Sonntag, 17. Februar 2013

Tag 10: Die Bären

Die Internationale Jury 2013 - Susanne Bier, Andreas Dresen, Ellen Kuras, Shirin Neshat, Tim Robbins, Athina Rachel Tsangari und Präsident Wong Kar-Wai - hat am Samstagabend folgende Preise vergeben:



Goldener Bär für den Besten Film: Poziţia Copilului (Child‘s Pose) von Călin Peter Netzer
Gerade in einem sehr ausgeglichenen Wettbewerb ohne extreme Höhen oder Tiefen erscheint die Wahl des Jahrgangsbesten knifflig. Der Jury ist es in diesem wichtigsten Fall ebenso wie in der gesamten Preisvergabe gelungen, die Filme mit der jeweils größten Stringenz der insofern dichten Konkurrenz herauszukristallisieren. Poziţia Copilului (Child‘s Pose) ist der herausragende Film der Hauptsektion, weil er in seiner inhaltlichen Subtanz, formalen Klasse und seinem politischen Anspruch das beste Gesamtergebnis darstellt. Ein hochverdienter Träger des Hauptpreises.




Großer Preis der Jury - Silberner Bär: Epizoda u životu berača željeza (Episode in the Life of an Iron Picker) von Danis Tanović
Dass der Film des bosnischen Oscar-Preisträgers als einziger in diesem Jahrgang zwei Bären erhalten hat, ist ein Signal - ein richtiges und wichtiges Signal. Die Auszeichnung als Zweitplatzierter mit den gleichzeitig zahlenmäßig meisten Erwähnungen erscheint - gerade angesichts der stärkeren filmischen Qualität des Siegerfilms Child‘s Pose - als idealer Kompromiss. Zusammen mit Pardé ist Tanović‘ Werk das politisch relevanteste und setzt den mahnenden Hinweis auf die empörende Lage der Roma nach dem letztjährigen, ungarischen Silber-Gewinner Just the Wind konsequent fort. Ein - wie gesagt - beinahe unausweichliches Urteil der Jury.

Beste Regie - Silberner Bär: David Gordon Green für Prince Avalanche
Unter den vier und somit ungewöhnlich vielen amerikanischen Filmen in der Konkurrenz ist der überraschendste, originellste und somit letztlich preiswürdigste ausgezeichnet worden. Ob Green im Vergleich mit allen KollegInnen dennoch den Regiepreis unbedingt hätte bekommen sollen - man darf es vorsichtig bezweifeln. Thomas Arslans sichere Schauspielführung, seine kühne Kombination von (gewohnter) formaler Strenge und (ungewohnt) hohem narrativem Gehalt hätten viel dringender belohnt werden müssen - zumal Gold somit zu Unrecht vollständig leer ausgegangen ist.

Beste Darstellerin - Silberner Bär: Paulina García für Gloria
Auch ungesehen lässt sich diese Entscheidung im Angesicht der einhelligen Lobeshymnen für die spanische Schauspielerin nachvollziehen. Meine eigene Favoritin wäre die Rumänin Luminita Gheorghiu für den Gold-Gewinner gewesen, der es gelingt, den Zuschauer trotz des rigoros unsympathischen Charakters ihrer Filmfigur kontinuierlich in den Bann zu ziehen.

Bester Darsteller - Silberner Bär: Nazif Mujić für Epizoda u životu berača željeza (Episode in the Life of an Iron Picker)
Diese verständliche Auszeichnung folgt einem im letzten Jahr begonnenen Trend, Laiendarsteller mit üblicherweise für ausgebildete Schauspieler vergebenen Preisen zu bedenken. Nach dem Bären für die damals 15-jährige Rachel Mwanza im Vorjahr erscheint auch die diesjährige Jury-Entscheidung schlüssig, da sie schlicht die erreichte Kraft der Leinwand-Präsenz bemisst - die mit der Vorbildung des Darstellers in der Tat nichts zu tun hat. Denkbar wäre neben Familienvater Mujić auch Andrzej Chyra für W imiee... (In the Name of...) gewesen.



Bestes Drehbuch - Silberner Bär: Jafar Panahi und Kamboziya Partovi für Pardé (Closed Curtain)
Der am sehnlichsten erwartete Gewinner des Abends. Den im Iran unter Hausarrest festgehaltenen Jafar Panahi nicht mit einem Bären zu würdigen, hätte Wong Kar-Wai und seinen MitstreiterInnen wohl kaum jemand verziehen. Das gemeinsam mit Partovi verfasste Drehbuch zu prämieren, ist ein cleverer Schachzug der Jury, liegt doch bereits in der Planungsphase des geheim gedrehten Films seine größte Stärke: die persönliche Situation des Filmemachers sowie grundsätzliche Missstände in eine fiktive, metaphorische Handlung einzuweben.

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