Mittwoch, 12. Februar 2014

Tag 6: Neues aus Babylon

Bereits im Vorfeld stolz angekündigt, hat die Berlinale-Organisation etwas am Festival-Procedere geändert. In diesem Jahr sind sämtliche Vorstellungen des Wettbewerbs zweisprachig untertitelt – sowohl in Deutsch als auch in Englisch (sofern nicht eine dieser Sprache die gesprochene ist). Der positive Effekt dieser Maßnahme: Damit sind die lästigen Headsets für Simultanübersetzungen endlich passé, die in der Vergangenheit regelmäßig – zumindest im Falle offenbar schwerhöriger Kollegen – für einen erheblichen Störfaktor der Pressevorführungen gesorgt hatten.
Äußerst unglücklich ist die doppelte Untertitelung aber dennoch, sie komplettiert nämlich sehr erfolgreich das Sprachwirrwarr auf der Leinwand. In zwei unterschiedlichen Farben (weiß und gelb) prangern da nun also noch mehr Worte auf dem unteren Bildrand – und lenken somit noch folgenschwerer vom visuellen Geschehen ab. Die Irritation nimmt schon babylonische Ausmaße an. Besonders ärgerlich ist das für all diejenigen, die beider Sprachen mächtig sind: Sich selbst zu konditionieren, nur eine der Textzeilen mitzulesen (zumal stets dieselbe), erweist sich auch nach Tagen der Übung als annähernd unmöglich.
Absurd überdies die Ergänzung der dazugehörigen Pressemitteilung: „Damit entfällt künftig die Simultanübersetzung in Französisch und Spanisch.“ Bitte was? Weil es nun deutsche und englische Untertitel gibt (aber eben auch nur diese!), fallen die anderen beiden Sprachen weg? Wenn denn schon selektiv Fremdsprachenkenntnisse vorausgesetzt werden, sollte man konsequent sein und einfach kühn davon ausgehen, dass auf einem internationalen Filmfestival im Jahre 2014 zumindest jeder Pressevertreter des Englischen mächtig ist! Dann wäre auf der Leinwand auch wieder mehr Platz für den eigentlichen Film. Zweisprachige Untertitel? Klassische Verschlimmbesserung.

Verständnisschwierigkeiten thematisieren passenderweise auch zwei Wettbewerbsbeiträge des Festivaltages. Zwischen Welten ist der zweite größere deutsch (co-)produzierte Spielfilm, der sich mit dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan auseinandersetzt. Ronald Zehrfeld (der auch in einer Nebenrolle in Die geliebten Schwestern zu sehen ist) spielt einen Kommandeur, dessen Schicksal mit dem eines jungen afghanischen Dolmetschers kollidiert. Kommunikative Missverständnisse haben hier weitaus fatalere Konsequenzen.

Zwischen Welten
Wettbewerb 2014
Ronald Zehrfeld, Mohsin Ahmady

Feo Aladag geht die Problematik in ihrem Kriegsdrama nüchtern bis ausgewogen an, konzentriert sich aber eher auf die individuell-menschliche Ebene des Konfliktes. Dabei legt sie den Finger in einige diffizile Wunden der Angelegenheit – auch innermilitärische – und verbleibt eher pessimistisch. Ob die arg verständnisvolle Agenda der soldatischen Hauptfigur als repräsentativer Fall allzu glücklich gewählt ist, mag sicher fragwürdig sein. Die recht vielstimmigen Buh-Rufe am Ende der Pressevorführung sind zwar nicht nachzuvollziehen, ein Meisterstück des gesellschaftskritischen Weltkinos ist Aladag aber gewiss auch nicht gelungen.


Die Hürden kultureller Adaption stehen auch im Mittelpunkt des tollen brasilianisch-deutschen Filmes Praia do Futuro. Beim Baden am gleichnamigen Strand, dessen namentlicher Verweis auf die Zukunft natürlich mehrdeutig ist, ertrinkt der Freund des deutschen Touristen Konrad. Gespielt wird der von Clemens Schick, der auf diesem Festival gleich mit drei Rollen vertreten ist. Durch den tragischen Vorfall lernt Konrad den einheimischen Rettungsschwimmer Donato (Wagner Moura) kennen. Aus einer flüchtigen Affäre wird bald mehr. Widerwillig verlässt Donato das Idyll am Meer und folgt Konrad ins verregnete Berlin (das eine der Figuren aufgrund der meteorologischen Diskrepanz am Nordpol verortet!). Indem er die Hauptstadt aus der Warte des Brasilianers erkundet, folgt der tatsächlich in Berlin lebende Filmemacher Karim Aïnouz einer Konstante dieses Jahrgangs: der filmischen Reise durch die Urbanität der Festivalstätte.

In seiner konsequenten Zweisprachigkeit untersucht Praia do Futuro aber primär die Vorzüge und Hindernisse nicht nur verbaler Verständigung. Aïnouz' visuell wunderbar poetischer Film entwickelt sich schließlich zu einem viel Jahre überbrückendem Epos, das jedoch nie unnötig ausschweift. Um interkulturelle Brücken machen sich diese beiden Wettbewerbsbeiträge durchaus verdient.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen