den abschreckenden Charakter auch "schöner" Gewaltdarstellung für nebensächlich hält, irrt: Zum einen wird dieser Abstoßeffekt eben nicht etwa als Antilogik samt Alternative genutzt, sondern als Wegbereiter niederer Emotionen (vor allem Rache) und zur Wiederherstellung nationaler Identität und Ehre. In diesem Sinne ist die ästhetisierte - und damit übrigens auch hochgradig artifizielle - Gewalt unmittelbar mit der natürlich auch in diesem Film nachfolgenden Heldengeschichte verbunden. Zum anderen ebnet dieses inszenatorische Konzept einer Fortschreibung der internalistischen Logik von Gewalt und Gegengewalt den Weg. Der in sich unendliche Zirkel wird so nicht nur nicht durchbrochen - er wird sogar aktiv als unvermeidlich zementiert.


Jin líng Shi San Chai | The Flowers Of War
Christian Bale, Tianyuan Huang
© New Pictures Film

Nun ist der Regisseur von The Beauty Flowers of War nicht irgendein Nachwuchsfilmer, sondern einer der erfolgreichsten Chinas. Und der Gegenstand seines neuen Werkes nicht irgendein kleiner Konflikt, sondern eines der schwärzesten Kapitel der Landeshistorie. Dass Zhang Yimou (House of Flying Daggers) das berüchtigte Massaker von Nanjing strikt aus chinesischer Perspektive verfilmt, scheint noch verständlich. Wie Yimou aber bei diesem ohnehin tieftraurigen Thema derart schamlos auf die Tränendrüse drückt - tatsächlich verbringen sämtliche Hauptcharaktere das letzte Filmdrittel größtenteils weinenderweise -, ist ziemlich kontraproduktiv. Schade ist das insbesondere um die tollen schauspielerischen Leistung nicht nur Christian Bales, der einen amerikanischen Leichenkosmetiker spielt, der eher unfreiwillig in die Rolle des Beschützers einer Gruppe einheimischer Mädchen und somit in die des Helden gerät. Auch der chinesische Cast um Hauptdarstellerin Ni Ni überzeugt ebenso wie die makellose Ausstattung und Kamera.

Die inszenatorischen Stärken und Schwächen von Die Blumen des Krieges würden sich in etwa die Waage halten - wäre da nicht der, nun ja: blumige Umgang Yimous mit dem Krieg. Was kommt also am Ende dabei heraus? Ein "Antikriegsfilm".

Jayne Mansfield's Car

Wenn in meiner Gegenwart wieder einmal jemand arglos mit dem Begriff "Antikriegsfilm" um sich wirft, werde ich keine komplexen theoretischen Überlegungen auspacken. Ich werde nicht dazu anregen, die problematischen Aspekte jeder direkten filmischen Bearbeitung des Krieges zu bedenken. Ich werde nicht darauf hinweisen, inwiefern jeder Reproduktion des Krieges notwendigerweise ein affirmativer Gestus der Gehalt innewohnt - sei sie noch so kritisch angelegt.

Stattdessen werde ich Billy Bob Thorntons vierte Regiearbeit Jayne Mansfield's Car zur Sichtung empfehlen. Damit werde ich mir ersparen darzulegen, dass sich sehr wohl über die Unsinn bewaffneter Auseinandersetzungen audiovisuell sinnieren lässt, ohne in die alte Repräsentationsfalle zu tappen. Wie sich diese tatsächlich gemeine Vertracktheit alleine dadurch umgehen lässt, den Schauplatz und die erzählte Zeit ein paar Jahrzehnte (hier: in die späten 60er) zu verschieben. Wie man einen differenzierten Gegenwartskommentar geschickt in spezifische Figurenkonstellationen (hier: einer familiären) betten kann und dessen Wirkung damit umso vehementer macht.


Jayne Mansfield's Car
Foto: Van Redin

Wie das bei regieführenden Schauspielern so ist, schart Billy Bob Thornton in Jayne Mansfield's Car eine veritable Riege wundervoller Kollegen um sich, von denen vertretungsweise nur John Hurt, Robert Duvall und Frances O'Connor genannt seien. Und das passende Drehbuch, um die Darsteller tatsächlich glänzen zu lassen, hat Thornton wieder einmal parat (wie schon 1996 beim herausragenden Sling Blade). Es geht darin um zwei Familien, eine amerikanische und eine britische, die durch den Tod der Ex-Frau/Mutter/Großmutter bzw. aktuellen Ehegattin/Stiefmutter zwangsweise zusammengeführt werden. Aus dieser ohnehin knisternden Situation gewinnt Thornton ein wahres Feuerwerk grotesker Momente, die gerade in ihren abstrusesten Momenten (LSD-Trip des Großvaters etc.) am wahrhaftigsten wirken. Und dann ist da ja noch der Krieg, der als verbindendes und spaltendes Thema die Figuren entzweit und den Film zusammenhält. Und was kommt am Ende dabei heraus? Ein Antikriegsfilm ohne Kriegsdarstellungen!

Angriff auf die Demokratie - Eine Intervention

Und wieder sind wir bei einer europäischen Krise - und zwar jener, die uns im Jahr 2012 am Zwangsgeläufigsten ist. Wie kann man dieses allzu gegenwärtige Thema, das uns alle etwas angeht, filmisch aufgreifen? Der in unbequemen Gegenständen reichlich erfahrene Filmemacher Romuald Karmakar hat das in Form einer Montage der (fremden) Aufzeichnung eines kleinen künstlerisch-wissenschaftlich-journalistischen Symposions unternommen, das im vergangenen Dezember im Berliner Haus der Kulturen der Welt stattgefunden hat. Formal unspektakulärer geht es nicht mehr: Zu sehen sind 90 Minuten vor einem Mikrofon sprechender Köpfe. Kluger Köpfe, mag man hinzufügen, auf deren ausnahmslos kluge Worte es sich so immerhin umso besser konzentrieren lässt. Sie alle versuchen sich - mit unterschiedlichen Schwerpunkten - in einer scharfzüngigen Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Europas. Sie alle empfehlen ein Umdenken, ein mehr oder minder radikales. Sie fordern eine Einmischung kritischer Medien, ein Eingreifen der Wissenschaft. Sie rufen dazu auf, der impotenten Politik oder gar den vielzitierten "Märkten" nicht länger das Feld zu überlassen, sie appellieren an eine neue Selbstbehauptung der Intellektuellen.

Alleine weil das alles wichtig und richtig ist, liefert Karmakar mit seinem Angriff auf die Demokratie einen dringend sehenswerten Film. Wie auch die Diskussion mit den Beteiligten nach dem Screening unterstrichen hat, kann der aber nur ein Anfang sein. Sowohl für dieses Projekt, für das sich bislang noch keine Vertriebsmöglichkeit gefunden hat, als auch die eigentliche Debatte über die Zukunft Europas.

Shadow Dancer

Will man sich im Aufspüren erster Tendenzen dieses Festivaljahrganges versuchen, bietet sich der Diskurs europäischer Krisenherde als eine solche an. Der Film über die Französische Revolution gehört dazu, der über den Bosnienkrieg, der über den Ost-West-Konflikt - und nun Shadow Dancer des Iren James Marsh. Das Werk läuft im Wettbewerb, jedoch außer Konkurrenz - ein wiederkehrendes Kuriosum, über das auch Clive Owen in der Pressekonferenz schmunzelte. (Im Englischen ist die Nomenklatur gar noch grotesker, wenn da von "in competition, out of competition" die Rede ist!) Auch wenn Shadow Dancer sicher nicht die erste fiktionale Bearbeitung des Nordirlandkonfliktes ist, bietet der Film insofern eine recht frische Perspektive, dass er in der späten, von Friedensbemühungen geprägten Phase der Krise angesiedelt ist. Beide Seiten - in diesem Fall die der IRA und die des MI5 - werden gleichermaßen repräsentiert, im Zentrum der Story stehen eine Terroristin mit Sohn und Sinnkrise sowie ein Agent mit Ex-Frau und ethischen Bedenken. Aus dieser spannenden Ausgangskonstellation, die dem Roman eines ehemaligen britischen Journalisten entspringt, destilliert Regisseur Marsh einen ebenso dichten, packenden und bis zum schlimmen Finale überraschenden Thriller. Neben einem gewohnt guten Clive Owen als Agent überzeugt auch Andrea Riseborough, immerhin im letzten Jahr zum Shooting-Star der Berlinale gekürt, in der weiblichen Hauptrolle. Jetzt muss bloß irgendwer Herrn Owen und mir darlegen, warum diesem hervorragendem Film per Siegel ("außer Konkurrenz") jede Auszeichnungsmöglicheit verwehrt wird.

Montag, 13. Februar 2012

Tag 5: Montag, 13.02.2012

Berlinale-Pressekonferenzen sind eine Sache für sich. Und das meine ich ganz gewiss nicht positiv. Es gibt Kollegen, bei denen wendet man sich bereits entnervt ab, wenn sie die Hand zum Zeichen einer Frage heben - bevor sie diese überhaupt gestellt haben. Ein spezieller Geselle, dessen Auftritte mittlerweile gewohnheitsmäßig durch ein kollektiv gerauntes "Here we go again..." des restlichen Plenums eingeleitet werden, ist der hartnäckigste seiner Zunft. R e g e l m ä ß i g ist sich der überaus gut gelaunt auftretende Herr nicht zu schade, in einer Mischung aus kindlicher Faszination und völliger Ahnungslosigkeit gestandene Schauspieler (!) erklären zu lassen, wie zum Teufel es ihnen gelungen sei, etwas darzustellen (!), das sie im wahren Leben (!) doch gar nicht selbst erlebt hätten! Auch dass der Kollege darauf seit J a h r e n die zumindest in exakt denselben Worten ("Well, that's why it's called ACTING...") eingeleitete Antwort erhält, scheint ihn mitnichten davon abzuhalten, die versammelte Presse ein ums andere Mal in gemeinschaftliche Verlegenheit zu bringen.

Fairerweise muss man ergänzen, dass auch die Damen und Herren auf dem Podium doch eher selten tatsächlich Geistreiches zu berichten wissen. Aber dass das ohne wenigstens halbwegs intelligente Vorlagen seitens der Fragesteller überaus schwer zu bewerkstelligen ist, darf auch nicht vergessen werden. So gehört es schon zu den pressekonferenzlichen Highlights, wenn heute etwa Billy Box Thornton die unvermeidliche Frage nach dessen ebenfalls auf dem Festival anwesender Ex-Frau (dennoch: Wie bringt man den Mut auf, diesen boulevardesken Mist dem Befragten tatsächlich ins Gesicht zu schleudern??) mit einer mir unverständlichen Gelassenheit und Galanz beantwortet. Aber solch Aufregendes ist, wie gesagt, die Ausnahme.

So kommt es, dass ich die knappen 30 PK-Minuten meist eher als akustische Untermalung der spontanen Niederschrift meiner Gedanken zum vorangegangenen Film nutze denn zur Informationsbeschaffung. Auch da ich diese Zeilen verfasse, sitzt geschätzte drei Meter Luftlinie von mir entfernt Christian Bale und übt sich in Demut gegenüber dem Regisseur seines leider nicht sehr gelungenen Festivalfilms.

Jetzt mag man zurecht einwenden, warum ich mir diese ungute Mischung aus Fremdscham und Nichtigkeiten überhaupt freiwillig antue. Stimmt, ich könnte es einfach sein lassen... Aber dafür muss wohl erst der Reiz ganz verflogen sein, Menschen, die man nur als Stars von der Leinwand und aus dem Fernsehen kennt, aus nächster Nähe begutachten zu können - als Menschen eben. Er hat sich bei mir schon deutlich gelegt, aber ist manchmal dann eben doch wieder da. Fragt mich in ein paar Jahren nochmal!

Friends After 3.11

In Reaktion nicht nur auf die Katastrophe des Hurrikans Katrina, sondern insbesondere das behördliche Missmanagement davor, währenddessen und danach hat der amerikanische Filmemacher Spike Lee [Go Knicks!] 2006 die vierteilige Dokumentation When the Levees Broke gedreht. Sehr Ähnliches hat nun der japanische Regisseur Shunji Iwai (dessen fiktionale Arbeit ich bereits im Forum der Berlinale 2002 kennen und schätzen gelernt habe) im Angesicht des Erdbeben-, Tsunami- und Atom-Desasters im vergangenen Jahr unternommen. In Friends After 3.11 diskutiert Iwai mit zahllosen Betroffenen, Experten und Aktivisten über die Ursachen, den Verlauf und vor allem die Folgen des Unglücks. Zentral geht es ihm zunächst um die (Neu-)Bewertung der Risiken der Nuklearenergie. Ungemein vielfältig sind die Zugänge und Ansätze, die Iwai abschreitet. Von der sehr ernst zu nehmenden Problematik der Unsichtbarkeit radioaktiver Strahlung bis hin zu fundierten Tschernobyl-Vergleichen trägt Iwai massenweise Fakten und Überlegungen zusammen. Wer hatte etwa gewusst, dass die japanische Regierung ihren Strom nicht von den großen (Atom-)Stromkonzernen bezieht und damit das gemeine Volk bitter verhöhnt, das auf den Nuklearstrom ja ach so angewiesen sei?


friends after 3.11
Iwai Shunji

Insbesondere in der ersten Stunde von Friends After 3.11 prasseln in den Diskussionen Iwais mit seinen Gesprächspartnern derart viele Informationen auf den Zuschauer ein, dass man mit deren Verarbeitung beizeiten kaum hinterherkommt. Nur durch die a) sprachlich wieder einmal sehr dürftigen und b) viel zu schnell wechselnden Untertitel ist es wohl zu erklären, dass die Pressevorführung des Films von einer erheblichen Abwanderungsbewegung betroffen war. Am Ende hatte sich die Fülle der unverständlicherweise ohnehin nicht sehr gut besuchten Ränge nochmals halbiert. Das ist angesichts der immensen Relevanz der Thematik allgemein und dieses Filmes im Speziellen ein riesengroßer Jammer.

So haben wenigstens in dem von mir besuchten Screening nur noch ein paar Handvoll Zuschauer miterleben können, wie Friends After 3.11 in seiner zweiten Hälfte erstens dramaturgisch vielseitiger wird und seinen Fokus zweitens entscheidend ausweitet. Obgleich Besuche mehrerer heftig Betroffener Gebiete zu den schockierendsten Momenten der Dokumentation zählen, begnügt sich Iwai bald nicht mehr mit einer Analyse der Katastrophe an sich. Darüber hinaus fühlt er der gesellschaftlichen Lage seiner Nation vor dem März 2011 gründlich auf den Zahn. So lässt sich Iwai etwa die hohe Suizidrate Japans, das in dieser traurigen Statistik an weltweit sechster Stelle geführt wird (auf Platz 1 findet sich übrigens ausgerechnet Weißrussland, an dessen Grenze zur Ukraine Tschernobyl liegt!), erklären. Auf Basis dieser Überlegungen formuliert Iwai eine fundamentale Gesellschaftskritik, die über ein ohnmächtiges Dokumentieren der zunächst natürlichen Katastrophe weit hinaus geht. Im allerbesten Sinne ist Friends After 3.11 eine - zumal völlig untrotzige und konstruktive - Abrechnung mit den Grausamkeiten heutiger neoliberaler Idiotie weltweit.

Marley


Eigentlich ist es ein kleiner Skandal: Es gibt keinen Musiker seines Bekanntheitsgrades, über dessen Leben es nicht wenigstens ein Biopic aus dem Hause Hollywood oder einen größer angelegten Dokumentarfilm gibt. Ob Michael Jackson, Madonna, die Beatles, Stones, Johnny Cash, Ray Charles, (die Liste ließe sich noch zeilenweise fortsetzen) - ihnen allen sind weltweit distributierte Filme gewidmet worden. Insofern besetzt Oscar-Preisträger Kevin Macdonald eine echte Versorgungslücke, wenn er nun eine tatsächlich abendfüllende Dokumentation über Bob Marley vorlegt. Nicht zuletzt wegen fehlender Vorarbeiten auch in literarischer Form kann man das Projekt, das Macdonald von Jonathan Demme (Silence of the Lambs) übernommen hat, eine echte Pionierarbeit nennen. Die Hauptquellen Macdonalds sind im Film zu sehen - Marleys Mutter, Frauen (Mehrzahl!), Freunde, Bandkollegen. In wohl insgesamt doch etwas arg langen 144 Minuten entwirft Marley dabei ein faszinierendes und vielschichtiges Portrait des mit nur 36 Jahren viel zu früh verstorbenen Künstlers. Andererseits sind die knapp zweieinhalb Stunden gerade genug, um schlüssig von Marleys Kindheit in Jamaika, seinen musikalischen Anfängen und seiner Funktion als Mitbegründer eines neuen Musikstils zu berichten. Neben vielen unbekannten Details aus dessen lebhafter Biografie überrascht insbesondere, dass Macdonald Marley auch und gerade als Philosophen begreift, als Verkünder einer universellen, politisch und menschlich überaus relevanten Botschaft.

Dictado und I, Anna

Sieht man einmal von gewissen mittelöstlichen Extremitäten ab, hat die Berlinale LXII. nun ihre ersten beiden vergleichsweise stabil-klassischen Genrefilme - von unterschiedlicher Qualität. Mit Dictado liefert der spanische Filmemacher Antonio Chavarrías den in jedem Berlinale-Wettbewerb unvermeidlichen, aber nicht alleine deshalb vernachlässigungswürdigen Formelfilm-Beitrag. Einzig das Genre selbst ist für die Hauptprogrammsparte des Festivals etwas ungewöhnlich: Dictado ist ein astreiner Horrorthriller, vielleicht etwas arg astrein. Die Geschichte eines Mannes, der von einem grauenvollen Kindheitsereignis in Form eines geisterhaft agierenden Mädchens eingeholt wird - wer kennt sie nicht? Einzig in seiner gelungene Balance zwischen wissenschaftlicher und spiritueller Fundierung (nämlich die Wahl dem Zuschauer zu überlassen) überzeugt der Film. Trotz der bemühten, wenn auch rein äußerlich aalglatten Darsteller (Protagonist Juan Diego Botto wirkt einem H&M-Katalog entsprungen), will der Funke nicht recht überspringen. Zu vorhersehbar, zu beliebig.


I, Anna
Charlotte Rampling
© Berlinale

Besser, weil bis fast zum Schluss mysteriöser und stimmungsvoller ist I, Anna, mit dem Barnaby Southcombe sein Spielfilmdebüt gibt. Selbstredend reeiiiin zufällig spielt seine Frau Mutter, bekannt als Charlotte Rampling, die Titelrolle dieses klassisch angelegten Thrillers, der in der Reihe Berlinale Special untergebracht ist. Es geht um eine Frau in den (angeblich) besten Jahren, die nach der Trennung von ihrem Mann nach menschlicher Nähe sucht. Ähnlich zuneigungsbedürftig ist auch der Scotland-Yard-Kommissar Bernie (Gabriel Byrne in bester Pacino-Manier), der Anna bei der Ermittlung eines Mordfalles über den Weg läuft. Wie dessen Interesse vom privaten ins berufliche kippt, schildert Southcombe in filigranen Bildern und begleitet von hypnotischen Synthesizerklängen. Dass schließlich gar ein Einblick in die freilich von tiefen Abgründe zerfurchte Seele Annas gelingt, ist dennoch in erster Linie der Mama zu verdanken, deren hingebungsvollem Spiel man sich wieder einmal nicht entziehen kann.

Barbara

"Liebe gehört auch in die Produktion, nicht nur in die Reproduktion." Mit diesem wunderschönen Satz hat Christian Petzold zumindest einen Aspekt seines neuen Werkes umschrieben, das als erster von drei heimischen Beiträgen im Wettbewerb gestartet ist. Petzold trägt damit dem in der Tat bemerkenswerten Umstand Rechnung, dass die beiden wenigstens potenziell liebenden Protagonisten seines Filmes Ärzte sind - und zwar in einem Provinzkrankenhaus im Meckpomm der frühen 1980er.

Gerade weil es während des Films kaum auffällt, ist die vielleicht größte Besonderheit von Barbara der bewusste Verzicht auf einen dezidierten Zeichencharakter des "Ostdeutschen". Wie Nina Hoss in der Pressekonferenz bestätigt, war es eine explizite Devise Petzolds, auf heftige Dialekte oder allzu deutliche - freilich historisch korrekte - Symbolik zu verzichten. Auch deshalb gelingt schließlich Erstaunliches: Irgendwann legt der Film das Damoklesschwert DDR so weit beiseite, wie es eben geht, wenn man eine Handlung in jenen Raum und jene Zeit verlegt, und lässt eine ballastfreie Konzentration auf den übergreifenden Kern der Geschichte zu.


Barbara
Nina Hoss
© Christian Schulz

Mit großem Einfühlungsvermögen, einer für den Regisseur geradezu atemraubenden Handlungsvielfalt und natürlich fotografiert in den typischen Fromm'schen Farben erzählt Barbara vom (Über-)Lebenskampf seiner gleichnamigen Hauptfigur. In der bereits fünften Kollaboration wird diese ganz hervorragend von Nina Hoss gespielt. Da es auf der Berlinale ungeschriebenes Gesetz ist, wenigstens einen Künstler aus dem Heimatland des Festivals mit einem Bären zu Versehen, dürfen sich sowohl Hoss als auch Petzold große Hoffnungen auf eine Auszeichnung nächsten Samstag machen. Verdient hätten es beide.

Sonntag, 12. Februar 2012

Tag 4: Sonntag, 12.02.2012

Die Mitglieder der Internationalen Jury wählen aus den Beiträgen der offiziellen Wettbewerbssektion die Gewinner der begehrten Bären. Jedes Jahr stellt die Festivalleitung die Mitglieder dieser Jury neu zusammen - aus allerlei Menschen, die sich in ihrem Schaffen um den Film verdient gemacht haben. Den Juryvorsitz hat 2012 der britische Filmemacher Mike Leigh inne, die weltweit bekanntesten Mitglieder sind aber wohl die Schauspieler Charlotte Gainsbourg (Antichrist) und Jake Gyllenhaal (Brokeback Mountain).

Um sich ein lückenloses Bild der kokurrierenden Werke zu machen, haben die Jurymitglieder zwei Möglichkeiten. Entweder sie schauen sich die Filme abgeschottet im stillen Kämmerlein an, auf (so heißt es wenigstens) vergleichsweise winziger Leinwand. Oder sie besuchen die jeweilige Pressevorführung, in der die Filme den internationalen Journalisten auf überaus großen Leinwänden vorab gezeigt werden. Nutzen sie die zweite Option - was zum Glück zumeist der Fall ist -, ist den Juroren die Reihe der konsensmäßig als optimal geltenden Plätze vorbehalten, nämlich diejenige in der Mitte der Kinos. Alleine wenn man diesem räumlichen Optimum also möglichst nahe kommen will, ist es geradezu unvermeidlich, sich im Kino auch in größtmögliche Nähe der auserwählten/auswählenden Stars zu begeben.

Und nun das Foto:

Les adieux à la Reine

Um es vorwegzunehmen: Les adieux à la Reine ist ein würdiger offizieller Eröffnungsfilm der 62. Berlinale. Das neue Werk des französischen Regisseurs Benoît Jacquot ist einerseits keine zu abstruse Wahl - als vollwertiger Kostümfilm mit schwergewichtigem historischem Thema. Andererseits ist der Film unkonventionell genug, weil er seinen altbekannten Gegenstand - La Révolution française - durchaus mit Brüchen und frischem Wind versieht. Der entscheidende Kniff ist dabei die Perspektive: Dass sich der Film den monarchischen Gefilden "von unten" nähert, indem er den Blickwinkel der Vorleserin (très bien: Léa Seydoux) Ihrer Majestät Marie-Antoinettes (besser als Kirsten Dunst: Diane Kruger) einnimmt, ist der große Gewinn dieses makellos gestalteten Ausstattungsfilms. Zudem versteht es Jacquot, den gewaltigen Geschehnissen durch allerlei Verve und Witz einen eigentümlichen, oft ironischen Anstrich zu verleihen. Gleichzeitig kommt auch die magnitude des Umbruches - in ausladenden Cinemascope-Bildern und unheilschwangeren Kontrabässen - keineswegs zu kurz. Formidable!

Samstag, 11. Februar 2012

Tag 3: Samstag, 11.02.2012

Tag 3 - und endlich der erste Superstar. Durch die Schlagzeile im berühmt-berüchtigten U-Bahn-TV des Vortages leicht entmutigt, war ich bis zuletzt eher skeptisch, ob Angelina Jolie tatsächlich den Weg in den Pressekonferenzsaal des Hyatt-Hotels finden würde. "Jolie: Statt Berlinale Legoland mit Kindern", orakelte man da. Frechheit, Zeit mit der mühesam zusammengestellten Familie mies denglischenden Fragestellern vorzuziehen! Aber sie kam ja dann doch... Und hielt sich auffällig unauffällig im Hintergrund. Schickte die Schauspieler, die sie regieführenderweise In the Land of Blood and Honey entsendet hatte, auch in der PK vor. Dass diese wiederum artig (manche mehr, manche weniger kreativ) der Chefin besagten Honig um die Schmolllippen schmierten - wie hätte die selbstlose Kriegsfilmerin es ahnen können? Aber genug der Sticheleien. Bescheiden gab sich Ms. Jolie dann schließlich auch, als sie sich selbst befragen ließ. Einzig den iranischen Kollegen, der ihr Schwarzweißmalerei zuungunsten der Serben vorwarf, wies sie recht harsch zurecht - und war dabei vollkommen im Recht. Auch wenn es mir selbst nicht vergönnt war, eine geistreiche Frage an die Filmemacherin zu richten (weil man mir eine Frau Engelke vom Morgenmagazin vorzog): Ein insgesamt gelungener Auftritt!

Hier ein paar Impressionen aus Reihe 4:

Oktjabr

Von der gezielten Wortarmut zum gänzlich stummen Film. Das Filmmuseum München hat in aufwendiger Arbeit einen vergessenen Klassiker der Spätphase des Frühen Kinos restauriert, Oktjabr (Oktober, 1927) von Sergej Eisenstein und Grigori Aleksandrow. Eisenstein ist nicht nur ein wichtiger Theoretiker der Anfangsjahre des Mediums, sondern zählt auch filmpraktisch zu den Pionieren des Kinos. Der Russe gilt als eigentlicher Begründer heutiger Konventionen des Filmschnitts - zu beobachten etwa in der berühmten Kinderwagen-Szene seines bekanntesten Werkes Panzerkreuzer Potemkin (1925). Wenn im Zusammenhang mit schnellen Schnittfrequenzen immer wieder von "MTV-Ästhetik" die Rede ist, darf der Hinweis auf Eisenstein eigentlich nie fehlen - schließlich hat der diesen in den 1990ern wiederentdeckten Stil bereits runde 70 Jahre früher ins Leben gerufen.


Als Absolvent der Filmwissenschaft - zumal in Frankfurt bei Heide Schlüpmann (schöne Grüße!) - wäre es ein Frevel, ließe man sich ausgerechnet auf der Berlinale einen Stummfilm entgehen. Bei der Generalprobe der Erstaufführung der generalüberholten Langfassung von Oktjabr [siehe Bild] war die pompöse Musik von Edmund Meisel der ganz und gar nicht heimliche Star der Show. Live begleitet vom Rundfunk-Symphonieorchester Berlin unter der Leitung des energetischen Frank Strobel gerieten die fraglos fragwürdigen politischen Implikationen dieser überaus suggestiven Rekonstruktion der Oktoberrevolution beinahe in den Hintergrund. Aus logistischen Gründen (der Friedrichstadtpalast verfügt nicht über einen Orchestergraben) direkt vor der Leinwand platziert und (wenigstens in der Generalprobe) doch etwas arg hell ausgeleuchtet, lässt die vordergründige Präsenz der Musiker eine optimale - also dunkle- Projektionssituation, die eine Konzentration auf das Bild erlauben würde, kaum zu. Dieser Umstand - der zur Premiere zudem noch optimiert werden sollte - darf aber die Bewertung der musikalischen Umsetzung nicht schmälern. Die Vertonung, die auch unzählige Geräuscheffekte und Rhythmen enthält, die ihrer Zeit weit voraus gingen, ist in Konzept und Durchführung gigantisch und unbedingt hörenswert. Vom geräuschvollen (aber nicht unpassenden!) Abflug eines Beckens abgesehen, gelang die Begleitung in der Probe bereits hervorragend. Hoffentlich ein gutes Omen für die feierliche Uraufführung, der allenfalls eine prominentere Präsentation des eigentlichen Filmes zu wünschen ist.

Aujourd'hui

Die Wassermarke, die von der Berlinale-Organisation in diesem Jahr gratis an die Pressevertreter verteilt wird, gibt es in den Sorten "laut" und "leise" (mit bzw. ohne Kohlensäure). Auf die Festivalbeiträge gemünzt, gehört Don 2 sicher in die erste Sparte. Der Wettbewerbsbeitrag Aujourd'hui ist dagegen vor allem mit einer Vokabel treffend umschrieben: leise. Sehr langsam und stets bedacht wird darin die Geschichte Satchés entwickelt, eines Mannes, der nur noch einen Tag zu leben hat (warum, erklärt der Film nicht). Regisseur Alain Gomis nimmt sich viel Zeit, sich dem Protagonisten zu nähern, er spürt ihn zunächst rein visuell auf, ertastet seine Physiognomie mit der Kamera. Akustisch scheint Gomis allenfalls an Geräuschen und Musik tatsächliches Interesse zu haben. Die wenigen, spärlichen Dialoge, in denen Satchés Mitmenschen ihre Reaktion auf den bevorstehenden Tod des Sohnes, Freundes, Ehemannes, Geliebten, Nachbarn verbalisieren, wirken daher umso nachhaltiger.

Der Spoken-Word-Künstler und Rapper Saul Williams als Satché darf als früher Favorit auf den Silberbären als bester Darsteller gehandelt werden. (Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Als HipHopper hat Saul Williams wohl zusammengenommen weniger Platten verkauft als Eminem Demotapes vor Beginn seiner Karriere im Trailerpark verteilt hat.) Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet ein Mann, dessen gesamte bisherige Künstlerkarriere vom gesprochenen Wort lebte, in dieser überaus wortkargen Rolle brilliert.

Freitag, 10. Februar 2012

In the Land of Blood and Honey

Es gehört zum Wesen von Festivals, derart grundverschiedene Filme aneinanderzureihen (zumal wenn - wie in diesem Fall - kaum 10 Minuten zwischen den Screenings liegen), dass deren Rezeption geradezu absurde Züge annimmt. Der sinnentleerten Dauerbefeuerung in/durch Don 2 folgt mit Angelina Jolies Spielfilmregiedebüt In the Land of Blood and Honey ein denkbar ernsthafterer Vertreter seiner Zunft.

Es ist bewundernswert, an welch unhollywoodeskes Sujet sich Frau Nicht-Mrs.-Pitt gleich mit ihrem Erstlingswerk hinter der Kamera wagt. In the Land of Blood and Honey erzählt ohne jede inhaltlichen oder inszenatorischen Kompromisse eine beklemmende Innenansicht des Bürgerkrieges im heutigen Ex-Jugoslawien Anfang der 1990er. Unter Verzicht auf Stars der Schauspielbranche, aus der Jolie als Kollegin sicher fast unbegrenzt hätte schöpfen können (sieht man einmal von Rade Šerbedžija ab, dem Tochtervermittler aus Kubricks Eyes Wide Shut, der hier eine Art Mladić-Verschnitt spielt, entfaltet der Film die leidvolle Liebesgeschichte zwischen einer bosnischen Malerin (Zana Marjanović) und einem serbischen Offizier (Goran Kostić). Gleichzeitig bleiben auch die größeren Dimensionen des Krieges stets präsent - zahllose schwer erträgliche Vergewaltigungen und Massenerschießungen inbegriffen. Jolie verortet die Grausamkeiten innerhalb wie außerhalb des Kriegsrechtes explizit auf beiden Seiten des Konfliktes und proklamiert auch zur Frage nach einem internationalen Einschreiten keine einfache Lösung.


In The Land Of Blood And Honey
Zana Marjanovic
Foto Dean Semler © 2011 GK Films. Alle Rechte vorbehalten.



Auch wenn der Bearbeitung des heiklen Themas der (vermeintliche) Makel der Außenperspektive, noch dazu der eines glamourösen Hollywoodstars, unvermeidlich anhaften wird: Man sollte bei aller berechtigten, dringend gebotenen Diskussion des Bosnienkrieges, der ausländischen Intervention und der Verfilmung nicht vergessen, dass und wie Jolie nicht nur mit In the Land of Blood and Honey ihre Prominenz nutzt, um auf weltweite Missstände aufmerksam zu machen.

Wie sehr der Film von völlig filmunabhängigen Kontroversen überlagert wird, verdeutlicht eine Szene am Ende der Pressevorführung: Der zaghafte Applaus des Publikums wird durch das laute Buhen eines einzelnen Kollegen in der Reihe vor mir unterbrochen. Als ich ihn ein paar Minuten später vorsichtig frage, warum er gebuht habe, sagt er mit wildem Blick: "Those pigs killed my parents." Ich frage nicht mehr, welche der Schweine er meint.

Don - The King Is Back

Wer zur Berlinale nicht bereits einen Tag vorher anreist, darf sich seinen Eröffnungsfilm selbst aussuchen (über den offiziellen, Les adieux à la reine, werde ich berichten, sobald ich ihn nachgeholt habe habe ich hier geurteilt). Das klingt trivial, ist aber nicht unbedeutend, wenn man bedenkt, dass dieser ganz eigene Jahrgangserstling den Grundstein für die anschließende Abfolge von, nun ja, 20 bis 30 Filmen innerhalb kaum einer Woche legt. In meinem Fall ist die Wahl auf den Bollywood-Kracher Don - The King Is Back gefallen - zugegeben, auch aus organisatorischen Gründen. Gerade weil dieser Film vermutlich mit keinem der Werke auch nur ansatzweise vergleichbar ist, die auf ihn folgen werden, war es wohl die richtige Wahl.

Erstes Kuriosum: Bevor wir die dreitagebärtige Vokuhila-Variante von Shah Rukh Khan in der chucknorrisch-ramboesken Exposition zu Gesicht bekommen, leitet eine Aneinanderreihung von Sponsorennamen (beginnend mit mehreren deutschen Förderanstalten!) den Film ein, an deren Ernsthaftigkeit man spätestens ab der Einblendung des 20. Markenlogos zu zweifeln beginnt. Auch in der Folge lässt der Film, der sich bald als Sequel erweist, nichts unversucht, seine eigene Seriosität zu demontieren. Kein, aber auch wirklich gar kein Blockbuster-Klischee lässt Don 2 aus. In seiner Darstellung des schier unbesiegbaren Verbrecher-Allroundtalents Don ist sich der bollywood'sche Superstar Khan für keine seifenopernhaft-schmalzige Geste zu schade. An seiner Seite glänzen makellos gestylte Standard-Gehilfen und -Gesetzeshüter, selbstredend allesamt aus der übersichtlichen A-Riege indischer Starmimen besetzt. Selbst im Fundus des zuletzt nicht eben einfallsreichen europäischen und amerikanischen Actionkinos zusammengenommen hat es in den vergangenen Jahren kein derart dreistes Sammelsurium sämtlicher klassischer "James Bond"- und "Mission: Impossible"-Versatzstücke gegeben.


Don – The King Is Back
Shah Rukh Khan, Priyanka Chopra
© Rapid Eye Movies


Kurzum: Als Persiflage funktioniert Don 2 ganz hervorragend - kein noch so absurder Gemeinplatz, den die Mär vom mephistophelischen Über-Gangster und seiner Jägerin/Flamme nicht genüsslich zitieren würde. Aber ist das Klischeefeuerwerk wirklich so unernst gemeint? Kann es dessen Machern wirklich egal sein, dass sich jeder haarige Moment der haarsträubenden Story haarklein vorhersehen lässt?

Der primäre (wenn nicht einzige) Grund, warum sowohl die hiesigen Filmförderungsboards als auch die Festivalprogrammierer Don - The King Is Back erwählt und für ihrer würdig befunden haben, liegt in der Tatsache, dass dessen Handlung mehrheitlich in Berlin spielt. Im Gegensatz zu mancher Hollywood-Produktion, die zum Ausgleich in Babelsberg gedrehter Innenaufnahmen in einer einsamen Alibi-Szene den Anschein erweckt, in Berlin stattzufinden, nimmt Regisseur Farhan Akhtar in Don 2 tatsächlich weite Teile des hauptstädtischen Zentrums vor dem Hintergrund einschlägiger Sehenswürdigkeiten auseinander. Das verleiht dem Geballere sicher keinen Sinn, unterhält aber immerhin kurzweilig. Und es hält wach, was man von manch folgendem Festivalbeitrag nicht wird behaupten können - und was als persönlicher Opener dankbar über akuten Schlafmangel und unnötige Anreiseturbulenzen hinweghilft. Dass Don 2 in seinem wilden Ritt durch die Häuserschluchten Berlins in einem Nebensatz kurzerhand den ehemaligen Nationalfeiertag um einen Monat verlegt, als von der "Strasse des 17. Juli" [Na, wer findet die beiden zusätzlichen grammatikalischen Fehler?] die Rede ist - ganz ehrlich: was soll's.

Tag 2: Freitag, 10.02.2012


Tasche, Katalog und WLAN. Geht doch!

Donnerstag, 9. Februar 2012

Tag 1: Donnerstag, 09.02.2012

Während im TV gerade die Eröffnungsgala übertragen wird, sammeln die Festivalbesucher ihre ersten Eindrücke. Vieles ist beim Alten, an manches Gesicht glaubt man sich vage zu erinnern. Doch die europäische Sparpolitik scheint auch vor dem zweitgrößten Filmfest des Kontinents nicht halt zu machen: Die akkreditierte Journaille vermisst, so raunt es über die Flure, die Festivaltasche, den Katalog und den WLAN-Zugang vergangener Jahrgänge. Aber was ist schon ein erinnerungswürdiges Großereignis ohne Startschwierigkeiten! Wir bleiben dran. Morgen mehr zu den ersten Filmen...


Mittwoch, 8. Februar 2012

Berlinale 2012

Morgen geht es los: Am Donnerstag, den 9. Februar 2012 startet nicht nur die diesjährige Berlinale, sondern auch unsere Berichterstattung - pünktlich an Tag 1!

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