Montag, 25. Februar 2013

Berlinale 2013: Ein Rückblick

Auch in ihrer 63. Ausgabe waren die Internationalen Filmfestspiele Berlin ein wahrhaftiger Publikumsmagnet. Wie Leiter Dieter Kosslick bei der feierlichen Abschlussveranstaltung verkündete, wurden stolze 99,8% aller rund 300.000 Karten verkauft. Die also übrigen 600 Tickets entsprechen, bedenkt man die durchschnittliche Größe der Festivalstätten, kaum mehr als einer einzigen Vorstellung. Da aber so gut wie alle der fast 400 gezeigten Filme mindestens einmal wiederholt wurden, darf man davon ausgehen, dass in der Tat jeder einzelne dieser Beiträge von einem überaus angemessenen Zuschauermenge gewürdigt worden ist.


Wettbewerb

Die Hauptsektion der Berlinale 2013 hat einen, da sind sich die internationalen Pressevertreter ausnahmsweise einmal weitgehend einig, guten Eindruck hinterlassen. Gut, aber eben nicht sehr gut. Aus individueller Sicht (12 von 19 Filmen) kann der diesjährige Wettbewerb qualitativ nicht ganz mit dem allerdings ungewöhnlich starken Jahrgang 2012 mithalten. Für die Bestnote fehlte diese Jahr wenigstens ein Beitrag, von dem sich bereits jetzt sagen ließe, dass er weit über den Bedeutungshorizont des Festivals hinausweist. Barbara war im Vorjahr so ein Film, der nicht umsonst auf keiner ernstzunehmenden Jahresbestenliste fehlen durfte.
Um das Urteil positiver zu wenden: Auch einen Totalausfall suchte man heuer vergebens. Angesichts der gewohnt heterogenen Auswahl ist eine solche Beständigkeit beachtlich. Selbst sicher verzichtenswerten Beiträgen wie The Necessary Death of Charlie Countryman (mit Shia LaBeouf) lassen sich zumindest Unterhaltungswerte abgewinnen, schwachen Drehbüchern wie dem von Layla Fourie (Pia Marais) stehen erkennbare Bemühungen in der Umsetzung gegenüber.
Nicht erst die Vergabe der Bären hat die Präsenz starker Frauen - vor wie hinter der Kamera - im Wettbewerb unterstrichen. Wenn man das 2013 denn immer noch als Besonderheit erwähnen muss. Der hochverdiente vergoldete Hauptpreis an das beklemmende rumänische Drama Child‘s Pose und seine in der Tat bärenstarke Hauptdarstellerin Luminita Gheorghiu verweisen zumindest rein faktisch auf diese vielzitierte Erkenntnis. Überhaupt sind die Entscheidungen der - erstmals in der Mehrzahl weiblichen - Jury um Wong Kar-Wai geradezu gespenstisch nachvollziehbar. Neben dem Goldbären sind insbesondere die Auszeichnungen für die bosnische Episode of an Iron Picker und den iranischen Pardé lobenswert, nicht zuletzt weil sie den Finger auf akute Wunden in den jeweiligen Entstehungsländern legen. Einzig die Ignoranz von Thomas Arslans Western Gold, der wunderbar zwischen des Filmemachers Wurzeln in der Berliner Schule und einem überraschenden Ereignischarakter changiert, lässt sich der Auswahlkommission ankreiden.

Von Wong Kar-Wai stammt indes nicht nur der Eröffnungsfilm, sondern der wohl beste des Festivals überhaupt. Seine historisch verankerte Kampfkunst-Oper The Grandmaster ist eine einzige Feier der Kraft und Magie des Kinos. Da mag man dem Filmemacher aus Hongkong seine regelmäßigen Raucherpausen während der Screenings gerne verzeihen. Auch auf der Leinwand waren die Glimmstängel ebenso omnipräsent wie außergewöhnlich viel nackte Haut - aber das mag der subjektiven Filmauswahl geschuldet und somit ein willkürlicher Eindruck sein. Im gleichen Sinne unverkennbar auch die generelle Gleichförmigkeit auf gutem Niveau: Die Abwesenheit extremer Höhen und Tiefen beschränkte sich bei der 63. Berlinale mitnichten auf den Wettbewerb. Vom künftigen Unterrichtsmaterial - wie Ken Loachs Spirit of ‘45 - über den künftigen Independent-Tipp - wie Carters Maladies - bis hin zum künftigen Kassenschlager - wie Giuseppe Tornatores The Best Offer - hatten auch Forum und Panorama viel Sehenswertes zu bieten. Spektakuläre Neuentdeckungen wie Stacie Passons vitaler Film Concussion über eine lesbische Ehefrau und Mutter als Edelprostituierte, dem ein deutscher Verleih zu wünschen wäre, bildeten jedoch die Ausnahme.


Landschaften

Eine thematische, topografische und letztlich politische Tendenz, die die unterschiedlichen Sektionen übergreift, erscheint offensichtlich. Urbane Räume und schon gar die Großstadt als längst klassisches Setting mussten bei der 63. Berlinale allzu oft ihrem landschaftlichen Gegenpart Platz machen. Ob nun mit ökologischem Fokus - wie in Gus Van Sants Promised Land (Wettbewerb) oder der italienischen Dokumentation Materia oscura (Forum) - oder eher figurenpsychologischem Schwerpunkt - wie in A Single Shot (Forum) mit Sam Rockwell oder Dark Blood (Wettbewerb/a.K.), der spannenden Rekonstruktion des letzten Films von River Phoenix - vollziehen ungewöhnlich viele Berlinale-Beiträge in diesem Jahr den menschlichen Eingriff in die ländliche Natur nach. Nicht selten erlangt der Ort, der stets als entlegen, beizeiten als bäuerlich oder gar provinziell markiert ist, einen Status weit jenseits eines bloßen Handlungsraumes als eigenständiger Filmcharakter oder gar Kern der Erzählung höchstselbst.


Unschöne Anwandlungen

Was der gemeine Filmjournalist unlängst von herkömmlichen Pressevorführungen kennen und hassen gelernt hat, scheint nun langsam auch im Berlinale-Betrieb Einzug zu erhalten. Erstmals ließen sich 2013 wahllose Taschenkontrollen beobachten und beklagen. Besonders frappierend dabei die vollendete Willkür und programmierte Sinnlosigkeit der Maßnahmen: Da musste ein zur tagesaktuellen Berichterstattung genutzter Tablet-PC plötzlich, da beim Zugang zum Kinosaal - der dritten von drei Ausweiskontrollen - ausnahmsweise in der Hand gehalten, an der Garderobe abgegeben werden, da er ja eine Kamera enthalte. Dutzende regelmäßig (und auch im vorliegenden Fall wenige Meter entfernt) offen zur Schau getragene Smartphones samt wesentlich höher auflösender Fotografiefunktion seien dagegen explizit nicht von der Sicherheitsvorkehrung betroffen, ergab eine Nachfrage. Bei ebenfalls stark unregelmäßigen Rucksackdurchsuchungen - die offizielle Festivaltasche mit gleichem Fassungsvermögen (!) schützte pauschal vor derartigen Eingriffen - wurde das exakt selbige, gut sichtbare Tablet ausnahmslos ebensowenig beanstandet wie mitgeführte Speisen und Getränke. Die offene Entnahme letzterer wiederum führte im Zuschauerraum zu sofortiger Ermahnung und Verbot durch die auch dort omnipräsenten AufpasserInnen. Liebe Festivalleitung, ganz ehrlich: 1. Wenn schon Kontrolle, dann sinnvoll, einheitlich und nach einsehbaren Richtlinien. 2. Bei einem derart dichten Tagesprogramm in den Kinosälen selbst den Konsum des vom Festival eigens verteilten Mineralwassers (!) grundsätzlich zu verbieten, ist an Absurdität kaum zu überbieten.


Stimmige Vielfalt

Auch 2013 hat sich die Berlinale - von diesen organisatorischen Unstimmigkeiten einmal abgesehen - von ihrer besseren Seite präsentiert. Der wünschenswert großen Vielfalt stand ein ebenfalls wohltuende tendenzielle Konzentration auf ländliche (Spiel-)Räume gegenüber. Auch wenn man für die ausgebliebenen Tiefpunkte insbesondere der Wettbewerbskonsequenz dankbar sein darf, hätte man zugunsten überwältigender Ausnahmewerke sicher auch das eine oder andere misslungene Wagnis in Kauf genommen. Die Bären-Vergabe wird dagegen als die mit Abstand stimmigste der Ära Kosslick in die Geschichte der weiterhin auch gesellschaftspolitisch relevanten Filmfestspiele eingehen. Insgesamt ein runder Jahrgang ohne Extremitäten - eine glatte Note 2 eben.

Sonntag, 17. Februar 2013

Tag 10: Die Bären

Die Internationale Jury 2013 - Susanne Bier, Andreas Dresen, Ellen Kuras, Shirin Neshat, Tim Robbins, Athina Rachel Tsangari und Präsident Wong Kar-Wai - hat am Samstagabend folgende Preise vergeben:



Goldener Bär für den Besten Film: Poziţia Copilului (Child‘s Pose) von Călin Peter Netzer
Gerade in einem sehr ausgeglichenen Wettbewerb ohne extreme Höhen oder Tiefen erscheint die Wahl des Jahrgangsbesten knifflig. Der Jury ist es in diesem wichtigsten Fall ebenso wie in der gesamten Preisvergabe gelungen, die Filme mit der jeweils größten Stringenz der insofern dichten Konkurrenz herauszukristallisieren. Poziţia Copilului (Child‘s Pose) ist der herausragende Film der Hauptsektion, weil er in seiner inhaltlichen Subtanz, formalen Klasse und seinem politischen Anspruch das beste Gesamtergebnis darstellt. Ein hochverdienter Träger des Hauptpreises.




Großer Preis der Jury - Silberner Bär: Epizoda u životu berača željeza (Episode in the Life of an Iron Picker) von Danis Tanović
Dass der Film des bosnischen Oscar-Preisträgers als einziger in diesem Jahrgang zwei Bären erhalten hat, ist ein Signal - ein richtiges und wichtiges Signal. Die Auszeichnung als Zweitplatzierter mit den gleichzeitig zahlenmäßig meisten Erwähnungen erscheint - gerade angesichts der stärkeren filmischen Qualität des Siegerfilms Child‘s Pose - als idealer Kompromiss. Zusammen mit Pardé ist Tanović‘ Werk das politisch relevanteste und setzt den mahnenden Hinweis auf die empörende Lage der Roma nach dem letztjährigen, ungarischen Silber-Gewinner Just the Wind konsequent fort. Ein - wie gesagt - beinahe unausweichliches Urteil der Jury.

Beste Regie - Silberner Bär: David Gordon Green für Prince Avalanche
Unter den vier und somit ungewöhnlich vielen amerikanischen Filmen in der Konkurrenz ist der überraschendste, originellste und somit letztlich preiswürdigste ausgezeichnet worden. Ob Green im Vergleich mit allen KollegInnen dennoch den Regiepreis unbedingt hätte bekommen sollen - man darf es vorsichtig bezweifeln. Thomas Arslans sichere Schauspielführung, seine kühne Kombination von (gewohnter) formaler Strenge und (ungewohnt) hohem narrativem Gehalt hätten viel dringender belohnt werden müssen - zumal Gold somit zu Unrecht vollständig leer ausgegangen ist.

Beste Darstellerin - Silberner Bär: Paulina García für Gloria
Auch ungesehen lässt sich diese Entscheidung im Angesicht der einhelligen Lobeshymnen für die spanische Schauspielerin nachvollziehen. Meine eigene Favoritin wäre die Rumänin Luminita Gheorghiu für den Gold-Gewinner gewesen, der es gelingt, den Zuschauer trotz des rigoros unsympathischen Charakters ihrer Filmfigur kontinuierlich in den Bann zu ziehen.

Bester Darsteller - Silberner Bär: Nazif Mujić für Epizoda u životu berača željeza (Episode in the Life of an Iron Picker)
Diese verständliche Auszeichnung folgt einem im letzten Jahr begonnenen Trend, Laiendarsteller mit üblicherweise für ausgebildete Schauspieler vergebenen Preisen zu bedenken. Nach dem Bären für die damals 15-jährige Rachel Mwanza im Vorjahr erscheint auch die diesjährige Jury-Entscheidung schlüssig, da sie schlicht die erreichte Kraft der Leinwand-Präsenz bemisst - die mit der Vorbildung des Darstellers in der Tat nichts zu tun hat. Denkbar wäre neben Familienvater Mujić auch Andrzej Chyra für W imiee... (In the Name of...) gewesen.



Bestes Drehbuch - Silberner Bär: Jafar Panahi und Kamboziya Partovi für Pardé (Closed Curtain)
Der am sehnlichsten erwartete Gewinner des Abends. Den im Iran unter Hausarrest festgehaltenen Jafar Panahi nicht mit einem Bären zu würdigen, hätte Wong Kar-Wai und seinen MitstreiterInnen wohl kaum jemand verziehen. Das gemeinsam mit Partovi verfasste Drehbuch zu prämieren, ist ein cleverer Schachzug der Jury, liegt doch bereits in der Planungsphase des geheim gedrehten Films seine größte Stärke: die persönliche Situation des Filmemachers sowie grundsätzliche Missstände in eine fiktive, metaphorische Handlung einzuweben.

Samstag, 16. Februar 2013

Zeitrechnung: Eine Festivalwoche in Relation

Auf der Berlinale 30 Filme innerhalb von acht Tagen gesehen zu haben, das ist unter geübten Festivalbesuchern ordentlicher Durchschnitt. Doch was bedeutet diese Zahl, die einem Ottonormalkinobesucher möglicherweise irrsinnig hoch, möglicherweise einfach machbar erscheinen mag?
30 Filme ergeben, geht man von einer durchschnittlichen Lauflänge von 100 Minuten aus, fast exakt zwei Tage und Nächte - also genau ein Viertel der acht Festspieltage. Das erscheint human: Auf anderthalb Filmstunden kämen demnach immerhin viereinhalb Stunden Freizeit. Doch dieser Anschein trügt. Die tatsächliche Dauer, die ein Presseakkreditierter im Kino verbringt, ist alleine deshalb entscheidend länger, weil ein rechtzeitiges Erscheinen im jeweiligen Saal aufgrund der freien Platzwahl beinahe obligatorisch ist (und sich im Verlaufe der Woche durch den steigenden Übereifer der Kollegen zudem stetig nach vorne verschiebt). Rechnet man die zurückzulegenden Distanzen zwischen den diversen Festspielstätten (der Einfachheit halber beschränken wir uns hier auf die Großräume Potsdamer Platz, Alexanderplatz sowie Friedrichstraße) und zumindest einige der nach den Vorstellungen angesetzten Pressekonferenzen hinzu, verdoppelt sich das investierte Zeitaufkommen spielend. Übrig bleiben somit zunächst vier Tage, die genaue Hälfte der Festivalwoche.



Für die Formierung, Niederschrift und Sortierung der zu den gesichteten Filmen hervorgerufenen Eindrücke - sofern diese sich nicht während oben genannter Transport- oder Wartephasen erledigen lassen - scheint eine weitere Dreiviertelstunde pro Film, weitere 24 Stunden also, kaum zu hoch gegriffen. Subtrahiert man von den verbleibenden drei Tagen die allernotwendigsten Kontingente für Nahrungsaufnahme, körperliche Hygiene und sonstige unabwendbaren Bedürfnisse, bleiben zwei volle Tage über.
Zurück also zur Nettospielzeit der begutachteten Werke. Auf eine Filmstunde kommt demzufolge rund eine Viertelstunde Freizeit. Das ist ein überschaubarer Wert, der die wahre Zeitverteilung einer Berlinale-Woche auch für Außenstehende hinreichend veranschaulichen mag.
Schlaf ist in dieser Rechnung übrigens vollkommen unberücksichtigt geblieben. Nicht nur in dieser Rechnung, darf ich hinzufügen.

Tag 9: Abschluss

Wie passend, dass Nobody's Daughter Haewon (Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon) aus Südkorea als einer der letzten Beiträge in den Wettbewerb geschickt wird. Jung Eunchae spielt darin eine Studentin, die um ihren Platz in der Welt ringt. Ihre Mutter wird bald nach Kanada auswandern, wodurch sich Haewon trotz des eher schwierigen Verhältnisses noch einsamer fühlt. Mit einem ihrer Professoren hat sie seit einem Jahr eine Affäre. Obwohl sie sich schon länger nicht getroffen haben und die Kommilitonen von der heiklen Beziehung längst wissen, akzeptiert der Familienvater, den Haewon stets "Sir" nennt, die von ihr initiierte endgültige Trennung nicht. Einzig auf einer alten Festung in den Bergen bei Seoul fühlt sich Haewon wohl. An Optionen fehlt es ihr nicht, sie ist hübsch und lernt immer neue Interessierte kennen. Wirklich entschließen kann sie sich jedoch nicht, ihre Verzweiflung wächst.
Das Werk von Hong Sangsoo, mit früheren Liebesfilmen bereits in Cannes und auf anderen Festivals vertreten, ist symptomatisch für den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb, weil er gut ist. Nicht unterdurchschnittlich, auch nicht überragend. Sangsoo und insbesondere Hauptdarstellerin Eunchae vermitteln die Unsicherheit, das ratlose Tasten dieser authentischen Frauenfigur - noch eine Konstante vieler Wettbewerbsfilme - eindrucksvoll. Gleichzeitig ist die Attitüde, die Form der Narration sehr zurückgenommen, eher realitätsbezogen. Das Empfinden einer - selbstverständlich rekonstruierten - Alltäglichkeit täuscht dabei nicht: Wie Sangsoo in Berlin bestätigte, hat er die Dialoge von Nobody's Daughter erst am Morgen des jeweiligen Drehtages geschrieben - ein ungewöhnliche Methodik, die an das Vorgehen der „Nouvelle Vague“-Filmemacher erinnert.

Kaum weiter entfernt von europäischem Neorealismus entfernt sein könnte der letzte außer Konkurrenz gestartete Wettbewerbsbeitrag der Berlinale, der Dreamworks-Animationsfilm The Croods. Und auch wer hinter dieser Auswahl ein reines, kaum verhohlenes Erhaschen medialer Aufmerksamkeit vermutet, liegt falsch.
In der Tat hat der Film, dem ein weltweiter finanzieller Erfolg sicher scheint, mit Emma Stone und Nicolas Cage zwei der bekanntesten Hollywoodstars dieser Festspiele an die Spree gelockt. Gemeinsam mit den deutschen Stimmen der beiden Hauptfiguren, Janin Reinhardt und Uwe Ochsenknecht, haben die beiden als Sprecher verpflichteten Schauspieler The Croods in Berlin vorgestellt.



Auch mit der animierten 3D-Unterhaltung - selbst unter Kosslick eine Seltenheit in der Hauptsektion - hat die Festivalleitung dennoch ein recht glückliches Händchen bewiesen. Der Film von Kirk DeMicco und Chris Sanders ist wertvoller als die meisten hoch budgetierten Produktionen mit ähnlichem Zielgruppenfokus. Die Platzierung der gewohnt simpel gestrickten Handlung in die Steinzeit ist dabei zweitrangig. Auch die familiäre Struktur der Charaktere - die Tochter (Stone/Reinhardt) pocht auf Veränderungen, der Vater (Cage/Ochensknecht) gibt den Bewahrer - ist wenig innovativ. Dank der beeindruckend umgesetzten (3D-)Effekte, den zahlreichen, ungemein kreativen Fabelwesen, denen die Höhlenmenschen auf ihrer Reise durch die bizarre Welt begegnen, und der intelligent ausgespielten Psychologie der Figuren ist das Abenteuer der Croods ein sehr sehenswertes. Als Beigabe eines guten, aber eben eher ereignisarmen Jahrgangs ist dieser bunte Mainstreamfilm ein gelungener Abschluss.

Freitag, 15. Februar 2013

Tag 8: Sperrgebiete

Wer im Vorfeld der Berlinale beim Blick in die Besetzungsliste des nicht konkurrierenden Wettbewerbsfilms Dark Blood nicht stutzig geworden ist, muss im Schulfach Filmhistorie hinter der Säule gesessen haben. Dass dort als Hauptdarsteller ein gewisser River Phoenix geführt wird, sollte den gemeinen Cineasten gründlich verwundern - ist der ältere Bruder des Kollegen Joaquin (demnächst in The Master, der Rolle seines Lebens, zu bewundern) doch bekanntermaßen im Oktober 1993 an einer Überdosis verstorben.
Der Film, dessen Dreh der so frühzeitige Tod Phoenix' seinerzeit beendete, war eben Dark Blood. Es ist eine kleine Sensation, dass das 20 lange Jahre von der Versicherung unter Verschluss gehaltene Filmmaterial nun doch noch publik wird. Regisseur George Sluizer, durch eine schwere Krankheit ermutigt, schnell zu handeln, ist des Gedrehten auf, so heißt es, illegalem Wege habhaft geworden und hat es so vor seiner endgültigen Vernichtung bewahrt. In seinem späten Versuch, das damalige Projekt schließlich zu vollenden, montiert Sluizer nun nicht nur das hervorragend erhaltene Material in der vorgesehenen Abfolge, sondern liest die fehlenden Drehbuchpassagen selbst aus Off vor.


Dark Blood
© Berlinale


Judy Davis und Jonathan Pryce spielen ein Ehepaar auf der Suche nach den verblassenden Gemeinsamkeiten. Auf der Fahrt durch die Wüste New Mexicos streikt der Oldtimer, die beiden sind im Nirgendwo gestrandet. River Phoenix ist Boy, ein junger, verwitweter Halb-Indianer, dessen mystisch anmutende Holzhütte die einzige weit und breit. Nachdem Boy dem Paar zunächst seine Hilfe anbietet, trägt sein Verhalten immer obskurere, gewalttätigere Züge. Gerade mit dem Wissen um den damals nahenden Tod des Schauspielers sind die Überschneidungen von Realität und Rolle heute unverkennbar. Das erratische Verhalten Boys, der der von Judy Davis herrlich verkörperten Ehefrau zunehmend verfällt, spiegelt das von Exzessen dominierte Leben Phoenix' in wahrhaft gespenstischer Weise.
Zu Beginn bezeichnet Sluizer selbst die jetzige Filmversion als dreibeinigen Stuhl, dem er durch die Montage und Ergänzungen zwar zu einer gewissen Standfestigkeit, aber eben nicht zu einer wie immer gearteten Vollständigkeit verholfen habe. Dieses Bild ist sehr passend, zumal sich weiterspinnen lässt, dass der im Vergleich zu seiner Intention unabänderlich mangelhafte Film kaum so belastbar ist wie ein stabiles, intaktes Sitzmöbel. Alleine die einleitenden und begleitenden Voice-Over-Passagen Sluizers geben dem Film eine dokumentarische Färbung - das eines abendfüllenden Making-ofs mit sehr langen Filmausschnitten, möchte man meinen. Dass insbesondere Innenaufnahmen fehlen, erhöht die Präsenz der staubtrockenen Natur, beraubt die Erzählung gleichzeitig allerdings ihres psychologischen Unterbaus. Dark Blood erlangt somit eine hybride, launische Erscheinungsform - ein filmhistorisches, insofern lohnenswertes Unikat ist der Film aber allemal.

Ein weiterer Aspekt von Sluizers spannender Rekonstruktion, vom dem sich wohl nie klären lässt, inwiefern er mangels der ungedrehten Szenen maßgeblicher Substanz beraubt wurde, ist das Setting. Mehrmals spielt Dark Blood auf die in der Wüste praktizierten Atomwaffentests an, werden die widerwilligen Touristen per Schildern vor Verseuchung gewarnt.
Die Folgen jahrzehntelanger Experimente mit Kriegswaffen beleuchtet auch die abstrakte Dokumentation Materia oscura des italienischen Regiegespanns Martina Parenti und Massimo D'Anolfi, aufgenommene in das diesjährige Programm des Forums. Der Film verwebt eigene und Videos, die offenbar Militärarchiven entnommen worden sind, mit Impressionen aus der Landschaft und Tierwelt der Umgebung eines gigantischen Testgeländes auf Sardinien. Dabei verzichten die FilmemacherInnen gänzlich auf eine gesprochene Kommentierung des Geschehens, im besten Sinne suggestiv tragen sie ihr Anliegen durch die Montage der Gegensätze, durch Abfolgen von Ursache und Wirkung vor. Gerne hätten einzelne Passagen etwas kürzer, gleichzeitig der Umfang der Beispiele etwas größer sein dürfen. Auch dass die in der Filmmitte gezeigte Tötung und Autopsie einer offenbar missgebildeten Maus in ihrer Drastik die gesamte Inszenierung überlagert - und somit von der eigentlichen Problematik eher ablenkt -, hätte Parenti und D‘Anolfi bewusst sein müssen. Das soll und kann die Relevanz des engagierten Projektes aber nicht tilgen: Alleine auf die Existenz und die unfassbaren Implikationen des größten Areals für Waffentests in Europa aufmerksam zu machen, kann man dem Regieduo kaum hoch genug anrechnen.


Materia oscura
© Berlinale


An der Fortschreibung einer „Topographie des Terrors“, um den Titel des Berliner Projektes zur Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus zu zitieren, hat sich auch der Filmemacher Claude Lanzmann beteiligt. Aus seiner essentiellen Mammut-Dokumentation Shoah (1985) hatte der französische Regisseur den besonderen Fall des Yehuda Lerner ausgekoppelt und 2001 unter dem Titel Sobibór, 14 octobre 1943, 16 heures eigens behandelt. In Hommage an Lanzmann - Träger des Goldenen Ehrenbärens 2013 - zeigt die Berlinale im Rahmen der Stationen seines filmischen Lebenswerkes auch diesen wichtigen Dokumentarfilm nochmals.
Der Titel benennt den genauen Zeitpunkt des einzigen erfolgreichen Aufstandes von Insassen eines Vernichtungslagers der Nationalsozialisten. Der damals 16-jährige Lerner spaltete im Rahmen der minutiös synchronisierten Aktion mit einer Axt den Schädel eines der SS-Aufseher. Zu seiner Vorgeschichte - Lerner war zuvor aus acht (!) Konzentrationslagern geflohen, jedoch jeweils erneut inhaftiert worden - sowie der Planung und Durchführung des Aufstandes in Sobibór interviewte Lanzmann den polnischen Juden bereits 1979. Die wesentlichen Abschnitte dieses Gesprächs werden in Sobibór, 14 octobre 1943, 16 heures um einige nüchterne Aufnahmen der jeweiligen Schauplätze ergänzt. Trotz der nicht einfach zu folgenden Vielsprachigkeit (die hebräischen Aussagen Lerners wurden von einer Dolmetscherin simultan ins Französische übersetzt, das wiederum englisch untertitelt ist) entsteht so ein beeindruckendes, ein erschütterndes Bild der damaligen Geschehnisse. Frappierend auch der entscheidende Garant, der das Gelingen der Verschwörung überhaupt ermöglichte, so Lerner: die gnadenlose Pünktlichkeit der Deutschen.

Wettbewerb (a. K.): Night Train to Lisbon (Nachtzug nach Lissabon)

Nicht wenige halten Jeremy Irons für einen der besten Schauspieler seiner Generation - mit der gleichzeitig schlechtesten Rollenauswahl. Komplexe Charaktere wie der des Protagonisten in Adrian Lynes Lolita stehen unzählige unwürdige Parts wie in Dungeons & Dragons oder Eragon gegenüber.
In Bille Augusts Romanverfilmung Night Train to Lisbon (Nachtzug nach Lissabon), einer deutschen Co-Produktion, die außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wird, darf Irons endlich wieder viel seines ganzen Könnens ausspielen. Der britische Darsteller ist als Lehrer in Bern zu sehen, der eine geheimnisvolle Frau vor dem Freitod bewahrt und infolgedessen in die portugiesische Metropole gelangt. Dort spürt er die Hintergründe eines Romans über eine Gruppe Widerständler gegen die Salazar-Diktatur auf, der ihn tief beeindruckt. Gemeinsam mit dem Zuschauer taucht er in seinen Gesprächen mit den realen Figuren hinter der Erzählung immer tiefer in die Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisse ein.


Night Train to Lisbon
© Sam Emerson/Concorde Filmverleih/Berlinale


Die außergewöhnlich prominente Besetzung von Night Train to Lisbon liest sich beinahe wie die Gästeliste einer internationalen Filmgala: Neben Jeremy Irons standen unter anderem Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, August Diehl, Charlotte Rampling, Lena Olin, Bruno Ganz, Tom Courtenay, Burghart Klaußner und Christopher Lee vor der Kamera. Dieses Hochkarat mag der Anziehungskraft der Vorlage von Pascal Mercier zu verdanken sein, ist aber auch der Notwendigkeit geschuldet, die meisten Figuren doppelt besetzen zu müssen, da rund die Hälfte des Films in Rückblenden erzählt wird.
Nach dem unnötigen Necessary Death of Charlie Countryman (dieses Wortspiel macht der Filmtitel ja nahezu unvermeidlich) ist Augusts Adaption bereits der zweite Wettbewerbsbeitrag, der einen englischsprachigen Mann spontan in eine europäische Hauptstadt reisen und dort ein unvergessliches Abenteuer erleben lässt. Night Train to Lisbon erweist sich als gleichermaßen unterhaltsames, weniger zerfahrenes Stück, das außerhalb der Konkurrenz wunderbar aufgehoben ist.

Tag 7: Unsicherheiten

An Episode in the Life of an Iron Picker (Epizoda u životu berača željeza), zu sehen in der Hauptsparte, zeigt ebendas: den schwierigen Abschnitt im ohnehin sehr bescheidenen Dasein eines Familienvaters, der sich einen Hungerlohn damit verdient, Eisen zu sammeln. Nicht viel mehr, aber eben auch nicht weniger. Der bosnische Regisseur Danis Tanović, 2002 mit einem Oscar für sein aufwühlendes Kriegsdrama No Man‘s Land bedacht, zeichnet auch mit seinem neuen Werk ein bestürzendes Bild seiner krisengeschüttelnden Heimat.
Episode in the Life of an Iron Picker vermittelt diese traurige Erkenntnis allerdings anhand eines denkbar schlicht entworfenen und umgesetzten Dramas. Dass die Darsteller Laien sind, sich mehr oder minder selbst spielen, muss man kaum nachlesen, so unmittelbar wirkt ihr Agieren. Diese Rohheit, diese Direktheit kann man bewundern, es lässt freilich auch fragen, was das genuin (spiel)filmische Moment dieser ungeschminkten Bestandsaufnahme darstellt. Dass die Reportage sich aufdringliche Interpretationsvorschläge verkneift, ist jedenfalls ein Glück. Wie der Protagonist verzweifelt darum ringt, seiner Frau, die eine Fehlgeburt erlitten hat, die notwendige und obszön teure Operation zu ermöglichen, erzählt Tanović in nüchternen Bildern, die ihre Wirkung aufgrund der hohen Authentizität allerdings nicht verfehlen.
Nach dem letztjährigen, zu Recht dreifach ausgezeichneten Just the Wind aus Ungarn weist die Festivalleitung durch die Auswahl von Episode zum zweiten Mal auf die empörende Situation der Roma hin. Alles andere als zumindest erneut ein Silberner Bär wäre eine politisch bedauernswerte Entscheidung.


An Episode in the Life of an Iron Picker
© Scott Gardner/Berlinale


Die elementare Problematik der Gesundheitsversorgung insbesondere armer Bevölkerungsschichten - auch die Roma-Familie bei Tanović kann sich keine Krankenversicherung leisten - ist nur ein Aspekt, den der Brite Ken Loach in der sehenswerten Dokumentation über sein Heimatland unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges verhandelt. Loach, der sich bereits in zahlreichen Spielfilmen als Kämpfer gegen die Nöte der Arbeiterklasse profiliert hat, vollzieht in Spirit of '45 den Vormarsch demokratisch-sozialistischer Bestrebungen im Großbritannien der Vierziger und Fünfziger Jahre nach. Mit Hilfe historischer Filmaufnahmen und zahlreicher Zeitzeugen, deren ungemein plastische Statements ebenfalls in schwarz-weißen Bildern festgehalten sind, rekonstruiert Loach die gesellschaftlichen Umbrüche der Nachkriegsära sehr anschaulich.
Dass der Filmemacher unverhohlen Stellung zugunsten der Verstaatlichung zentraler Unternehmen bezieht, lässt sich dem längst als Sozialrealist etablierten Loach kaum verübeln. Einzig der hohe Bogen, den der Film in seinem letzten Drittel zur (nicht mehr ganz) gegenwärtigen Occupy-Bewegung schlägt, ist wohl, zumal in dieser galoppierten Zusammenfassung, etwas arg viel des fraglos Guten. Die vollkommen unbestreitbare Linie zu heutigen Krisensymptomen und deren Gegenbewegungen wäre auch ohne direkten Hinweis offensichtlich geblieben. Den Spirit of '45, der schließlich auf der Agenda des in der Rubrik „Berlinale Special“ platzierten Dokumentarfilms steht, erfasst Ken Loach jedenfalls auch für sich genommen ganz ausgezeichnet.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Wettbewerb: Prince Avalanche

Angesichts der ungewöhnlich hohen USA-Quote des Wettbewerbs der 63. Berlinale - vier nordamerikanische Filme finden sich in der, weitere drei außer Konkurrenz - lässt sich auch nach Begutachtung des flopverdächtigsten dieser Werke kein qualitativer Verfall feststellen. Während sicherlich keine der US-Produktionen ernsthaft für den goldenen Hauptpreis in Betracht zu ziehen ist, überrascht auch Prince Avalanche durchaus positiv. Wer David Gordon Green wegen früherer Banalitäten wie Pinapple Express für des Berlinale-Wettbewerbs unwürdig gehalten hat, wird überaus ernst(zunehmend)e seiner Werke wie George Washington über eine Gruppe Kleinstadtkinder nicht kennen.
Prince Avalanche reiht sich etwa in der Mitte der werksimmanenten Relevanzskala Greens ein. Zwei Männer arbeiten in einem entlegenen Waldgebiet als Straßenbauarbeiter. Während der Jüngere (Emile Hirsch) wenigstens an den Wochenenden in die Stadt zurückkehrt und sein Glück bei allerlei gleichaltrigen Frauen sucht, hat der etwas Ältere (Paul Rudd) sein ganzes Leben dem Job verschrieben. Seine Ehefrau, Schwester des Jüngeren, sieht er äußerst selten.

Prince Avalanche
© Scott Gardner/Berlinale

Die Kamera verbleibt ausschließlich bei dem ungleichen Duo, Prince Avalanche ist eine Art Kammerspiel in freier Natur. Außer den beiden Sonderlingen treten nur ein trinkfester Trucker sowie eine ältere Dame auf, an deren tatsächlicher Existenz allerdings Zweifel gestreut werden. Sie ist gleichwohl insofern eine Schlüsselfigur, als sie einmal in den Trümmern ihres einstigen Heims zu sehen ist, das den anfangs rekapitulierten schweren Waldbränden 1987 in Texas zum Opfer gefallen ist. Etwas merkwürdig bloß, dass der Film diese historische Rahmung sonst nicht mehr aufgreift. In seinem unwirklichen Setting, den wenig identifikationskompatiblen Charakteren und den skurrilen, oft spürbar improvisierten Dialogen ist Greens Werk eine einzige Merkwürdigkeit, dessen latenter Sogkraft man sich dennoch nicht entziehen kann.
Der Blick auf die Entstehungshintergründe dieser sehr passend kryptisch betitelten Komödie klärt zumindest auf. Prince Avalanche ist das Remake eines kaum zwei Jahre alten isländischen Films, international als Either Way veröffentlicht. Auch der unvermittelte Habitus - dem Dreh ging keinerlei der üblichen offiziellen Verlautbarungen voraus - ist mitnichten Zufall: Regisseur Green soll die Produktion spontan und unter Geheimhaltung in die Wege geleitet, die Crew - neben den vier Darstellern - nie aus mehr als zehn Personen bestanden haben. Das Ergebnis mag kein Meisterwerk sein, ein im wahrsten Wortsinne origineller Film ist es allemal.

Ferner liefen... (Tage 5/6)

Panorama Special: The Best Offer

Den bisher massenkompatibelsten Film dieser Festspiele hat der italienische Regisseur Giuseppe Tornatore (Der Zauber von Malèna) vorgelegt. Insofern mag man seinen Beitrag in der Tat als The Best Offer bezeichnen. Der Ausdruck bezieht sich ursprünglich auf die Profession des Auktionators, deren vortrefflichstes aller Exemplare mit dem klingenden Namen Virgil Oldman grandios von Geoffrey Rush gespielt wird. Zur Wertschätzung ihrer Reichtümer (das darf man ruhig doppeldeutig verstehen) wird Oldman von einer mysteriösen jungen Frau beauftragt, die sich in ihrer opulenten Villa verbarrikadiert und die seit Jahren keine Menschenseele zu Gesicht bekommen hat. Obwohl - oder gerade weil - auch er mit der unter einer seltenen Erkrankung Leidenden nur durch eine Wand kommuniziert, wandelt sich Oldmans fachliches bald in ein persönliches Interesse und ruft damit Gefühle hervor, die dem ebenfalls menschenscheuen Pedant bisher fremd waren. In seinen immer offeneren Avancen lässt er sich von einem jungen Uhrmacher (Jim Sturgess) beraten, dem er überdies rätselhafte Zahnrädchen aus dem Keller der Villa anvertraut. Diese wiederum sollen bald einen sagenumwobenen Automaton ergeben - jenen antiken Roboter, der zuletzt auch in Scorseses Hugo eine zentrale Rolle spielte. Aus dieser Konstellation spinnt Tornatore ein dichtes Netz aus immer neuen Fragen und immer überraschenderen Antworten. Diesem Thriller im Kunstgewerbe ist ein breites Publikum so gut wie sicher.


Forum Expanded: Yumen

Auch das ist Berlinale. Ein chinesischer 65-Minuten-Film, irgendwo zwischen Dokumentation, Groteske und Experimentalkino. Eine gottverlassene Geisterstadt, deren durch Ölförderung begünstigte Hochzeiten lange vorbei sind. In den Ruinen zwei kichernde Mädchen und ein Künstler, der gerne nackt auf Pfählen hockt. Zumeist statische 16-mm-Aufnahmen, asynchrone Tonspur. "Zelluloid-Psychocollage", meint das Programmheft nicht ganz zu Unrecht.

Zur Statistik:
Vorstellungsort/Saal: CinemaxX 6
Max. Kapazität: 279 Sitzplätze
Besucher zu Vorstellungsbeginn: 40 (Schätzung)
Besucher an Vorstellungsende: 12
- davon durch ebendieses erweckt: 4 (Teilschätzung)


Panorama: Concussion

Der Komplementärfilm zu Ira Sachs‘ letztjährigem Panorama-Beitrag Keep the Lights on stammt von Stacie Passon. Ebenfalls dem so vielfältigen Queer Cinema zuzuordnen, mischt Passon die Sektion nunmehr mit einem furiosen lesbischen Drama - reichlich wahrhaftigen Humor eingeschlossen - auf. Die gut situierte Abby, Anfang 40 hat sich mit ihrer Frau und den zwei Kindern scheinbar ein echtes Familienidyll aufgebaut. Doch in ihrem Inneren lodern ganz andere Leidenschaften, die sie urplötzlich in käuflichem Sex auslebt - zunächst als Kundin, dann gar selbst als Hooker für Töchter reicher New Yorker Haushalte. Produziert von Teddy-Gewinnerin und Szene-Ikone Rose Troche, bevölkert mit tollen, hierzulande (noch) eher unbekannten DarstellerInnen - allen voran der grandiosen Hauptakteurin Robin Weigert -, ist Concussion ein unverhofftes, mal tieftrauriges, mal vor Lebensfreude sprühendes Juwel des amerikanischen Independent-Kinos der Gegenwart.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Retrospektive: Dial M for Murder (3D)

Wer es sich zur Richtlinie gemacht hat, pro Berlinale mindestens einen Film aus der Retrospektive und neuerdings mindestens einen in 3D zu sichten, kann diese beiden Vorhaben in diesem Jahrgang mit einem einzigen Screening erledigen. Natürlich handelt es sich bei der dreidimensionalen Fassung von Alfred Hitchcocks Klassiker Dial M for Murder nicht um eine jener unsäglichen, seit dem technischen Quantensprung namens Avatar fürchterlich angesagten nachträglichen Konvertierungen. Der Altmeister des Suspense war bereits 1954 visionär genug, seinen Film in jenem Verfahren zu drehen, mit dem bereits seit den Anfängen des Mediums Ende des 19. Jahrhunderts experimentiert wurde und das in den vergangen Jahren wahrlich nicht seine erste Renaissance erlebt hat.


Dial M for Murder
© WB Pictures 1954/Berlinale


Auf Blu-ray ist die aufwendig restaurierte 3D-Fassung von Dial M for Murder bereits seit dem vergangenen Jahr in vielen Ländern erhältlich. Wie lohnenswert es dennoch war, diese Filmversion in das Programm der Berlinale-Retrospektive 2013 aufzunehmen, führte ihre internationale Kinopremiere gestern Abend im Haus der Berliner Festspiele eindrucksvoll vor Augen. Das im Werk Hitchcocks sicherlich nicht einzige, aber vielleicht diffizilste Durchspielen des perfekten Mordes hat ohnehin kaum von seiner kinematographischen Kraft verloren. Ein ehemaliger Tennisprofi (Ray Millard) will sich seiner makellosen Ehefrau (Grace Kelly) entledigen, weil er herausgefunden hat, dass diese ihm einst untreu war. Als Ausführenden seines perfiden Plans hat er sich einen flüchtigen Bekannten aus Schultagen (Anthony Dawson) auserkoren, den er mit heiklem Wissen aus dessen Lebenswandel erpresst. Obwohl das Vorhaben aufgrund der glücklichen Disposition einer Schere fehlschlägt, die Kelly in den Rücken des Angreifers platziert, beginnt damit im Grunde erst der spannendste Teil des Films.
Als heimlicher Star von Dial M erwies sich auch in der Berlinale-Vorstellung - an der emotionalen Publikumsreaktion gemessen - John Williams (nein, nicht der Komponist) als Chief Inspector, der sich dem Treiben auf die Schliche zu kommen bemüht. Da sich die Handlung in London zuträgt, spielt Williams die Polizistenrolle mit einer allzu klassischen Ironie, treibt Mimik und Witz jedoch noch einmal auf die Spitze.

Bleibt die Frage nach Wert und Notwenigkeit der neuen 3D-Fassung, zumal im Kino vorgeführt. Mit den verfügbaren Heimkinoauswertungen sollte eine 4K-Digitalprojektion auf einer 30-qm-Leinwand ohnehin besser nicht verglichen werden. Auch die Dreidimensionalität, die hier erstmals wie von Hitchcock beabsichtigt reproduziert wird, ist gerade Kennern der Standardfassung ein immenser Gewinn. Natürlich und zum Glück besteht diese nicht in effekthaschenden Schmankerln gewinnorientierter Konvertierungen, sondern in einer wohl komponierten Vertiefung des gesamten Raumes, die den meisten aktuellen 3D-Produktionen eben oft abgeht. Eine bessere Symbiose von Nostalgie und Modernität wäre bei dieser Berlinale wahrlich kaum denkbar gewesen.

Tag 6: Nebenwirkungen

Statt des Filmemachers Demonstranten. Eine kleine Gruppe, deren Pappaufsteller das Original ersetzen muss. Jafar Pahani sollte in Berlin sein, ist es aber nicht. Nicht weil er nicht will, sondern weil er nicht darf. Alleine dass das Berliner Publikum diesen Film zu sehen bekommt, ist eine kleine Sensation. Das in seiner Heimat Iran gegen ihn verhängte 20-jährige Berufsverbot hat Pahani somit - nach dem in einem Kuchen außer Landes geschmuggelten This Is Not a Film - einmal mehr umgehen können. Dafür gebührt ihm, seinen Mitstreitern, aber auch der in diesem Fall unermüdlich engagierten Berlinale-Leitung allerhöchster Respekt.



Pahanis Wettbewerbsfilm Closed Curtain (Pardé) zeigt zunächst einen älteren Mann (gespielt von Co-Regisseur Kamboziya Partovi), der in einem Haus am Meer einen Hund versteckt. Da Hunde als "unislamisch" gelten - worüber ein vom Vierbeiner höchstselbst eingeschalteter Fernsehbeitrag informiert -, hängt der Mann sämtliche der großzügigen Panoramafenster mit dunklem Stoff ab. Als abends urplötzlich ein junges Paar auf der Haustürschwelle erscheint (das ist so ziemlich wörtlich zu verstehen), gerät sein obenhin merkwürdiges Treiben aus den Fugen.
Der Aufbau der Erzählung ist denkbar kryptisch. Die Realitätsebene desjenigen Films, der auf der Leinwand zu sehen ist, ist nur eine von mindestens dreien, die obendrein ineinander verschachtelt sind. Der allegorische Gestus des insofern überaus autobiografischen Films ist bald überdeutlich. Panahi tritt später zudem höchstselbst auf, zunächst scheint er eine vergangene oder alternative Instanz des Protagonisten zu sein, dann ist er plötzlich selber ebendieser. Dann wieder diegetischer Regisseur, die Abstraktion erreicht ein neues Level.
Jenen Kollegen, die sich in ihrem verzweifelten Streben nach oberflächlichem Verständnis die ihrerseits übersetzten (sprachlich so schlichten) Untertitel per Kopfhörer dolmetschen lassen, wird Closed Curtain ein Graus sein. Wer David Lynchs Filme schadlos übersteht, dem bietet auch Panahi reichlich Stoff zum Nachdenken - ohne das Abstoßende des Mysterythriller-Großmeisters, versteht sich. Nachdenklich stimmt alleine die Existenz und Präsenz dieses Films ohnehin.



Nach sechs Jahren meldet sich Steven Soderbergh in der Berlinale-Competition zurück. Side Effects könnte der letzte Film des US-Regisseurs sein. Oder wenigstens der vorerst letzte, da Soderbergh seinen kürzlich angekündigten Abschied aus dem Business gestern in Berlin als "Pause" bezeichnete. Auch Hauptdarstellerin Rooney Mara entging diese Nuance in der Äußerung ihres Sitznachbarn nicht. "Did you just say 'break'?" versicherte sich Mara süffisant in ihrer unverkennbaren Stimme. Im Film gibt sie eine junge Frau, deren Ehemann (Channing Tatum) nach einer Haftstrafe wegen Insiderhandels freigelassen wird. Von der Situation offenbar überfordert, bricht eine frühere Depression wieder aus, sie unternimmt einen Suizidversuch. Unter dem Einfluss schwerer Antidepressiva begeht sie eine schreckliche Bluttat. Doch kann man sie als schuldfähig absehen?
Die zweite Hälfte von Side Effects übernimmt dann Jude Law das Zepter, diese dramaturgische Kapriole gestattet sich Soderbergh. Auch Law präsentierte sich in der Pressekonferenz bestens aufgelegt, beantwortete sogar seelenruhig die unverschämte Frage eines Kollegen (ja, dieses Kollegen...), wie bloß es der gestandene Hollywood-Mime geschafft habe, diesmal - "im Gegensatz zu früher" - so gut zu spielen. Law jedenfalls verkörpert einen Psychiater, dem die vermeintliche Straftäterin anvertraut wird. Bald steht indes er selbst im Fokus nicht nur der medialen Aufmerksamkeit, auch eine ehemalige Therapeutin seiner Patientin (Catherine Zeta-Jones) scheint in den in Wahrheit weitaus komplizierteren Fall verwickelt.
Soderbergh problematisiert in seinem dichten Psychothriller - der diese Bezeichnung einmal wirklich verdient hat - die medikamentöse Behandlung psychischer Erkrankungen. Auch wenn er damit eine immer zeitgemäße Thematik aufgreift, gilt sein Hauptinteresse, wie er in Berlin bestätigte, den ansehnlich gespielten Charakteren und der in der Tat hochspannenden Narration mit überraschendem Ausgang. Nur soviel sei verraten: Der Hollywood-Regel, dass emotional Beeinträchtigte im Kino entweder den Kopf vor lauter Verrücktheit gegen die Wand schlagen oder aber ihre Krankheit nur vortäuschen, wird auch hier keine Ausnahme entgegnet. Zu Risiken und Nebenwirkungen...

Dienstag, 12. Februar 2013

Tag 5: Grenzwerte

Angesichts der starken Konkurrenz ist Hans Christian-Schmids ebenfalls achtenswerter Was bleibt im vergangenen Jahr etwas unterrepräsentiert geblieben. Im Wettbewerb '13 knüpft der Pole Călin Peter Netzer mit seinem Drama Child's Pose (Pozitia copilului) an das schon von Schmid bearbeitete Thema Oberschichtenelend an. Die bärenstarke Luminita Gheorghiu spielt eine gut betuchte Mutter in den, wie es so euphemistisch heißt: besten Jahren, deren erwachsener Sohn mit überhöhter Geschwindigkeit einen kleinen Jungen angefahren und damit getötet hat. Die ohnehin mehr als angespannten Familienverhältnisse werden auf eine zusätzliche Probe gestellt, als die Eltern - eher einem Managerteam gleich - ihre zahlreichen Beziehungen in einflussreiche Kreise aktivieren, um den Schaden zu minimieren. Nur den für den eigenen Sohn und die eigene Familie, versteht sich. In einer Aneinanderreihung an Intensität kaum zu überbietender Szenen trifft in der Folge die Mutter auf die ermittelnden Beamten, die verhasste Schwiegertochter, einen bestechlichen Zeugen und schließlich der Täter auf den Vater des Opfers. Selten ist zwischenmenschliche Spannung auf dieser Berlinale so basal greifbar geworden. Sehr viel Elend am frühen Morgen (der 8:30-Uhr-Pressevorführung). Aber mitreißend eben.


Child's Pose (Pozitia copilului)
© Cos Aelenei/Berlinale


Im Gegensatz zu individuellem Planungsglück können allzu platte Zeitplanprogrammierungen ihren vermeintlichen Zweck gehörig verfehlen. Auf einen Film, in dem ein junger Mann versehentlich ein Kind überfahren hat, in derselben Sektion direkt einen Film folgen zu lassen, in dem eine junge Frau versehentlich einen Mann überfährt, ist nicht eben subtil. Die Bürde des zweiten Films dieser merkwürdigen Aneinanderreihung trifft Layla Fourie, eine deutsche Co-Produktion unter der Regie von Pia Marais. Der ist, neben Hauptdarstellerin Rayna Campbell, große Mühe zu bescheinigen, die traurige Geschichte der jungen Mutter in Johannesburg wahrhaftig auf die Leinwand zu transportieren. Die große Schwäche des Drehbuchs vermag aber auch sie nicht zu kitten: Was Ottonormalzuschauer wohl "unrealistisch" nennen dürfte - jene im Kontext des fiktionalen Kinos beinahe wieder amüsante Vokabel -, ist wohl als diegetische Unglaubwürdigkeit sinnvoll umrissen. Wobei Layla Fourie gleich vier, fünf dieser arg bemühten Zufälle enthält - ohne die die gesamte Story unglücklicherweise in sich zusammenfiele. So ist der niederländische Mann (August Diehl), den Layla bei ihrer sehr unwahrscheinlichen Tätigkeit als Lügendetektorin kennenlernt, natürlich prompt der Sohn des Totgefahrenen, fällt ihrem eigenen Filius just das Mobiltelefon des Opfers in die Hände und so fort. Da können selbst die herausragenden Komparsen-/PA-Leistungen (schön Grüße, liebe Fee!) das Gesamtwerk nicht mehr in die Oberklasse katapultieren.
Klarer Punktsieg für Rumänien im von der Festivalleitung inszenierten Direktvergleich der Verkehrsunfalldramen.

Panorama Special: Maladies

Je verrückter der Film, desto verrückter die Rezeptionsumstände. Was sicherlich nicht als allgemeingültige Formel standhält, bewahrheitet sich bei der abendlichen Vorführung des Panorama-Specials Maladies im altehrwürdigen Friedrichstadtpalast.

Der New Yorker Filmemacher Carter - nicht zu verwechseln mit dem Musikproduzenten gleichen Künstlernamens - widmet sich in der strukturell etwas sperrigen Umsetzung seines eigenen Drehbuches einem wahrlich skurrilen Trio: James (James Franco) ist ein ehemaliger Soap-Darsteller, selbsternannter Romancier - und hört multiple Stimmen in seinem meist wild assoziierenden Kopf; Catherine (Catherine Keener), bildende Künstlerin, sorgt als Ersatzmutter für James - und verkleidet sich ab und an gerne als Mann; Patricia (Fallon Goodson) starrt die meiste Zeit nur vor sich hin - wenn sich nicht gerade James per Zigarette zur Weißglut treibt oder Catherines Rorschachtest-Kunstwerke verunstaltet. Im historisch so markanten Jahr 1963 versuchen die drei emotional beeinträchtigten Außenseiter, miteinander auszukommen - oder einfach überhaupt einen „normalen“ Tagesablauf zu gestalten. Das Spiel der drei HauptdarstellerInnen ist mitreißend, ergänzt um David Straithairn als Nachbar der ungewöhnlichen Hausgemeinschaft.



Rücksichtslose Sitznachbarn um Ruhe während der Projektion bitten zu müssen, scheint eher in Samstagabendvorstellungen im Multiplex zu gehören. Eines Festival des Films wie der Berlinale ist derartig dreistes Verhalten nun wirklich nicht würdig. Aber wer eine Filmvorstellung - zumal in Anwesenheit mehrerer an der Entstehung Beteiligter - erst stört und dann 20 Minuten vor Abspann verlässt, dem ist wohl ohnehin nicht mehr zu helfen. Umso rührender die Szene nach Filmende: Vom begeisterten Applaus des Premierenpublikums ergriffen, bricht Darstellerin Goodson in Freudentränen aus. Kino ist Emotion - in jeder Hinsicht.

Montag, 11. Februar 2013

Tag 4: Blue Movies

Plant man sich seinen individuellen Tagesablauf bei einem Festival wie der Berlinale alleine nach Filmtitel, Regisseur und Herkunftsland (mehr geben sämtliche Programmübersichten für die Presse nicht her), führt das, klar, zu Überraschungen. Absurd gegensätzliche Filme folgen da mitunter einander, ein prächtiges Fernost-Kampfballett auf prätentiöses europäisches Kopfkino etwa. Manchmal hält dieses - zugegeben vermeidbare - Glücksspiel wiederum zu Kombinationen, die kein Kurator besser arrangieren könnte.

Mit Lovelace, zu sehen in der Reihe Panorama Special, widmet sich das mit seiner dokumentarischen Arbeit bekannt gewordene Duo Rob Epstein/Jeffrey Friedman (The Celluloid Closet) einem längst vergessenen Schicksal. Einen Einblick in das Leben der Frau, die 1972 als Linda Lovelace kurzen Weltruhm für ihre Hauptrolle in Deep Throat erlangte, gewähren sie allerdings in Form eines Spielfilmportraits. Mit großer Courage spielt Amanda Seyfried die Titelrolle und lässt den prompten Einstieg der 22-Jährigen in die Pornoindustrie zunächst komödiantisch-unterhaltsam miterleben. Zur Mitte wendet sich das Blatt, als Epstein/Friedman alle Register des fiktionalen Films ziehen und die Erzählung zugunsten der dramatischen Aspekte ihrer Lebensgeschichte revisionieren. Plötzlich erscheint Lindas Mitwirken im wohl erfolgreichsten Blue Movie der Geschichte unter dem Zwang ihres gewalttätigen Ehemannes (entfesselt: Peter Sarsgaard).



Nicht nur angesichts dieser nur leicht abgewandelten Rise-and-Fall-Dramaturgie erinnert Lovelace oft an Paul Thomas Andersons Milieustudie Boogie Nights - manche der verwendeten 70er-Songklassiker und die Titel-Schriftart sind gar gleich. Dass Epstein und Friedman für ihr Portrait die Form des Biopics gewählt haben, mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass es mit Inside Deep Throat (Panorama 2005) bereits eine thematisch eng verwandte Dokumentation gibt. So legitim und spannend spielfilmerische Biografien grundsätzlich sind, zeigt der Vergleich mit dem Dokumentarfilm von Fenton Bailey und Randy Barbato die perspektivischen Verengungen, die eine Fiktionalisierung bedingen kann. Während sich Lovelace manche Verkürzung erlaubt (gleichzeitig aber Vollständigkeit markiert) und den Blickwinkel der als Linda Boreman geborenen späteren Aktivistin gegen Pornografie vollkommen zueigen macht, verweist nicht zuletzt Inside Deep Throat auf Widersprüche in deren Darstellungen. Als reiner Spielfilm erreichen Epstein/Friedman jedenfalls das Maximum - anfänglich Jubel, Lachen, dann Scham und Entsetzen, kurz: ein Wechselbad der Emotionen zu provozieren.

Das Regiedebüt des erst 31-jährigen Schauspielers Joseph Gordon-Levitt (Inception) schließt an die Thematik fast nahtlos an. Don Jon's Addiction (ebenfalls Panorama) ist freilich zeitgenössische Pornografie und auch der Filmstil dem Internet Age gänzlich gemäß. In audiovisuellem Furor, denkbar bunt und laut, erzählt Gordon-Levitt, wie der von ihm selbst verkörperte Protagonist für seine neue Flamme, die Scarlett Johansson wunderbar egomanisch-tussihaft spielt, Polygamie und Pornokonsum aufgeben will. Die wahre Rettung wartet indes in Form einer zunächst völlig abwegigen, wesentlich älteren Abendmitschülerin (in einem genialen Schachzug mit der großen Julianne Moore besetzt) auf den hoffnungslos in idealisierten Rollenbildern verfangenen Jon. Wie bei ins Regiefach wechselnden Darstellern üblich, konnte Gordon-Levitt seinen Film bis in die kleineren Parts brillant bestücken - unter anderem mit dem einstigen "Wer ist hier der Boss?"-Star Tony Danza in der Vaterrolle. Die Stärken der sonst wenig subtilen Inszenierung liegen in den unzähligen, oft beiläufigen authentischen Re- und Dekonstruktionen gegenwärtiger Wirrungen männlichen Selbstverständnisses. Auch insofern stellt Don Jon's Addiction eine gespenstisch passende Ergänzung zur weiblichen Perspektive von Lovelace dar.
Als geplantes Double Feature hätte man diese beiden Werke allenfalls als zu offensichtliche Paarung abgelehnt.

Ferner liefen... (Tage 2/3/4)

Forum: Halbschatten

Im Gegensatz zu Arslan anno 2013 ganz und gar der Tradition der Berliner Schule verhaftet, erzählt Nicolas Wackerbarth in Halbschatten mit aufreizender Behutsamkeit von einer jungen Frau (etwas teilnahmslos: Anne Ratte Polle), die ihren Freund in Südfrankreich besuchen will. Da der überraschend verreist ist, muss sie mit dessen Kindern Vorlieb nehmen, die wiederum von der Anwesenheit der Stiefmutter in spe wenig begeistert sind. Auch wenn die spärliche Inszenierung ihre lichten Momente hat, lässt die allseitige Identitätssuche eher kalt.


Forum: Das merkwürdige Kätzchen

Der zweite deutsche Film des Forums ist eine Fingerübung, die aufgeht. Ramon Zürcher führt in seiner dffb-Abschlussarbeit Das merkwürdige Kätzchen süffisant den Tag einer Berliner Großfamilie samt Besuch vor. Mit schönen visuellen Einfällen und gutem Cast gelingt so ein Panoptikum alltäglicher Absurditäten, das zum Schmunzeln anregt.
Rezeptionsästhetischer Moment des Tages: der unstillbare Lachanfall eines wahrscheinlich übernächtigten Kollegen ob der spritzenden Bratwurst.


Wettbewerb: The Necessary Death of Charlie Countryman

Mit Fredrik Bonds The Necessary Death of Charlie Countryman hat sich wieder einmal eine US-Produktion in die Hauptsektion verirrt, über deren Zuordnung man vor der Ägide Kosslick wohl noch heftig den Kopf geschüttelt hätte. In seinem wilden Ritt durch Motive, Genres und Stimmungen - der Film gibt sich als eine Art dramödiantische Drogen-Backpacker-Actionthriller-Farce aus - will die unterhaltsame Gemengelage schlicht zu viel. Shia LaBeouf reist nach dem Tod seiner Mutter ziellos nach Bukarest und hastet dort einer hübschen Fremden (Lichtblick: Evan Rachel Wood) nach, die in kriminelle Machenschaften verstrickt ist. Den Overkill veranschaulicht, dass Bond - nein, nicht James - Mads Mikkelsen als Bösewicht nicht genug erschien, dem folglich und doppelt überflüssigerweise Til Schweiger als Co-/Oberbösewicht zur Seite gestellt wird. Was Rupert „Ron Weasley“ Grint im Film verloren hat, scheint dem Star aus Harry Potter selbst weitgehend unklar - wie sich nicht nur in Charlie Countryman, sondern dieser Tage auch in den frostigen Straßen von Berlin beobachten lässt, auf denen Grint gleichermaßen verkatert gesichtet wurde.

Sonntag, 10. Februar 2013

Tag 3: NaturGewalt

Einen bescheidenen Namen im deutschen Filmgeschäft hat sich Thomas Arslan als Teil der Berliner Schule erarbeitet, seine Dramen wie Ein schöner Tag, Dealer oder Ferien waren stets von formaler Strenge und stoisch beobachteten Alltäglichkeiten geprägt. Sein Wettbewerbsbeitrag Gold, der erste einheimische dieser Berlinale, ist insofern ein spürbarer Ausbruch. Das gewohnte Sujet verlässt Arslan nicht alleine territorial und zeitlich, indem er den Schauplatz nach Nordamerika und die erzählte Zeit an das Ende des 19. Jahrhunderts verlegt.


Gold
© Patrick Orth/Schramm/Berlinale


Die paradigmatischen Verschiebungen kündigen sich bereits in der Titelsequenz an, die Namen der Beteiligten erscheinen in einen leinwandfüllenden Goldblock graviert. Einen Western muss man das nun Folgende wohl nennen - auch wenn derartige Siegel dem (und so gut wie jedem) Filmemacher verständlicherweise suspekt sind und die Kompassnadel eher gen Norden deutet. Auf der Suche nach dem titelgebenden Edelmetall bricht eine siebenköpfige Gruppe in die verheißungsvolle Einöde Kanadas auf. Abgesehen von einem Wrangler sind alle Goldsucher deutsche Einwanderer mit unterschiedlichen, aber gleichermaßen verzweifelten Motivationen. Authentische Tagebücher und Fotografien damaliger Immigrantenschicksale haben Arslan zu seinem - vergleichsweise - inhaltlich überbordenden Drehbuch inspiriert. In standesgemäß ausladenden Cinemascope-Bildern vereint der Regisseur das Beste seiner bisherigen Handschrift mit schnörkelloser Narration und, ja, mancher Genre-Konvention. Eine der spürbaren Innovationen liegt dagegen in der weiblichen (Quasi-)Hauptrolle einer der Trek-TeilnehmerInnen, die von Nina Hoss gespielt wird. Nach dem bereits sicher geglaubten Silbernen Bären für Barbara im Vorjahr ist Hoss erneut eine frühe Anwärterin auf den Darstellerin-Preis.



Ob nun Spät-Spätwestern oder einfach Charakterdrama mit naturhistorischem Setting - Gold ist ebendies wert. Des Filmemachers neuer Mut zu klugen Genre-Variationen und angebrachtem Aktionismus (hier lässt tatsächlich Saw grüßen!), beides bereits zuletzt in Im Schatten angedeutet, macht Thomas Arslan zu einem der wichtigsten Filmemacher, die dieses Land derzeit zu bieten hat.

Dramaturgisch wie thematisch knüpfen zwei weitere Filme des dritten Festivaltages an Gold an - und veranlassen zu ersten Spekulationen über mögliche Tendenzen dieses Jahrgangs: der Forum-Beitrag A Single Shot sowie A Long and Happy Life (Dolgaya Schastlivaya Zhizn), der im Wettbewerb konkurriert.

Die Handlung des ersten wird durch den Schuss des Filmtitels ausgelöst, einen schrecklichen Unfall. Der gerade von Frau und Kind verlassene Charlie (herausragend: Sam Rockwell) erwischt statt eines Rehs versehentlich eine junge Frau. Als er bei der Toten zudem eine Kiste voll Geld findet, löst er damit eine Verkettung unsäglicher Ereignisse aus, die das Dorf in den bergigen Wäldern West Virginias in Aufruhr versetzen. Der behelfsmäßige Ausdruck "Backwood Noir", der im Zusammenhang mit dem Film in Berlin immer wieder fällt, mag als ungeklärte Begriffsmixtur nicht unproblematisch sein. Er umschreibt indes fraglos die beklemmende Atmosphäre von A Single Shot sehr plastisch, in dem Regisseur David M. Rosenthal die trostlose Natur mit beständiger Spannung füllt. Das Hinterwäldlerische, dass sich neben dem Setting zunächst im südstaatlichen Slang der Charaktere manifestiert, ist dabei aber keineswegs nur negativ konnotiert, sondern offenbart im Gegenteil eine deutliche spürbare Poesie der Sprache. Dass man in den Berlinale-Screenings die englische Originalfassung reflexartig mit englischen Untertiteln versehen hat, ist schade und überflüssig. Die irrige Strategie folgt der bis tief in filmwissenschaftliche Institute verbreiteten Annahme, dem Textverständnis eine seltsame Priorität gegenüber der Unverstelltheit des Bildes einzuräumen. Auch Regisseur Rosenthal äußerte sich über die nicht mit ihm abgestimmte Verfremdungsmaßnahme erstaunt, als er seinen Film gemeinsam mit Autor David M. Rosenthal und den großartigen Nebendarstellern Ophelia Lovibond und Jeffrey Wright in Berlin vorstellte.



Auch im Mittelpunkt von Boris Khlebnikovs A Long and Happy Life - der Titel ist, wie sehr schnell offensichtlich wird, ironisch zu verstehen - stehen blutige Auseinandersetzungen vor ländlicher Kulisse. Bevor es jedoch zur unvermeidlichen Eskalation kommt, versucht sich Protagonist Sascha (Alexander Yatsenko) zunächst mit zivilen Mitteln zur Wehr zu setzen, als die Bezirksregierung ihn zwingen will, sein Land auf der nordrussischen Kola-Halbinsel zu verkaufen. Durch die Überschreibung würden die Mitarbeiter seiner Farm, einer ehemaligen Kolchose, für die sich der junge Mann verantwortlich fühlt, die Grundlage ihrer ohnehin schwierigen Existenz verlieren. Wie bereits in Promised Land verhandelt auch Khlebnikov das Ringen um territoriale Besitzverhältnisse als sozialen Überlebenskampf, in seiner Umsetzung trotz der guten Darsteller allerdings etwas blass.

Eröffnungsfilm: Der Grandmaster und sein Grandmaster

Dass der Jurypräsident gleichzeitig den offiziellen Eröffnungsfilm der Berlinale inszeniert, ist keine Regel. Aber es trifft sich in diesem Jahr nicht nur als bemerkenswerte Konstellation gut, sondern passt auch als qualitative Ansage ganz hervorragend.

Nach einem mäßig erfolgreichen Ausflug ins Fahrwasser des amerikanischen Kinos (My Blueberry Nights) kehrt der kantonesische Filmemacher Wong Kar-Wai mit The Grandmaster (Yī Dài Zōng Shī) zurück zu seinen Wurzeln - wagt gleichzeitig aber durchaus Neues. Mit Tony Leung - gerne etwas hilflos, aber keineswegs zu Unrecht als George Clooney des Ostens umschrieben - und der zierlichen, großartigen Zhang Ziyi (aus Crouching Tiger, Hidden Dragon und House of Flying Daggers) vereint Wong die beiden Protagonisten seines Über-Werkes 2046 wieder. Leung gibt den späteren Lehrmeister Bruce Lees, Ip Man, aus dessen früher Lebensgeschichte der Regisseur mindestens drei weitere Hauptanliegen destilliert, die weit über ein bloßes Biopic hinausreichen (das aber alleine als solches Wilson Yips Ip Man von 2008 um Längen schlägt): Da ist zum einen der nationalhistorische Aspekt, an den sich Wong erstmals systematisch wagt und dabei insbesondere die japanische Besetzung Nordchinas aufarbeitet. Auch eine Jahrzehnte umspannende, natürliche unerfüllte Liebe steht wieder im Zentrum der Handlung - und unterstreicht die Notwendigkeit, Wong Kar-Wai als wohl bedeutendsten filmischen Melodramatiker unserer Tage ernst zu nehmen, als wesentlichen Fortpflanzer der Sirk-Fassbinder-Achse.

The Grandmaster (Yī Dài Zōng Shī)
© Berlinale


Über allem steht in Grandmaster aber nunmehr die Kampfkunst. Nicht nur durch den salbungsvollen Anfangs- und Endmonolog Leungs gibt sich der Film als einzige, komplexe Huldigung des Kung Fu. Der beizeiten völlig ignorant als Kitsch verschriene Hang Wongs zur Zeitlupe - in Wahrheit eine ganz und gar cineastische Einladung zum Verweilen des Blicks - entfaltet hier seine ganze Wirkung: Niemals sind die filigranen Details der mühsam einstudierten Körperbewegungen so exakt und ästhetisch ebenbürtig nachzuvollziehen gewesen. In der philosophischen Untermauerung und der stilisierten Action entfacht Wong ein wahres Feuerwerk der Martial Arts - und somit des Kinos. Der wahre "Grandmaster" ist niemand anderes als der Filmemacher selbst.

Samstag, 9. Februar 2013

Tag 2: Dagegen!

Ein Jahrgang, der mit einer bescheidenen Revolution begonnen hat, lässt ein bald spürbares qualitatives Gefälle befürchten. Der polnische Film In the Name of... (W imiee...), erster Anwärter des Offiziellen Wettbewerbs, verschiebt die mögliche Ernüchterung einstweilen und tritt hinter die Brisanz des sozialkritischen Werkes der Kollegin Baskova kaum zurück. Auch Malgośka Szumowska hat mit ihrem Film das erstaunt geraunte R-Wort in den Gängen des Berlinale-Palastes provoziert. Ein Drama aus dem so katholisch geprägten Polen, dass sich ungeniert dem Lebenskampf eines homosexuellen Priester widmet? Undenkbar, mochte man meinen. Szumowskas aufmerksamer Blick, ihre schönen inszenatorischen Einfälle und ihr toller Hauptdarsteller machen das Unerwartete möglich, die Problematik greifbar - und damit sehr nachdenklich. Ein unbequemer, starker erster Entry der Hauptsektion.

In the Name of... (W imiee...)
© Berlinale

Mit dem direkt folgenden Wettbewerbsbeitrag verbindet In the Name of... neben der jeweils praktizierten Videotelefonie (deren multimediale Eignung das Kino inzwischen für sich entdeckt zu haben scheint) die Thematisierung vermeintlicher Tabuthemen. Gus Van Sants Promised Land dürfte für die Festivalleitung eine annähernd perfekte Symbiose dargestellt haben: eine unabhängige US-Produktion mit politischem Zündstoff und dennoch für die liebe Medienresonanz so wichtigen großen Namen. Matt Damon spielt nicht nur die Hauptrolle des zunächst skrupellosen Propagandisten eines milliardenschweren Erdgaskonzerns, sondern zeichnet auch für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Die gleiche Dreifachbelastung ist John Krasinski zu attestieren, er gibt einen gegnerischen Umweltaktivisten, der das folgenschwere Fracking zur Energiegewinnung zu verhindern versucht.
Als US-Ökothrillerdrama folgt Promised Land einer durchaus massenkompatiblen Tradition, die etwa Erin Brockovich vom diesjährigen Mit(wett)bewerber Steven Soderbergh enthält. Ungewöhnlich ist Van Sants Beitrag alleine ob der Perspektive, die fast ausschließlich Mitarbeitern der fraglos bösen Energiekonzerne folgt, zu denen auch eine wunderbar lakonische Frances McDormand gehört. Trotz ihrer eher klassischen Machart differenziert die Erzählung, die gravierenden Risiken der Technik, die längst auch hierzulande kontrovers diskutiert wird, scheinen überdeutlich.



Ob der hauptsächliche Schwerpunkt von Drehbuch und Film tatsächlich auf dieser ökologischen Fragwürdigkeit liegt, darf man dennoch bezweifeln. Wie Co-Autor Damon lapidar bestätigte, interessiert sich seine Geschichte mindestens ebensosehr für eine ganz grundsätzliche Bestandsaufnahme der ländlichen "American identity". Auch als solche ist Promised Land, der bei seiner USA-Veröffentlichung im Januar auf leider zunächst eher geringe Resonanz gestoßen ist, sehenswert.


Freitag, 8. Februar 2013

Tag 1: Widersprüche

Wer manche Gepflogenheit der Berlinale besser kennt als deren Mitarbeiter, darf sich bei den Festspielen allmählich zu Hause fühlen. Nach hektischem Einbiegen in die Alte Potsdamer Straße, deren Bäume wie üblich weihnachtlich geschmückt, der gewohnte Anblick des hell erleuchteten Berlinale-Palastes im Hintergrund, der freilich wenig von seiner Pracht verloren hat. Beim Abholen der Badge, jener Einlassberechtigung im Checkkartenformat, die skeptische Frage, ob die Pressestelle in den Katakomben des Palastes denn noch geöffnet habe, gekontert mit der immergleichen - erwartungsgemäß falschen - Beteuerung, das sei der Fall. Der erste Ärger, nicht auf Instinkt und Erfahrung gehört zu haben und, nach unnötigem Marsch durch die pünktlich einsetzenden Schneewehen, von den feierlich berobten Palastwächtern abgewiesen zu werden.

For Marx... (Za Marksa...)
© Berlinale

Die Revolution folgt auf den Fuß. Die Vorführung des russischen Forum-Beitrags For Marx... (Za Marksa...) hat noch nicht begonnen, da kündigt sich dessen Detonationspotenzial bereits unverkennbar an. Man möge bitte nicht erschrecken, beschwichtigt Regisseurin Svetlana Baskova in gebrochenem Englisch, die ersten 20 Minuten ihres Films seien etwas chaotisch, das lege sich danach aber. Verunsichertes Gelächter. Kurz darauf erweist sich das beinahe genaue Gegenteil: Nur von einigen tristen industriellen Ansichten unterbrochen, findet die Auftaktsequenz in einer Kameraeinstelllung im Inneren eines Busses statt; unwillkommene - und, so darf man mutmaßen: ungewollte - Verwirrung stiften indes einzig die sehr holprigen englischen Untertitel, die auch im Folgenden ein Höchstmaß an Konzentration und zusätzlicher Übertragungsleistung erfordern.
Weitere 20 Minuten später, die Arbeiter einer Stahlfabrik haben gerade eine Gewerkschaft gegründet, dann die ersten kollektiven Abwanderungen aus dem Kinosaal - für hartgesottene Filmfreunde ein untrügliches Zeichen, dass es nun interessant werden dürfte. Und tatsächlich, keine fünf Filmminuten darauf der erste Szenenapplaus der Verbliebenen! Grund der berechtigten Beifallsbekundung ist ein Dialog, der in Witz, Absurdität, filmreferenziellem, ja: philosophischem Gehalt dieser Tage schwer zu überbieten sein dürfte. Einer der aufbegehrenden Protagonisten legt den Umstehenden die Opposition Brecht‘scher und Hollywood‘scher Filmstrategien dar. Die Wirkung der Szene liegt nicht alleine im Spiel des Darstellers, das kongenial zwischen völliger Leidenschaft und völliger Verunsicherung changiert. In den wenigen energisch gestammelten Worten erklärt Baskova mal eben die wesentlichen Funktionsweisen des Weltkinos. Dass und wie sich das auch ganz speziell auf ihre Gesellschaftsgroteske Za Marksa... anwenden lässt, muss man mit eigenen Augen gesehen haben.
Ein verstörender, fulminanter Festivalauftakt, der in der Tat, ja: irgendwie revolutionär ist.

Berlinale 2013

Mit der internationalen Premiere von The Grandmaster, dem neuen Epos des diesjährigen Präsidenten der Wettbewerbsjury, Wong Kar-Wai, ist vor wenigen Stunden die 63. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele Berlin feierlich eröffnet worden.

Unbestätigten Gerüchten zufolge waren unter den Gästen unter anderem Jane Fonda, Joseph Gordon-Levitt, Brigitte Lacombe, Isabella Rossellini, Maren Ade, Mario Adorf, Thomas Arslan, Emily Atef, Michael Ballhaus, Wolfgang Becker, Bibiana Beglau, Iris Berben, Senta Berger, Christian Berkel, Sebastian Blomberg, Hans-Christoph Blumenberg, Fred Breinersdorfer, Thomas Brussig, Christopher Buchholz, Inga Busch, Mareike Carrière, Didi Danquart, Pepe Danquart, Katja Eichinger, Nina Eichinger, Hannelore Elsner, Alexander Fehling, Veronica Ferres, Florian David Fitz, Inka Friedrich, Hans Fromm, Martina Gedeck, Hans W. Geißendörfer, Matthias Glasner, Frank Griebe, Valeska Grisebach, Michael Gwisdek, Fritzi Haberlandt, Hendrik Handloegten, Monika Hansen, Reinhard Hauff, Leander Haussmann, André M. Hennicke, Irm Hermann, Hannah Herzsprung, Sherry Hormann, Nina Hoss, Hermine Huntgeburth, Hannes Jaenicke, Vanessa Jopp, Daniel Kehlmann, Sibel Kekilli, Burghart Klaußner, Volker Koepp, Wolfgang Kohlhaase, David Kross, Steffi Kühnert, Günter Lamprecht, Alina Levshin, Dani Levy, Jan Josef Liefers, Peter Lohmeyer, Anna Loos-Liefers, Florian Lukas, Angelina Maccarone, Heike Makatsch, Pia Marais, Marie-Luise Marjan, Eva Mattes, Jeanine Meerapfel, Michael Mendl, Helke Misselwitz, Anna Maria Mühe, Ulrich Noethen, Christiane Paul, Franziska Petri, Nina Petri, Christian Petzold, Jürgen Prochnow, Katja Riemann, Max Riemelt, Oskar Roehler, Gernot Roll, Lars Rudolph, Udo Samel, Nesrin Samdereli, Yasemin Samdereli, Helma Sanders-Brahms, Katrin Sass, Andrea Sawatzki, Angela Schanelec, Tom Schilling, Hans-Christian Schmid, Maria Schrader, Rolf Schübel, Jessica Schwarz, Peter Sehr, Ulrich Seidl, Robert Stadlober, Ula Stöckl, Hannes Stöhr, Lena Stolze, Aylin Tezel, Anna Thalbach, Jördis Triebel, Elisabeth Trissenaar, Tom Tykwer, Nadja Uhl, Andres Veiel, Joseph Vilsmaier, Jürgen Vogel, Justus von Dohnányi, Vera von Lehndorff, Rosa von Praunheim, Mark Waschke, Hans Weingartner, Ina Weisse, Wim Wenders, Ronald Zehrfeld und auch Hanns Zischler. 

Ab morgen wird die knallharte Vor-Ort-Recherche fortgesetzt und - wie im letzten Jahr - täglich hier zusammengefasst.