Freitag, 26. Februar 2016

Berlinale 2016: Rückblick

Wie bereits die vorangegangenen Jahrgänge hat auch ihre 66. Ausgabe den Internationalen Filmfestspielen Berlin einen neuen Publikumsrekord beschert. Fast 340.000 verkaufte Kinokarten vermeldet das Festivalbüro. Das ist eine in der Tat beachtliche Zahl, die sich allerdings auch in der stetig zunehmenden Hektik und Gedrängtheit der Berlinale niederschlägt. Gewappnet mit der nötigen Gelassenheit – insbesondere gegenüber dreisten Vordrängler_innen – und einer stressresistenten Portion Humor lässt sich die allgemeine Festivalstimmung dennoch auch 2016 durchaus heiter nennen.

Wi(e)der das Klischee des Politischen

Durch ihre gebetsmühlenartige Beschwörung durch die Verantwortlichen im Vor- und Umfeld ist die politische Relevanz des Filmfests längst zu einem Klischee verkommen. Besonders schade wäre es daher, sollte dies über tatsächliche entsprechende Leistungen "der Berlinale" hinwegtäuschen. In Wahrheit besteht der Einfluss seiner Leitung auf das Politische des Festivals zumeist lediglich in der Auswahl und dem Übergehen bestimmter Filme, vielleicht noch einem interpretationsanleitenden Grußwort – zumindest insoweit dies die politische Qualität der Kunst des Jahrgangs betrifft. Umso erfreulicher, dass sich Kosslick & Co. angesichts der Flüchtlingsthematik aktiv in das Zeitgeschehen eingeschaltet haben: 18 Hospitanzen für Geflüchtete, das Projekt "Patenschaft für Kinobesuche" sowie eine offizielle Spendenaufforderung sind als erste Früchte einer neuen Engagiertheit der Berlinale sehr zu begrüßen.
Prompt hat auch Meryl Streep mitgetan und als Vorsitzende Richterin über die Hauptsektion dem gegenwartsrelevantesten Film des Wettbewerbs dessen höchste Würde verliehen. Die dramatischen Dokumente der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer mit der entwaffnenden Alltäglichkeit auf Lampedusa zu konfrontieren, war ebenso riskant, wie es Gianfranco Rosi hier auf ganzer Linie geglückt ist. Nicht übersehen werden darf gleichzeitig der pur filmische Wert von Fuocoammare, dem verdientesten Goldenen Bären seit sehr langem. Neben der Adelung als bester Wettbewerbsfilm hat Rosis Werk auch einen Preis der Ökumenischen Jury sowie den Amnesty International Filmpreis erhalten.

Titel, Themen, Tendenziöses

Mit Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo), der den Großen Preis der Juroren um Streep erhielt, hat auch die FIPRESCI-Jury den gelungensten Film des Hauptprogramms von historischer Bedeutung hervorgehoben. Während sich Danis Tanović dramaturgisch elegant um die Aufarbeitung der europäischen Vergangenheit verdient macht, hinterlassen die geschichtsträchtigen Wettbewerbsbeiträge zu Schauplätzen in Afrika (Cartas da guerra), Nordamerika (Genius) und dem nahöstlichen "Niemandsland" (Soy Nero) einen blassen bis tendenziösen Eindruck. Auf einer weitaus kleineren Ebene politisch und umso wirksamer zeigen sich dagegen filmische Perlen wie der meditative Chang Jiang Tu (Crosscurrent) und der mutige Zjednoczone stany milości (United States of Love). In der runden Woche seit seiner Premiere vergleichsweise schlecht gealtert scheint wiederum Anne Zohra Berracheds einzige 'echt' deutsche Kandidatin 24 Wochen, die viel ihrer unmittelbaren Wirksamkeit eingebüßt hat – so immens wichtig ihr Thema Schwangerschaftsabbruch fraglos bleibt.

Verdiente Auszeichnungen

Der Jahrgang der nachvollziehbaren Berlinale-Preise: Wenn sich der notorisch über Auszeichnungen nörgelnde Filmkritiker wundert, ob sein persönlicher Geschmack nun zur allgemeinen Konsensmeinung geworden – aufgestiegen? degeneriert? – ist, mag das ein sicheres Zeichen für besondere Zeiten sein. Neben der wichtigen und richtigen Vergabe des Hauptpreises an Fuocoammare gehen auch sämtliche der weiteren Entscheidungen von Meryl Streep & Co. mehr als in Ordnung: Insbesondere freuen die Versilberungen der Regie von L'avenir (Mia Hansen-Løve), des Drehbuchs zu United States of Love (Tomasz Wasilewski) sowie der Kamera bei Crosscurrent (Mark Lee Ping-Bing). Diese nicht immer naheliegenden Würdigungen trösten auch darüber hinweg, dass der thematisch angebrachte und schön erzählte Quand on a 17 ans gänzlich leer ausgegangen ist.
Von seltener Schlüssigkeit auch das Gros der vielen weiteren im Rahmen der Berlinale vergebenen Preise. Junction 48, den nach singulärer Radio-X-Meinung – siehe nebenstehende Rangliste – besten Film des gesamten Jahrgangs(ausschnitts), hat das Publikum zum Sieger der Spielfilm-Sparte des Panoramas gekürt. Sara Jordenös begeisternder Kiki darf sich fortan mit einem sehr passenden Teddy als Bester Dokumentar-/Essayfilm schmücken. Vielleicht lässt sich die gefühlt hohe Trefferquote der Juror_innen des Fachs und Fußvolks in diesem Jahr auch einfach durch glückliche Zufälle bei der individuellen Festivalprogrammierung erklären.

Wortakrobatik gegen Gewalt

Junction 48 und Kiki eint zudem der Bezug zum musikalischen Teil der Black Culture. Zugegeben: Jordenös Film stellt die Verbindung eher indirekt vor, als rhythmische Untermalung der Voguing-Wettbewerbe. Auch der repräsentativ lesbare Tupac-Biggie-Dialog dreier US-Soldaten in Soy Nero (die allerdings beste Szene des Films) sowie die stimmungsvolle musikhistorische Brücke von Jazz zu Hip-Hop am Ende von Miles Ahead sind den jeweiligen Schwerpunkten der Filme sicherlich untergeordnet. Zumindest mit Udi Alonis Panorama-Publikumspreisträger und Spike Lees außerhalb der Wettbewerbskonkurrenz gezeigtem Chi-Raq ist der Hip-Hop als diesjähriges Tendenzthema, vor allem aber auditiv-performatives Stilmittel des aktuellen Weltkinos ernst zu nehmen. Der gesellschaftlich bewusste, hegemoniale Verhältnisse auf- und angreifende Rap führt damit zurück zu den überaus ideologiekritischen Wurzeln dieser Kultur. Wie ermutigend, dass Aloni und Lee aus diesen Ursprüngen des Sprechgesangs solch kraftvolle Gegenentwürfe zur Gewaltdominanz im Nahen Osten und Süd-Chicago genährt haben!

Babylon Revisited

Ernsthaft problematisch bleibt auf der Berlinale die leidige Untertitel-Thematik. Warum die Praxis der zweisprachigen Einblendungen bei allen Wettbewerbsfilmen fortgesetzt wird, obwohl deren Unsinnigkeit immer deutlichere Züge trägt, scheint rätselhaft bis ärgerlich. Als ob die massive grafische Überlagerung, ja: Verfälschung des Bildmaterials nicht fragwürdig genug wäre, haben die zweieinhalb in schwarz-weiß gedrehten Beiträge des Hauptprogramms (United States of Love mit eingerechnet) die zusätzlich farbliche Misshandlung der Filme durch den weiß-gelben Textbrei enttarnt. Nochmals klipp und klar: Wer des Basis-Englischs auf heutigem Grundschulniveau der – auch diesmal wieder stark fehlerhaften – Untertitelungen nicht mächtig ist, hat zumindest in den Pressevorführungen eines Internationalen Filmfestivals nichts zu suchen.

Festivalausrüstung 2.0

Zwei wichtige Verbesserungen hatte die Berlinale 2016 für Pressevertreter_innen parat. Von der ersten profitiert im Grunde das gesamte Publikum: Dank eines neuerlichen Updates stellt die kostenfreie Berlinale-App für Smartphones und Tablets in diesem Jahr erstmals eine tatsächliche Erleichterung des Festivalalltags dar. Das betrifft insbesondere die Programmübersicht, die nun erheblich bei der Auswahl der Filme und der Zusammenstellung eines individuellen Zeitplans hilft – die sich zudem bequem (wenn auch mit einem kleinen Bug der Erinnerungsfunktion) in den geräteeigenen Kalender übertragen lässt. Während das umständliche Hantieren mit analogen Broschüren und Handzetteln also endlich ein Ende hat, besteht auch bei der aktuellen App-Version weiterer Verbesserungsbedarf: Etwa könnte die App künftig die Panorama-Abstimmung enthalten, auf allen Geräten im Hoch- und Querformat verfügbar sein und bitte dringend auf die willkürlich aufpoppende Aufforderung zur Nutzung gewisser Online-Kommunikationskanäle verzichten.
Mindestens ebenso zeitgemäß und festivalalltagsförderlich auch die hochwillkommene Neuerung, im Pressezentrum im Hyatt, jener publizistischen Hauptherzkammer der Berlinale, für die Akkreditierten unentgeltliche Kaffeespezialitäten anzubieten. Natürlich gesponsert von einem namhaften Anbieter koffeinhaltiger Heißgetränke, mag diese schmackhafte Versorgungsmaßnahme manches Tagespensum um einen ganzen Film bereichert haben. Davon bitte gerne mehr, wenn es am 9. Februar 2017 heißen wird: Vorhang auf für 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin!

Sonntag, 21. Februar 2016

Tag 10: Die Bären

Mit Meryl Streep hatte die diesjährige Internationale Jury ihre vielleicht berühmteste Präsidentin. Vier Bodyguards ließen die dreifache Oscargewinnerin und weitere sechzehnmal Nominierte auch während der Pressevorführungen nicht aus den Augen. Erstmals blieb die Sitzreihe hinter den Juroren aus Sicherheitsgründen gesperrt. Doch geht der nochmals erhöhte Prominenzgrad mit einer besonderen Jury-Eignung einher? Offenbar – dafür sprechen wenigstens die Entscheidungen, die Streep gemeinsam mit Lars Eidinger (deutscher Schauspielkollege), Nick James (britischer Filmkritiker), Brigitte Lacombe (französische Fotografin), Clive Owen (britischer Schauspieler), Alba Rohrwacher (italienische Schauspielerin) und Malgorzata Szumowska (polnische Regisseurin) getroffen hat:

Goldener Bär für den Besten Film: Fuocoammare (Fire at Sea) von Gianfranco Rosi
Seltsam selten: Eine vollkommen richtige Vergabe des Hauptpreises, mit der die Mehrheit des Publikums, der Kritiker und überhaupt des Festivals einverstanden sein dürfte. Angesichts der aktuellen globalen Lage ist diese Auszeichnung eines Films über die „Flüchtlingskrise“ natürlich auch ein politisches Signal – aber eben nicht nur: Rosis Dreivierteldokumentation ist auch ganz abgesehen von der Thematik der innovativste, cleverste und mitreißendste Beitrag dieses Jahrgangs.

Großer Preis der Jury – Silberner Bär: Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo) von Danis Tanović
Auch die Würdigung des sehr unterhaltsam erzählten, aber vor allem politisch-historisch bedeutsamen neuen Films von Danis Tanović ist hochverdient. Den bosnischen Filmemacher mag etwas wurmen, dass er nach 2013 wieder „nur“ den zweiten Preis der Wettbewerbskonkurrenz erhält. Gerade dass diese Auszeichnungen jedoch für zwei so radikal unterschiedlich inszenierte Werke erfolgt sind, spricht enorm für Tanović’ Weiterentwicklung zu einem der wichtigen gegenwärtigen Regisseure in Europa.

Beste Regie – Silberner Bär: Mia Hansen-Løve für L'avenir
Im Feld einer ganzen Reihe möglicher Preisträger_innen – etwa Landsmann Thomas Vinterberg, der Chinese Yang Chao, die Deutsche Anna Zohra Berrached – hat sich die 35-jährigen Dänin zu Recht durchsetzen können. Mit einer für ihr Alter erstaunlichen Routine und Ruhe führt sie ihre wunderbare Hauptdarstellerin Isabelle Huppert und versprühte mit dem angenehm akademischen Film im nasskalten Berlin eine sanfte Prise Sommer.

Alfred-Bauer-Preis – Silberner Bär: Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery)
Der wohl unvermeidliche Preis für das achtstündige Marathonwerk [ungesehen].

Bestes Drehbuch – Silberner Bär: Tomasz Wasilewski für Zjednoczone stany milości (United States of Love)
Eine ebenso überraschende wie großartige Anerkennung des erzählerischen Mutes des jungen polnischen Autors (und Regisseurs), die das Missfallen einiger Teile des Pressekollegiums endgültig als reaktionäres Banausentum entlarvt. Auch der Schachzug der Jury, gerade die Skizzierung der ausgefallenen Struktur des Films zu prämieren, ist absolut folgerichtig.

Beste Darstellerin – Silberner Bär: Trine Dyrholm in Kollektivet (The Commune)
Einerseits ist dieser Preis das verdiente Lob einer ungemein wandlungsfähigen und dennoch stets glaubhaften Darstellung, mit der Dyrholm der tausendfach gesehenen Rolle der betrogenen Ehefrau tatsächlich neue Nuancen abgewinnt. Andererseits mag der Bär aber auch als schlüssige stellvertretende Berücksichtigung für Thomas Vinterbergs stimmungsvollen Film insgesamt verstanden werden.

Bester Darsteller – Silberner Bär: Maja Mastour in Inhebbek Hedi (Hedi)
Auszeichnung des tunesischen Beitrags von Mohamed Ben Attila [ungesehen].

Herausragende Künstlerische Leistung – Silberner Bär: Mark Lee Ping-Bing für die Kamera in Chang Jiang Tu (Crosscurrent)
Und noch ein letzter Volltreffer der Internationalen Jury, der den besten Aspekt eines auf unoffensichtliche Weise unwiderstehlichen Wettbewerbsfilms herauspickt. Ping-Bing findet für die textliche Poesie im Film mehr als adäquate, visuell förmlich süchtig machende Bilder. Seine Kamera liefert den atemberaubenden Anstrich dieses geheimnisvollen, meditativen Liebes- und Lebensfilms.

Samstag, 20. Februar 2016

Tag 9: Queer heute

Die Aufwertung der Berlinale-App, die die individuelle Festivalplanung nun erstmals aktiv erleichtert, gehört zu den positiven organisatorischen Neuerungen dieses Jahrgangs. In der Programmübersicht der App gibt es eine Rubrik namens "was läuft jetzt". Am gestrigen achten Tag wurde dort ganze neun (!) Stunden lang der Filmtitel Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) angezeigt. Mit 485 Minuten Laufzeit (plus einstündiger Pause) ist dem Mammutwerk von Laz Diaz der Rekord als längster Wettbewerbsbeitrag bereits sicher.

Ein Double Feature der beiden Panorama-Dokumentarfilme zum queeren Stand der Dinge, Inside the Chinese Closet und Kiki, hätte im gleichen Zeitraum dreimal gezeigt werden können – der Erstgenannte alleine bequem ganze sechsmal hintereinander einschließlich drei Viertelstundenpausen.
Zunächst ist der Schauplatz das nicht eben für seine gesellschaftspolitische Fortschrittlichkeit bekannte Festlandchina. Gewidmet ihren eigenen Eltern, hat sich die Italienerin Sophia Luvarà, finanziert mit niederländischen Mitteln, Inside the Chinese Closet begeben. Zwar begleitet sie primär den schwulen Andy und die lesbische Cherry, doch in Wahrheit geht es noch eher um die Elterngeneration. "When I came out of the closet, my father went into it", fasst Andy die Situation einmal sehr treffend zusammen. Nach der ersten Selbstbefreiung folgt für junge Chines_innen ein zweiter, oft ebenso nagender Kampf: den schockierten Eltern im Umgang mit ihrer "abnormalen" Lebensweise (so Cherrys Mutter) beizustehen. Ebenso traurig wie wahr.
Noch konkreter beschäftigt sich Luvaràs nachdenklich stimmender, aber hin und wieder auch heiterer Film mit dem grotesken Nachwuchswunsch, den weder Andys noch Cherrys Eltern aufzugeben bereit sind. Also ab zum schwul-lesbischen Scheinheiratsmarkt, die aktuelle Preisliste für in der lokalen Klinik zurückgelassene Säuglinge gecheckt – und schon stehen der traditionsgerechten Enkelkinderproduktion bloß Formalitäten im Weg!

Den LGBT-Diskurs um das T wie Transgender erweiternd, macht Kiki der schwedischen Aktivistin und Filmemacherin Sara Jordenö ein ganzes Stück mehr Hoffnung auf ein hirnbarrierefreies Miteinander jenseits geschlechtlicher und sexueller Grenzziehungen. Exakt 25 Jahre nachdem Paris Is Burning die Berlinale eroberte und die schillernde Ballroom-Szene New Yorks vorstellte, liefert Jordenö sozusagen ein inoffizielles Update nach. Sieben Jugendliche und junge Erwachsene der Black LGBT Community lässt sie zu Wort kommen bzw. sich visuell-performativ ausdrücken. "Voguing" nennt sich die Mischung aus Tanz, Karneval und Posing, in der sich die Darsteller_innen auch heute noch auf Bällen miteinander messen. Neben der Dokumentation dieser in jeder Hinsicht toll bunten Veranstaltungen können die Portraitierten ihr enorm reflektiertes Verständnis weiterhin hochaktueller Fragestellungen wie Homo- und Transphobie, Heteronormativität oder Identitätskonstruktion zum Ausdruck bringen.
Die große Stärke von Kiki liegt gerade darin, dass Jordenö der Intelligenz der jungen Menschen vertraut und sich selbst ganz im Hintergrund des Films hält. Am affektiv wirksamsten sind die fast statischen Portraits der Kikis, wenn diese jeweils wortlos direkt in die Kamera blicken. In diesen extremen Nahaufnahmen scheint sich tatsächlich jene Idealvorstellung des frühen Filmtheoretikers Béla Balázs zu verwirklichen: ein filmischer Blick ins Seeleninnere. Ein wunderschöner, mutiger und Mut machender persönlicher Berlinale-Abschlussfilm!

Ferner liefen... (Tag 7/8/9)

Perspektive Deutsches Kino: Toro

Im Vergleich zum Dokumentarischen ist es mit den Mittel der Spielfilmdramaturgie einfacher möglich, bestimmte Topoi ambivalent zu erzählen. Martin Hawes Uni-Abschlussfilm Toro nutzt dieses Potenzial, indem er die Option der Queerness seines Protagonisten im Ungefähren belässt. Die beiden zentralen Figuren des Films, Toro und Victor, sind grundverschieden. Die Freunde und Nachbarn eint, dass sie sexuelle Dienste verkaufen, um ihrem bisherigen Dasein zu entfliehen: Toro an zumeist ältere Frauen, Victor an zumeist ältere Männer. Doch während Toro diszipliniert ist und für die Rückkehr in seine polnische Heimat spart, kann Victor seine Drogensucht nicht kontrollieren und verschuldet sich immer höher. In kontrastreicher Schwarzweißfotografie nüchtern eingefangen, steuert der weitgehend konventionelle Plot auf eine fatale Entladung der Konflikte zu. Entgegen Erwartungshaltungen, die sich auf sein bulliges Äußeres – daher der titelgebende Spitzname der Hauptfigur – berufen, ist das Spiel Paul Wollins in der Rolle des Piotr alias Toro sehr vielgestaltig. Neben dem passenden Look des Films sorgt Wollin dafür, dass sich Toro ein durchaus gelungenes Regiedebüt ist.


Wettbewerb: Zjednoczone stany milości

Zum zweiten Mal in diesem Jahr vereinzeltes Buhen aus dem Presse-Auditorium für eine Vertreterin der Wettbewerbskonkurrenz. Diesmal unberechtigt und klares Symptom mangelnder Geduld. Oder für ein Verhaftetsein in normativen Körperbildern. Oder Misogynie. Kein Zweifel: Angenehm anzuschauen ist der Spielfilm Zjednoczone stany milości (United States of Love) nicht gerade. In stark farbentsättigten, fast monochromen Bildern portraitiert Tomasz Wasilewski vier Frauen im Polen der frühen Neunziger, kurz nach dem Mauerfall. Die vier Schicksale, die der Film abgesehen von gelegentlichen (aus der Chronologie fallenden) Überschneidungen nacheinander betrachtet, sind nicht nur durch das Treppenhaus eines tristen Plattenbaus miteinander verbunden. Alle vier Frauen befinden sich zudem auf der verzweifelten Suche nach schier Unerreichbarem: Die lethargische Familienmutter Agata begehrt den örtlichen Priester, Schulrektorin Iza frustriert ihre langjährige Affäre mit dem verheirateten Dorfarzt, die verwitwete Lehrerin Renata sehnt sich nach einem Tochterersatz, Sportpädagogin Marzena träumt von einer Modelkarriere im Ausland. Alleine dass Wasilewski dem naheliegenden Versuch widerstanden hat, die vier Handlungsstränge parallel zu erzählen, verdient Respekt. Das narrative Konzept seines Drehbuches und seiner Regie ist komplexer, dadurch zugegebenerweise auch deutlich sperriger. Aber durchzuhalten lohnt hier: In ihrer Gesamtheit geht die ungewöhnliche Struktur voll auf, wird United States of Love zwar nicht dem durchaus merkwürdigen Titel, aber doch dem ambitionierten Anliegen gerecht. Obwohl sich somit Ähnlichkeiten der jeweiligen Lebenssituationen der Frauen ergeben, behält jeder der Fälle etwas Autarkes. Bewundernswert auch der Mut der Darstellerinnen zur Nacktheit, die Wasilewksi hier einmal vollkommen entgegen körperlicher Hegemonialvorstellungen einsetzt. Das hörbare Unbehagen, das gerade dieser Aspekt des Films bei Teilen des Publikums ausgelöst hat, sollte der Filmemacher als ungewolltes Kompliment für sein nachhaltig wirkendes Werk verbuchen.


Perspektive Deutsches Kino: Die Prüfung

An einer deutschen Schauspielschule aufgenommen zu werden, gilt mancherorts als Metapher für das schier Unerreichbare, als Pendant zum "Sechser im Lotto". Mit dem vom damaligen Berlinalepublikum gekürten Dokumentarfilm Die Spielwütigen hat Andres Veiel 2004 die Seite der Bewerber_innen und Studierenden in Blick genommen. Regiekollege Till Harms ist, so lässt er im Q&A nach dem Screening wissen, nicht sonderlich gut auf Veiels Film zu sprechen – zu oft hatte er in der Planungsphase seines Projekts rechtfertigen müssen, "noch einen Film über Aufnahmeprüfungen" drehen zu wollen. Im Gegensatz zur damaligen Langzeitstudie, die vier Student_innen in Berlin begleitet hatte, wendet sich Die Prüfung nun schwerpunktmäßig der Dozierendenseite zu. Stimmig montiert, gewährt Harms spannende Einblicke hinter die Kulissen (hier einmal wörtlich zu nehmen!) des mythenumrankten Auswahlprozesses, in diesem Fall an der Staatlichen Schauspielschule Hannover. In der Tat vermenschlicht der Film allzu vage Vorstellungen der vielfach als willkürlich verstandenen Entscheidungen, indem vor allem die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Auswahlkommission anschaulich werden. Eine sehenswerte Dokumentation, die dank des Indie-Verleihs Mindjazz demnächst auch in einigen Kinos gezeigt werden wird.

Freitag, 19. Februar 2016

Tag 8: Yankees, Look Home!

Selbstkritik mag die ultimative Form der Reflexion sein: das eigene Denken und Handeln in Frage zu stellen also. Natürlich ist es etwas anderes, ob sich die Problematisierung auf das individuelle Selbst bezieht oder auf die letztlich instabile Zugehörigkeit zu einem Kollektiv. Nationalitäten sind solche sozialen Gefüge, denen man* sich sowohl zugehörig fühlen als auch gleichzeitig kritisch gegenüber verhalten kann. Mehr oder minder gilt das auch für drei amerikanische Berlinale-Filme des achten Tages: die Dokumentarfilme Zero Days und Where to Invade Next sowie den Spielfilm Goat.

Zero Days (Wettbewerb) wendet sich der vielleicht besorgniserregendsten Malware des digitalen Zeitalters zu. Oscarpreisträger Alex Gibney (Taxi to the Dark Side, 2007) setzt mit der Entdeckung des mächtigen Computervirus Stuxnet im Jahr 2010 an und gräbt sich von den Namensgebern des komplexen Codes zunächst rückwärts zu Grundlagen des Hackings. Der Hauptteil des Films arbeitet sich dann an den mit hoher Wahrscheinlichkeit staatlichen Ursprüngen von Stuxnet (USA & Israel) ab, schließlich werden auch die Folgen erwogen. Ästhetisch setzt Gibney auf Altbewährtes: sprechende Köpfe, Archivmaterial und digitale Visualisierungen des Virtuellen. Nur ein Element fördert – auf der darstellerischen wie auf der informativen Ebene – wirklich Überraschendes zutage: das auffallend 'anders' verfremdete Gespräch mit einer direkt an Stuxnet alias "Olympic Games" (so der interne Codname) beteiligten NSA-Agentin.
Abgesehen von diesem auch medientheoretisch interessanten Aspekt liefert Gibneys Werk nicht mehr und nicht weniger als eine gute, etwas lange Zusammenfassung der skandalösen Bewandtnisse. Wer der moralischen Obligation dieses Films das Wort redet, dem sei entgegnet: Sicherlich gehört diese Geschichte auch unter dem weltweiten Kinopublikum verbreitet. Aber wenn die finale Forderung von Zero Days nicht mehr als eine Debatte über Digital Warfare ist, wenn es bei völliger Kapitulation vor seiner Unvermeidlichkeit nur noch um die Regeln eines solchen 'neuen Kriegs' geht, ist das doch recht schwach. Oder schrecklich pragmatisch.

Zero Days
Animation
© Berlinale
Dagegen taucht Michael Moore mit Where to Invade Next (Berlinale Special) tatsächlich etwas tiefer in den politischen Status quo der USA ein – und das, ohne eine einzige Minute auf heimischem Boden gedreht zu haben. Nationalitäten, so führt Moore indirekt vor, können eben nicht nur als soziale Gemeinschaften verstanden werden, sondern sind erst einmal differenzlogische Gebilde. Von einer Nation zu sprechen, ist alleine möglich, indem damit eine Abgrenzung zu etwas/jemand 'Anderem' vollzogen wird. Folglich ist Moores Film eine Reise durch andere, hauptsächlich europäische Länder, die auf unterschiedlichen Gebieten als Vergleichsfolien dienen. Ob er die Arbeitsbedingungen in Italien, das Gefängniswesen in Norwegen oder weibliche Unternehmerinnen in Island beleuchtet – der Fluchtpunkt bleibt stets der Zustand in den USA, exemplarisch rekapituliert per TV-Archivaufnahmen. Moores erster Kinofilm seit sechs Jahren operiert mit der üblichen Mischung aus Selbstkasteiung und Selbstdarstellung, aus der Inszenierung der Figur Moore, zugespitzten Absurditäten und schockierenden Bild-Ton-Dokumenten. Auffallend bloß, dass sich der Filmemacher im letzten Filmdrittel zurücknimmt, als es nämlich um die feministische Agenda (deren ihrerseits heftige Differenzlastigkeit nur ansatzweise reflektiert wird) geht. Insgesamt ist auch Where to Invade Next stark pointiertes USA-Bashing – dargeboten mit einem durch und durch amerikanischen Gestus.

Barack Obama, auf dessen Politik sich sowohl Zero Days als auch Where to Invade Next explizit beziehen, ist nicht nur der erste afroamerikanische US-Präsident, sondern auch der erste seit vielen Jahrzehnten, für den sich in einer Kurzrecherche keine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung nachweisen ließ [Korrekturen bitte in den Kommentaren!]. In eine den beiden Dokumentationen anverwandte Kerbe schlägt insofern auch Goat – seinerseits mit den Mitteln des Fiktionalfilms. Das im Panorama gezeigte Drama des Amerikaners Andrew Neel vollzieht die gewaltdominierte Sozialisierung der weißen Mittel- und Oberschicht nach. Aus der Perspektive eines leider auch nicht immer nachvollziehbar agierenden Erstsemesters (Ben Schnetzer) stehen die abartigen Aufnahmerituale elitärer Bruderschaften im Mittelpunkt der Handlung. Prekär ist diese Praxis nicht alleine, weil viele der Peiniger bald darauf zum Kreise der obersten politischen Entscheider des Landes zählen werden.
Fraglos erschüttern die immer neuen Torturen, denen auch der Protagonist ausgesetzt wird, wenngleich diesen das Premierenpublikum wiederholt – äußerst befremdlicherweise – lautes Lachen zollte. Durch das Fehlen jeglicher zur Identifikation geeigneter Charaktere ist Goat außer der kritischen Selbstbetrachtung der fortschreitenden Verrohung amerikanischer Männlichkeitsbilder wenig abzugewinnen.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Tag 7: Dramödiantisches

Die Grenze zwischen Spaß und Ernst ist auch in der Filmdramaturgie fragil. Ob nun humorvolle Einlagen im Drama oder schwerfällige Momente in der Komödie: An der Frage der rechten Balance scheitern kommerzielle wie unabhängige Produktionen regelmäßig. Es wie Thomas Vinterberg bzw. Dominik Moll zu halten und beide Pole der Skala ausgewogen nebeneinander zu stellen, klingt nach dem bequemeren Weg. Deren jeweilige Wettbewerbsbeiträge Kollektivet (The Commune) und Des nouvelles de la planète Mars (News from Planet Mars) mögen diese Vermutung zu Unrecht als allgemeingültig stärken – so beschwingt gelingt der Drahtseilakt hier.

Dass das Drehbuch von Kollektivet lose auf eigenen Kindheitserfahrungen des dänischen Autors und Regisseurs beruht, merkt man insofern. Vergnügt und aufrichtig wie nicht mehr seit seinem Dogma-Erfolg Das Fest (1998) kommt Vinterbergs neuer Film daher. In dessen Halbfiktion erbt ein Familienvater und Unidozent (Ulrich Thomsen) Anfang der 70er ein geräumiges Haus vor den Toren Kopenhagens. Um den Unterhalt der unverhofften Bleibe bestreiten zu können, erweitert er diese zu einer bunt zusammengewürfelte Kommune. Als das basisdemokratisch geregelte Miteinander kaum begonnen hat, stolpert er in eine Affäre mit einer Studentin. Zunächst reagiert seine Ehefrau, eine bekannte Nachrichtensprecherin (vielseitig: Trine Dyrholm), erstaunlich verständnisvoll und schlägt sogar selbst vor, diese (ein Hauch Bardot: Helene Reingaard Neumann) mit in die Kommune aufzunehmen. Doch bald dramatisiert sich die Lage, ohne dass der Film an warmem Humor verlöre – einschließlich der wohl schönsten (!) Todes- und Beerdigungsszene des Festivals.

Kollektivet
Diverse
© Berlinale
Vinterbergs französischer Kollege Moll gelangt mit etwas anderen Mitteln zu einem vergleichbar erheiternden und stimmigen Ergebnis. Sein Des nouvelles de la planète Mars wählt die bitterböse Tour. Der Titel führt in die Irre: Kein Sequel von Gravity (den bloß die kurze Auftaktszene vage zu zitieren scheint) oder The Martian hat Moll fabriziert, sein Protagonist trägt vielmehr den Namen Mars. Philippe Mars (François Damiens) ist ein Geprügelter. Die Ex-Frau – wie ihr Counterpart in Kollektivet im TV der Diegese zu sehen – hält sich nicht an Abmachungen, die pubertierenden Kinder sehen ihn als nervigen Loser, der Arbeitskollege wirft ihm mit einem Hackebeil das halbe Ohr ab. Die üblichen Päckchen eben, die ein alleinerziehender Informatiker Ende 40 zu tragen hat.

Wie ein Fremdkörper auf dem eigenen Planeten muss sich dieser Monsieur Mars fühlen. Die filmischen 'Neuigkeiten' über seine in jedem Sinne eigene Welt sprühen nur so vor grotesken Situationen und krassem Zynismus: der 12-jährige Sohnemann wird von einer Klassenkameradin sexuell genötigt, der cholerische Ohrabschneider entflieht der Psychiatrie ausgerechnet in Philippes ohnehin von allerlei Getier bevölkerter Wohnung. Als sich im eigenen Esszimmer dann auch noch eine Kampfgruppe radikaler Fleischgegner formiert, ist das Chaos endgültig komplett. Eine gerade im Festivalalltag willkommen kurzweilige Tiefschwarzkomödie.

Ferner liefen... (Tag 4/5/6)

Wettbewerb: Chang Jiang Tu

Im Deutschen ist die Analogie zwischen der Bewegung von Wasser und der von Gedanken ohne Weiteres offensichtlich: beides fließt. Diese sprachliche Brücke von der Physik zur Metaphysik baut der formidable chinesische Wettbewerbsbeitrag Chang Jiang Tu (Crosscurrent) kinematografisch. Yang Chao fördert so etwas wie die hübschere und intelligentere Schwester von Konkurrentin Cartas da Guerra zutage. Aus der Heirat extrem attraktiver Bilder mit zitierten Weisheiten entsteht eine sogförmige audiovisuelle Collage, auf die es sich allerdings einzulassen gilt. Dem Flow der Poesie entspricht der Flusslauf des Jangtse, den ein Frachtschiffkapitän stromaufwärts befährt. Die Stationen seines Weges, seine flüchtigen Begegnungen mit einer jungen Schönheit sprengen Zeit und Raum, sie machen Chang Jiang Tu zu einer tranceartigen Meditation über das dahinfließende Wesen der Liebe.


Panorama Special: Maggie's Plan

Wie L'avenir in akademischen Kreisen einer westlichen Meteopole angesiedelt, erzählt Rebecca Miller in ihrer gediegenen RomCom von den Irrungen und Wirrungen der dreißigjährigen Maggie. Just als sie sich gerade selbst künstlich befruchten will (sic!), tritt ein unglücklich verheirateter Dozentenkollege und Möchtegern-Romanautor (adäquat überfordert: Ethan Hawke) in Maggies leicht chaotisches Leben. Flugs sind die beiden ein Paar und bekommen ein gemeinsames Kind. Doch dann entliebt sich Maggie und fasst einen neuen Plan: den Kindesvater wieder mit seiner Ex-Frau (mit herrlichem finnischen Akzent: Julianne Moore) zu verkuppeln. Viel von seiner humorvollen Luftigkeit verdankt Maggie's Plan Noah Baumbachs Muse Greta Gerwig, die in dieser exorbitant entzückenden Hauptrolle letzte verirrte Zweifler an ihrer Sahnehaubigkeit umstimmen sollte.


Berlinale Special: Miles Ahead

Ähnlich wie im vorletzten Jahr Get on Up verlegt sich auch Don Cheadle in seiner ersten Regiearbeit auf die Exzentrik eines legendären afroamerikanischen Musikers. Nach James Brown ist es nunmehr Jazz-Ikone Miles Davis, dem ein längst unerlässliches Film-Denkmal errichtet wird. Als Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller hat Cheadle diese Aufgabe fast im Alleingang bewältigt. Sein vielsagend betitelter Miles Ahead ist ein dynamisches Portrait, das die menschlichen Schattenseiten vor das leuchtende musikalische Genie Davis' stellt. Als sehr passend für diesen Zugang erweist sich der im besten Sinne sprunghafte Aufbau des Narrativs. Den Rahmen bildet eine zweitägige Tour de Force zum späten Comebackversuch des Meisters, auf der Davis ein idealistischer Reporter (Ewan McGregor) begleitet. Davon ausgehend konzentrieren sich die blitzartig ausgelösten Rückblenden - wie treffend hier einmal der englische Begriff Flashback! - auf die verkorkste erste Ehe des Trompeters und Komponisten mit Frances Taylor (Emayatzy Corinealdi). In seiner Gänze macht sich Miles Ahead sehr clever das jazzige Prinzip der Improvisation zunutze, mit der Schlussszene und dem Abspannsong gelingt zuletzt sogar eine stimmungsvolle Brücke zur musikalischen Gegenwart.

Im Bann des Spiels: Remainder (Panorama)

Passend zur digitalen Unterhaltung mit einer lieben Freundin über den, nun ja: lebenssituativen Status von Lieblingsfilmen (Hey Marion!), zeigt die Panorama-Programmsparte Remainder. Wie einfach lässt sich vorstellen, welch fundamentalen Eindruck dieser Film auf einen gewissen etwa 17- bis 19-Jährigen gehabt hätte, der gerade seine privat wie beruflich folgenschwere Filmleidenschaft entdeckt! Und vielleicht heute andernorts hat. Sicher: Remainder erfindet den Mindfuck Movie nicht und auch nicht neu. Wie der israelische Videoinstallationskünstler Omer Fast seine Charaktere marionettengleich durch eine verwinkelte filmische Reise führt, ist insofern "nur" atemberaubend.

Tom Sturridge spielt einen Mann, dem auf offener Straße etwas sehr Schweres (eine Drohne?) auf den Kopf fällt. Als ihn die Ärzte wieder halbwegs zusammengeflickt haben, ist er zwar weiter Teile seines mentalen Speichers beraubt, durch eine außergerichtliche Einigung aber um exakt achteinhalb (filmhistorische Anspielung?) Millionen Pfund reicher. Und wie sich das für ein plötzlich steinreichen Typen gehört, verdirbt es sogleich seinen Charakter. Um die Fetzen seiner Erinnerung sozusagen performativ zu rekreieren, stellt er eine Art 'Weddingplaner für alle Lebenslagen' ein, der seine Erinnerungen (Wahnvorstellungen? Visionen?) mit riesigem Aufwand und sklavenartigen Darsteller_innen zu einer makaberen Verwirklichung verhilft. Ein bisschen The Game mit offenen Karten also.

Angenehm kompromisslos und daher herausfordernd bastelt sich Remainder vor den Augen und Ohren des Publikums selbst zusammen. Oder sollte nicht besser von erzählerischer Demontage die Rede sein? Die Auflösung des Verwirrsspiels jedenfalls ist rund, vielleicht ein klitzekleines Quentchen zu rund (was ein Spoiler wäre, ließe er sich nicht erst nach Sichtung dechiffrieren). In seiner mementoesken Verspieltheit hat Fast fast schon einen nostalgischen Film gedreht, der an die Hochzeiten dieses schicken Subgenres erinnert. No cats were harmed during the making of this picture.

Tag 6: Selektionen

Die ersten – noch vergleichsweise zarten – Buhrufe bei einer Pressevorführung des diesjährigen Wettbewerbs. Sie gelten dem iranischen Regisseur Rafi Pitts und seinem neuen Werk Soy Nero und sind zumindest teilweise berechtigt. Aber der Reihe nach: Der Film beginnt als US-Mexiko-Grenzthriller, einem spätestens seit Traffic (2000) und Sicario (2015) im Mainstream etablierten Subgenre. Wie der junge Nero – mexikanischstämmig, in L.A. aufgewachsen, dann mit seiner Familie abgeschoben – die Grenze überquert und mit dem (vermeintlichen) Reichtum seines Bruders in Beverly Hills konfrontiert wird, inszeniert Pitts mit ruhiger Hand im Stile eines Roadmovies, aber auch zunehmend überoffensichtlich.

Weitaus problematischer dann die zweite Hälfte von Soy Nero, die sich als waschechter Kriegsfilm entpuppt. Geschenkt, dass es Pitts hier um die glasklar angebrachte Anprangerung stupider amerikanischer Militärmechanismen geht: den Einbürgerungswunsch verzweifelter Immigranten nämlich für Rekrutierungszwecke zu missbrauchen.
Unglücklicherweise gelingt es nicht, dies zu vermitteln, ohne gleichzeitig das Primat der allseitigen Terrorgewalt zu perpetuieren. Mindestens ebenso heikel sind die eigenen Rassismen, die sich in das Kriegsspektakel eingeschlichen haben. Damit ist nicht (nur) die lahme Reproduktion der sicher vorhandenen innermilitärischen Diskriminierungslinien gemeint. Schlimmer noch: Nachdem er den einzelnen Settings in den USA und Mexiko sehr detaillierte Einblendungen gestattet hat, entwurzelt, ja: degradiert Pitts den Kriegsschauplatz zum "No Man's Land" – will heißen: irgendwo im undurchschaubaren Territorium der nahöstlichen Barbaren. Wie es bislang dem US-Kriegskino vorbehalten war (etwa im kriegssinnstiftenden The Hurt Locker, den Soy Nero einmal – gewollt? – zitiert), werden die terroristischen Feinde auf ebensolche reduziert: gesichtslose "Hajis", deren willkürliche Ermordung am Checkpoint natürlich nachträglich finstere Absichten rechtfertigen. In der Kritik selektiver Grenzziehungen stecken also neuerliche, nicht minder schändliche.

Soy Nero
Johnny Ortiz
© Berlinale
Immerhin begibt sich die teils deutsche Produktion Soy Nero in riskante zeithistorische Gefilde. Im Vergleich dazu wählt Genius, Kinoerstling des britischen Theaterregisseurs Michael Grandage, ein harmloses Sujet. Dennoch stehen abermals Konflikte und Auswahlprozesse im Zentrum, hier jedoch reduziert auf einen kleineren Personenkreis. Im New York der (gerade noch) Goldenen Zwanziger landet ein monströses Manuskript auf dem Schreibtisch des Verlegers Max Perkins, den Colin Firth mit wohl absichtlicher Blässe verkörpert. Sofort erkennt er das Potenzial des Romans, für dessen Rundschliff Perkins rasch das geeignete Instrument parat hat: den Rotstift.

UmsLektorieren Redigieren dreht sich Genius demzufolge. Um den Schaffensprozess des Schreibens und Publizierens, um Aus- und Eingrenzungen,um Genie und Wahnsinn. Unbequeme Selektionen müssen beim Editieren von Texten getroffen werden – Entscheidungen, die nicht erst für Thomas Wolfe wie regelrechte Körperverletzung wirken.Nicht selten sind liebgewonnene Phrasen, ganze Sätze, mit hohem Einsatz geborene Abschnitte der insgesamten Stringenz, der Leserlichkeit, dem größeren Ganzen zu opfern.  Jude Law spielt den jungen Autor mit einer entfesselten Hingabe, die den Schmerz beim Abschied von jeder Silbe seiner Kreation sehr greifbar macht. Perkins/Firth und Wolfe/Law beim leidenschaftlichen Ringen um das(Achtung, Wortspiel:) wortwörtlich letzte Wort zuzuschauen, ist der große Gewinn dieses ansehnlich produzierten Period Piece. Schade bloß, dass die beiden Partnerinnen der männlichen Genies – und mit ihr deren Darstellerinnen Laura Linney und Nicole Kidman – kaum mehr als klagende Stafetten abgeben.Selbst wenn dies der "wahren Geschichte" entsprechen mag, hätte sich das in der filmischen Dramaturgie sicher anders lösen lassen. So bleibt Genius ein nur eindimensional sehenswerter Wettbewerbsbeitrag.

Mittwoch, 17. Februar 2016

Antikriegsfilm anders: Spike Lees multidiskursive Satire Chi-Raq (Wettbewerb/a.K.)

Oft in seiner nunmehr drei Jahrzehnte umfassenden Karriere ist Spike Lee eine androzentrische Agenda vorgehalten worden. Wer die über sechzig Regiearbeiten des Mannes aus "Da Republic of Brooklyn" (Lee) überblickt, kann nicht leugnen, dass deren Figurenkonstellationen überwiegend maskulin dominiert sind. Ebensowenig kann Lee allerdings ernstlich misogyn genannt werden: Von seinem Langfilmdebüt She's Gotta Have It (1986) über die Satire Girl 6 (1996) bis hin zu dem im diesjährigen Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigten Chi-Raq bevölkern durchaus auch starke Frauen das Œuvre Lees.

Der Film beginnt als minimalistisches Musikvideo: Rote Letter auf schwarzem Grund lassen den gerappten Text von Nick Cannon alias Demetrius Dupree alias Chi-raq mitlesen, der sich eindringlich über die Gewaltwelle in seiner Heimatstadt beklagt. Was sich seit einigen Jahren im Süden Chicagos abspielt, hat die verzweifelte Wortbildung motiviert, die freilich auf einer sehr einseitigen Assoziation mit dem Irak (englische Schreibweise: Iraq) beruht. Wie absurd diese Klagen ausgerechnet aus dem Mund eines der – in der filmischen Fiktion – verantwortlichen Missetäter sind, erfahren wir kurz darauf, als die ersten klassischen Spielfilmbilder, über fünf Minuten ist Chi-Raq hier bereits alt, den personifizierten Sumpf der Gewalt vorstellen. Der in jeder Hinsicht hitzige Dialog Duprees mit seiner Freundin Lysistrata (stark: Teyonah Parris) verläuft dagegen weiterhin unklassisch: In derbem Slang und Versmaß kommunizieren die Liebenden – diese rhythmische Asymmetrie wird der Film auch in den übrigen zwei Stunden seiner Rasanz weitgehend beibehalten.

Keineswegs zufällig ist Chi-Raq der erste abendfüllende Spielfilm der auf dem florierenden Serienmarkt längst umtriebigen Amazon Studios ("Transparent", "Mozart in the Jungle"). Ob er deshalb adäquat als "Musical" umschrieben ist, wie dies als Label für den Film im Internet flottiert, sei dahingestellt. Dramaturgisch noch näher ist Lees Werk der griechischen Komödie und nicht nur der Name der Protagonistin dem gleichnamigen Stück des Aristophanes' entnommen. Tatsächlich bietet Chi-raq ein zeithistorisch provokatives und erstaunlich getreues Update der "Lysistrata", vom einstimmigen Erzählerchor Samuel L. Jackson im Film selbst transnarrativ verknüpft.


Der Ausruf "Wake up!" ist eine der textuellen Konstanten im Schaffen Spike Lees. Die Aufforderung zum Aufwachen strukturierte etwa bereits School Daze (1988). Noch eher erinnern ebendiese eröffnenden Worte hier jedoch an den bahnbrechenden Do the Right Thing (1989), der ebenfalls mit einem lauten "Wake up!" beginnt – aufgerufen von (Radiomoderator) Samuel L. Jackson. Die immense Intensität ebendieses Films erreicht Lee mit Chi-Raq: Wieder werden diverse Ethnizitäts- und Macht-Diskurse komplex miteinander verschaltet, wieder stehen die – stilisierten – mikromartialischen Strukturen eines Stadtviertels für das gesellschaftliche Ganze. Neu ist indes, dass sich der kinematografische Weckruf nun auch auf die hegemoniale Männlichkeit nicht nur des Kriegerischen erstreckt. Ganz gemäß dem antiken Vorbild erklärt sich auch Lysistrata of Color zur Anführerin des feministischen Aufbegehrens und greift im Zuge dessen zum sexualpazifistischen Äußersten: Mit flächendeckendem Beischlafentzug sucht sie die Kampfhandlungen in der Hood zu beenden – "No peace, no pussy!"

Bei aller kolportierten Heteronormativität und Terror-Omnipräsenz ist das ein genderpolitisch und antikriegs(film)strategisch bedenkenswerter Entwurf. Gerade das Utopische der Lysistrata-Bewegung, die im Filmnarrativ bald zum globalen Phänomen avanciert, wird gleichzeitig in der fulminanten Ästhetik des Films anschaulich. Manchen in der Tat tanzmusikalisch choreografierten Einlagen und der schroffen Poesie der Dialoge steht die satt colorierte Optik von Chi-raq zur Seite, eingefangen in der akzentuierten Fotografie Matthew Libatiques. Zuletzt generiert sich das Satirische dieses mutigen Films aus der schauspielerischen Dynamik, zu der auch alte Bekannte wie Angela Bassett, Wesley Snipes, Irma P. Hall und John Cusack beitragen – Letzterer in Berlin zugegen und um kaum ein politisches Statement (gegen Trump, für Diversität) verlegen.

Nach Junction 48 ist Spike Lees Beitrag nun bereits der zweite dieses Festivals, der die ursprüngliche, die politische Verfasstheit des Hip-Hops als künstlerische Antwort auf Gewaltphänomene beschwört. Es darf mit den Köpfen genickt und dabei reflektiert werden – das ist eine publikumsperformative Zwischenbilanz dieser Berlinale.

Tag 5: Geschichtsoperationen

Bei der Berlinale 2013 ist Aus dem Leben eines Schrottsammlers des in Bosnien geborenen Boris Tanović' zurecht mit gleich zwei Silbernen Bären bedacht worden. Die hohe Intensität des damaligen Films hatte sich noch aus dessen eher naturalistischer Herstellung, aus den verwackelten Handkameraaufnahmen und dem authentisch wirkenden Spiel der Laiendarsteller gespeist. Mit seinem neuen Werk stellt Oscarpreisträger Tanović (No Man's Land) eindrucksvoll seine stilistische Wandlungsfähigkeit unter Beweis – und bleibt seiner überaus politischen Agenda dennoch treu.

Die Multicharakterstudie Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo) erinnert nicht nur durch die facettenreiche, clever verknüpfte Personenstruktur sehr an Robert Altman und den frühen Paul Thomas Anderson. Mit einer Steadicam im Cinemascope-Format folgt Tanović seinen Figuren durch ein Luxushotel inmitten der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina auf Schritt und Tritt. Erst nach und nach klärt sich auf, wie wer mit wem vernetzt ist, wie die Einzelschicksale miteinander zusammenhängen. Das Setting ist semi-fiktiv: Am 28. Juni 2014, exakt 100 Jahre nach den folgenschweren Schüssen auf Franz Ferdinand und Sophie also, bereiteten sich die Mitarbeiter des Hotels Europa (!) auf eine Gedenkveranstaltung vor. Während der Manager mit Sicherheitsvorkehrungen beschäftigt ist, planen seine Angestellten wegen ausbleibender Lohnzahlungen einen Warnstreik. Auf dem Dach des Hotels führt eine Fernsehreporterin gleichzeitig Interviews zum historischen Vermächtnis des Attentats – unter anderem mit einem gewissen Gavrilo Princip, einem direkten Nachkommen des gleichnamigen Todesschützen von 1914. Virtuos assembliert Tanović diese Perspektiven, während er die diskursive Schärfe seiner früheren Filme beibehält.

A Quiet Passion
Cynthia Nixon, Jennifer Ehle
Johan Voets © A Quiet Passion
Mit einer ähnlichen Anlehnung an erprobte Erzählformeln reist Terence Davies mit A Quiet Passion noch einige Jahrzehnte weiter zurück in die Vergangenheit (die bei Tanović freilich nur Bezugspunkte liefert). An die Ostküste Nordamerikas in den Jahren vor dem Civil War führt uns dieser Spielfilm, der in jeder Hinsicht ein Tick mehr ist als ein Kostüm-Biopic. Extrem löblich ist zuerst einmal der personelle Anlass und Fokus der Erzählung: die nicht alleine filmisch bisher sträflich vernachlässigte Dichterin Emily Dickinson.

Historisch hochspannend ist A Quiet Passion (Panorama Special) alleine deshalb, weil über das konkrete Leben Dickinsons wenig gesichert überliefert ist. Gerade zwei Fotografien der zurückgezogen lebenden Autorin gibt es; Davies lässt seinen Film mit der berühmten Daguerreotypie enden. Es ist das finale Stadium eines schönen Morphings, das die echte Emily aus ihren beiden Darstellerinnen entstehen lässt. Emma Bell portraitiert sie in jungen Jahren, Cynthia Nixon (die vielen als Miranda in "Sex and the City" bekannt sein dürfte) die meiste Zeit der doch etwas langen zwei Stunden Spielzeit. Insbesondere Nixon gestattet einen glaubhaften, vielschichtigen Einblick in die Frau, die die Urheberin dieser wunderbaren Poesie gewesen sein könnte.

Obschon jede filmische Biografie letztlich eine subjektive Interpretation ist, haben Davies und sein Team besonders große Leerstellen zu füllen. Erwartungsgemäß bedienen sie sich dabei ausgiebig der Sprache Dickinsons, ohne jedoch eine bloße Textcollage zu erstellen. Überraschend dagegen, mit welch frischem Witz sie die Dialoge versehen haben, in der sich Emily vor allem mit der Schwester (ansteckend heiter: Jennifer Ehle) und dem Vater (angebracht salbungsvoll: Keith Carradine) auseinandersetzt. Ohne die Schematik einer konkreten schriftlichen Vorlage scheint Davies sein hehres Ziel geringfügig übererfüllt zu haben. Auch eine Adaption hätte aber gewiss zu ähnlichen Kürzungswehwehchen führen können. So lassen sich das sehr schick anzuschauende Zusammenspiel der Akteur_innen und die ebenso lohnenswerte Ästehtik des Films eben etwas länger genießen. Das längst überfällige Kinoportrait der Emily Dickinson ist (film)geschichtlich ohnehin ein immenser Gewinn.

Dienstag, 16. Februar 2016

Ferner liefen... (Tag 1/2/3)

Forum: Trivisa

Das 1997 beginnende, auf 50 Jahre angelegte Übergangsstadium Hongkongs zwischen britischer Kronkolonie und tatsächlicher Eigenständigkeit – das schon Wong Kar-Wais gewaltiger 2046 zum Thema hatte – wählen drei junge kantonesische Regisseure als Folie ihres Forum-Beitrags. Wie drei frühere Obergangster mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen fertig werden, erzählt Trivisa verschachtelt und recht dynamisch, aber doch arg dialoglastig und sprunghaft – zumindest als mitternächtlicher Abschlussfilm eines langen Festivaltages. Der große Johnnie To, der die Filmemacher als Produzent unterstützt hat, hätte daraus vielleicht einen bildgewaltigeren Streifen fabriziert.


Wettbewerb (außer Konkurrenz): Mahana

Nach vielen Jahren in Hollywood drehte Regisseur Lee Tamahori (Die Another Day, 2002) in seiner neuseeländischen Heimat das Familiendrama Mahana, das auch thematisch so etwas wie die Fortsetzung seines Debütfilms ist. Bereits Once We Were Warriors (1994), nach dessen Erfolg Tamahori emigriert war, hatte sich der Situation der Māori in Neuseeland auf familiärer Ebene genähert. Unmittelbar daran an schließt in Mahana nun vor allem die Figur des gewalttätigen Patriarchen, die erneut von Temuera Robinson gespielt wird. Indem er nun in den Blickwinkel eines aufmüpfigen 14-jährigen Enkels (Akuhata Keefe) schlüpft, setzt Tamahori abermals durchaus zur Demontage rückwärtsgewandter Verhältnisse an. Die bereits 1994 laut gewordenen Bedenken einiger Māori, ihre Kultur werde durch den fiktionalfilmischen Fokus auf ihre destruktiven Aspekte gefährlich reduziert, werden sich auch durch Tamahoris neuen, auffallend konventionell gedrehten Film nicht zerstreuen lassen.



Panorama: When the Women Are Sleeping

Vor Beginn der Premiere seines neuen Films zitiert der in Hongkong geborene Regisseur Wayne Wang Kollege Hitchcock: Dem berühmten Diktum des Suspense-Paten gemäß solle das Publikum auch When the Women Are Sleeping bitteschön als Komödie lesen – und lacht daraufhin selbst. Von ein paar netten Sarkasmen abgesehen, fällt das in der Tat schwer. Der charismatische Hidetoshi Nishijima, auf der Berlinale bereits mit Creepy vertreten, verkörpert einen jungen Romancier, den es mit seiner Frau (Sayuri Omayada) in ein Ferienhotel an der japanischen Küste verschlagen hat. Bald obsessiv widmet sich der Autor einem seltsamen Gastpärchen: Der erheblich ältere Mann – den kein geringerer als Takeshi "Beat" Kitano unvergleichlich stoisch gibt (und die Berlinale per Videobotschaft grüßte; s.o.) – filmt die junge Frau (Shioli Kutsuna) nachts beim Schlafen. Entgegen Wangs zusätzlicher Vorbemerkung ist sein sorgsam konstruierter, kühl spannender Thriller keineswegs überkomplex; als sich das Verwirrspiel um Voyeurismus, Leidenschaft und Gewalt seinem Höhepunkt nähert, ist ein Hauch Hitchcock indes tatsächlich spürbar.

Tag 4: Gender Trouble

Die unsägliche zweisprachige Untertitelung nicht englisch- oder deutschsprachiger Wettbewerbsbeiträge ist kein Novum. Da sich diese babylonische Irrfahrt auf der Berlinale offenbar nunmehr etabliert hat, kann nicht auf genug darauf hingewiesen werden. Der portugiesische Wettbewerbsfilm Cartas da guerra (Letters from War) hebt nun eine weitere Dimension der Unsinnigkeit dieser Praxis hervor. Dass nämlich die englischen Übersetzungen in weißer und der deutsche Text darunter in gelber Farbe gehalten ist, wird bei einem Schwarzweißfilm zu einem ganz besonders großen Ärgernis. Rigoros überschreibt das leuchtende Gelb die monochrom gefilmten Bilder und hebelt damit den wohl wesentlichsten Aspekt der Ästhetik sauber aus.

Sich selbst zuzuschreiben hat Regisseur Ivo Ferreira bloß, dass diese optische Verfälschung beinahe ohne Unterlass stattfindet. In einem unentwegten Wortfluss begleitet der titelgebende Schriftverkehr zwischen einem Militärarzt und seiner schwangeren Ehefrau im angolanischen Unabhängigkeitskrieg der frühen 1970er die nett fotografierten Bilder. An sich ist dieses Vorlesen ziemlich unkreativ, repetitiv und monoton. Immerhin birgt es den leider einzig spannenden Moment von Cartas da guerra: Als gar nicht so subtile Verwirrung geschlechtlicher Hegemonialkonstruktion werden seine Briefe von einer weiblich konnotierten, ihre hingegen von einer offenbar männlichen Stimme gesprochen.

"Das Unbehagen der Geschlechter" (so der Titel von Judith Butlers einflussreichem Buch von 1990, das im Original "Gender Trouble" heißt) ist auch ein latentes Thema des ersten und einzigen primär deutschen Films im Wettbewerb 2016. Zwar steht in 24 Wochen die quälende Frage im Vordergrund, ob eine pränatal festgestellte Trisomie 21 ein Grund für eine Abtreibung ist oder nicht. Noch vor der folgenschweren Diagnose kommt hier die Frage der Geschlechtszuschreibung des Fötus ins Spiel, wobei die fünfjährige Tochter der Eltern deren binäres Denken – ganz nebenbei – wunderhübsch mit ihrem Wunsch nach einem "Mädchen-Junge" durcheinander bringt.

24 Wochen
Julia Jentsch
© Friede Clausz

Als der erschütternd ehrlich umgesetzte Plot durch eine weitere Hiobsbotschaft nochmals an Dramatik zunimmt, schwingen Genderimplikationen neuerlich mit. Sind sich Kindesmutter (erwartet toll: Julia Jentsch) und Kindesvater (überraschend toll und allein namentlich hier goldrichtig: Bjarne Mädel) anfangs noch einig, auch ein beeinträchtigtes Kind in die Welt lassen zu wollen, verkompliziert sich mit der medizinischen zusehends auch die partnerschaftliche Lage. Qua ihrer zumeist nüchternen Stilistik – unterbrochen nur durch eher esoterische Flüge durch den Mutterlaib – steuert die Erzählung unaufhaltsam auf eine weitere essenzielle Rollenfrage zu, ob nämlich dem austragenden Elternteil die letzte Entscheidung über Fortgang oder Abbruch der Schwangerschaft zusteht. In ihrer Antwort hierauf und überhaupt mit ihrer Verfilmung eigener Erfahrungen traut sich Anne Zohra Berrached mit dem Abschlussfilm ihres Regiestudiums einiges. Ein erst sprachlos und dann umso redseliger machendes Drama.

Und auch das dritte Tagesangebot der Hauptsparte mischt in der Genderthematik auf gute Weise mit. Mit Quand on a 17 ans (Being 17) verschiebt sich das Schlaglicht hier von der geschlechtlichen zur vor allem sexuellen Differenz. Nachdem die Klassenkameraden Damien und Thomas in der Schule mehr als einmal heftig aneinander geraten sind, leben die Kontrahenten urplötzlich unter einem Dach. Damiens Mutter, die am Fuße der südwestfranzösischen Berge als Ärztin praktiziert, nimmt Thomas auf, nachdem dessen Adoptivmutter spät noch einmal schwanger geworden ist (auch dies also eine Konstante aller drei Wettbewerbsfilme an Tag 4). Als wäre diese Konstellation nicht bereits kompliziert genug, fühlt sich Damien zu Thomas immer deutlicher hingezogen. Doch wird dieser die Gefühle erwidern? Wenngleich er sich einen weiteren Handlungsstrang (den Kriegseinsatz von Damiens Vater) besser hätte verkneifen können, erzählt Berlinale-Wiederholungstäter André Téchiné sehr einfühlsam und überzeugend vom konfliktbeladenen Erwachen einer homosexuellen Liebe. Troublesome ist das Abweichen von der lieben Heteronormativität hier natürlich wieder einmal, immerhin ist damit ein weiterer kleiner Schritt des Gender Mainstreaming getan.

Montag, 15. Februar 2016

Der maritime Brandherd, oder: Eine Unterwasserfackel für die Menschlichkeit – Fuocoammare (Wettbewerb)

Der frühe Konsensfavorit für den Goldenen Bären kommt aus Italien und heißt Fuocoammare (Fire at Sea). Um ehrlich zu sein, ließ sich dies bereits mit Blick auf eine grobe Inhaltsangabe vermuten: Als einziger Beitrag, der sich direkt der weiterhin traurig aktuellen "Flüchtling"s"krise" annimmt, war dem Film von Gianfranco Rosi große Aufmerksamkeit garantiert. Aber kein Grund zu falschen Sympathiebekundungen: Der unvermeidliche Statementfilm des Jahrgangs erfüllt die Wünsche, die man an ihn richten musste, vortrefflich.

Anderseits: Wunscherfüllung mag paradox klingen, wenn damit wohl in erster Linie eine schonungslose Aufarbeitung unvorstellbaren menschlichen Leids gemeint ist. Das spart Rosi nicht aus, sondern gibt ihm würdige, beizeiten sehr schwer erträgliche Bilder. Die Kommentarlosigkeit, mit der er Wehklagende, Sterbende und Tote zeigt, ist couragiert und verfehlt ihre natürlich dennoch wohlbedachte Wirkung nicht. In Beiläufigem, der Omnipräsenz der Rettungsdecken etwa, ihrem Glitzern und Knistern, findet der Filmemacher wiederum schaurige Schönheiten. Das alleine würde Fuocoammare aber nicht zu dem Meisterstück machen, das es ist. Dazu verhilft dem Film die parallel geschaltete Beobachtung einiger Bewohner von Lampedusa, dessen Name möglicherweise auf das altgriechische Wort für Fackel zurückgeht.

Ein weiteres Verdienst von Rosi ist es folglich, nicht nur den Flüchtenden, sondern auch dieser viel zitieren topografischen Chiffre Gesichter zu geben. Lampedusa, inmitten des Mittelmeers zwischen Sizilien und Tunesien gelegen, wird hier vertreten durch stille Helden, wie vor allem den örtlichen Arzt, aber auch durch noch 'gewöhnlichere' Menschen. So bewegen etwa die detailversessenen Rituale einer Witwe zu Tränen der Rührung, während der zwölfjährige Samuele eher Tränen der Freude in die Augenwinkel treibt. Der Freude? Ja, denn Rosi hat die effektivste Entwaffnung der Unmenschlichkeit gefunden: einen vom Schlechten dieser Welt noch kaum kompromittierten seiner Bewohner.

In Fuocoammare geben sich grauenhafte Wahrheiten und wahrhaftige Alltäglichkeiten die Klinke in die Hand. Wie Samuele eine Wurfschleuder baut, wie er seine Portion Pasta Frutti di Mare in sich hineinschlürft, wie er vor dem Arzt neunmalklug Haltung bewahrt, das ist auf denkbar simple Art urkomisch. Der erheiterndste Moment nicht nur dieses Films bleibt allerdings das Kakteenmassaker samt floralen Verarztungsmaßnahmen, das Samuele mit seinem Kumpel einmal veranstaltet. Subtil deutet sich hier eine Schnittmenge der beiden scheinbar so gegensätzlichen Dimensionen dieses als Dokumentation arg vereinfacht beschriebenen Films an. Erst in der letzen Einstellung wird sie als Grundübel der weltweiten Tragödie im kindlichen Spiel plötzlich erschreckend klar.

Aus den Ruinen: Das mitreißende Hip-Hop-Phantasma Junction 48 (Panorama)

"Manche nennen es Lod, manche Lyd, manche nennen es Lydda." Mit diesen (im Original arabischen) Worten stellt Kareem uns seine Heimatstadt vor, einen von Gott, Allah, JHWH und allen übrigen Projektionen des Unerklärlichen verlassener Ort im Zentralbezirk Israels. 70.000 Einwohner hat das verarmte Lod, etwa 20% davon Muslim_innen. Beim Palästinakrieg 1948 war die bis dato mehrheitlich arabische Bevölkerung vertrieben worden, nach Jordanien oder in den Gazastreifen etwa. Nur wenige von ihnen sind seither zurückgekehrt.

"Manche nennen es Lod, manche Lyd, manche nennen es Lydda." Diese Worte spricht Kareem nicht einfach, er rappt sie. Große Kopfhörer auf den Ohren, die ihn scheinbar von seiner Umwelt abschirmen, artikuliert er sie zu einem pumpenden Beat, der kurz darauf die gesamte Tonspur von Junction 48 erfüllt. "Nächster Halt: Lod": Kareem steigt aus einem Zug und trifft seine Kumpels. Aus einer schäbigen Bauruine heraus dealen sie. Ein alter Mann nähert sich der Verkaufsluke und hält ein paar Geldscheine hin. Als eine Hand ein Pulverbeutelchen entgegnet, schnappt er diese, ritzt sie mit einem plötzlich gezückten Messer an und produziert ebenso plötzlich eine Polizeimarke. Dutzende seiner Kollegen eilen dazu. Jetzt muss es für Kareem und seine Jungs schnell gehen. Der Eröffnungstrack ist zurück: "Burn it, George", heißt nun laut Refrain die Devise. Den Stoff verbrennen und dann nichts wie davon. Als die meisten der Verdächtigen von den Polizisten eingefangen und aufgereiht sind, strecken sie die Hände von sich wie in einer Tanzchoreografie: Sie alle haben sich die Handinnenflächen angeschnitten.


Junction 48 ist ein lauter Film – das ist ganz und gar als Kompliment gemeint. Er schreit die Verbitterung über die Zustände in den besetzten Gebieten nur so aus sich heraus. Und er ist darin alles andere als plakativ oder gar einseitig. Das ist in allererster Linie dem Skript von Oren Moverman (der mit The Messenger den knapp zweitbesten Heimkehrerfilm der "War in Terror"-Ära verantwortet hat) und Tamer Nafar zu verdanken. Dazu zu zählen sind auch die unwiderstehlichen Raptexte, die ebenfalls zu großen Teilen aus der Feder Nafars stammen, der außerdem Hauptdarsteller (in der Rolle des Kareem) ist. Der zweisprachige Hip-Hop ist es, der hier als insistierendes Sprachrohr der Unterdrückten fungiert. In der vielleicht stärksten Sequenz wird er wortwörtlich aus den Ruinen eines zwangsgeräumten und -abgerissenen Hauses performt.

Junction 48 ist nach einer Kreuzung benannt und gemeint ist damit natürlich noch viel eher das Aufeinandertreffen des Jüdischen und des Arabischen. Natürlich: Was dieser Film dem jahrzehntelangen Wahnsinn entgegenstellt, ist angesichts der auch heutigen Alltagstatsachen ein Phantasma. Aber es ist eines, das dafür die ganze Kraft des Kinos mobilisiert. Das diese Kraft mit derjenigen politischer Musik eint und daraus etwas Bewundernswertes, Mitreißendes formt. Etwas, dem bei der Filmpremiere im Zoopalast mit zumindest vereinzelten stehenden Ovationen (yours truly included) Respekt gezollt worden ist. Wer dieses Phantasma nur müde belächelt, hat aufgegeben.

Tag 3: Zeigen und Auslassen

Den internationalen Durchbruch erreichte der amerikanische Filmemacher Jeff Nichols einst im Forum der Berlinale. Seine autobiografisch gefärbten Shotgun Stories mischten 2007 das Forum auf und katapultieren den damals erst 29-Jährigen schlagartig auf so manche Watchlist. Auch in den seither folgenden Werken konnte Nichols mit seiner Handschrift überzeugen, die stets auf besonders intensives Filmerleben ausgerichtet scheint. Zum vielfach ausgezeichneten Zweitling Take Shelter nahm er Schauspieler Michael Shannon mit, der nun auch im diesjährigem Competition Entry Midnight Special brilliert.

Shannon gibt einen Vater, der seinen eigenen Sohn (Jaeden Lieberher), so berichten dies die Nachrichten wenigstens anfangs, entführt habe. Dass er den Jungen allerdings einer Sekte entrissen hat, wirft ein ganz anderes Licht auf die Story dieses Films, der als Roadmovie beginnt. Und dass das Glaubenssystem der religiösen Fanatiker sich auf Zahlen stützt, die ebendieser Achtjährige bei heftigen Anfällen von sich gegeben hat. Warum er tagsüber eine Schwimmbrille tragen muss. Und vor allem, weshalb Vater, Sohn und ein Helfer (Joel Edgerton) sich schwer bewaffnet allerlei Jägern entledigen müssen.

Als der Augenschutz des Jungen zum ersten Mal abgenommen wird, gibt sich Midnight Special durch eine grelle Lasershow nunmehr als Science-Fiction-Thriller zu erkennen. Auch wenn hier thematisch mehrere Fluchtlinien aus Nichols' früheren Werken konvergieren, ist dies dennoch ein inszenatorischer Paradigmenwechsel: Bestand die Stärke des Regisseurs zuvor gerade in seinem Verzicht auf Computergeneriertes, bilden die bläulich strahlenden Augen des Kindes hier erst den Auftakt unwirklicher Effekte. Statt zu verbergen, zeigt Nichols jetzt, stellt das Übernatürliche bildlich aus. Das ist ein Risiko, das dank des sensationellen Casts – zudem Kirsten Dunst als nicht nur körperlich starke Mutter und Adam "Kylo Ren" Driver in einer entzückend nerdigen Rolle – und der weiterhin immensen erzählerischen Dichte gerade noch aufgeht. Die Frage, ob der Film durch das Weglassen gewisser Offensichtlichkeiten nicht zusätzlich gewonnen hätte, bleibt dennoch im Raum.

L'avenir
Isabelle Huppert
© Berlinale
Filme über Philosophie erfreuen den Geisteswissenschaftler. Aber erfreuen sie auch den Kritiker? Gar das Publikum? Intellektueller Humor grenzt oftmals aus, weil er spezifisches Wissen voraussetzt. Und ebendas entgeht auch denjenigen nicht, die lapidar fallende Namen, Titel und Diskursbegriffe nicht zuordnen können. Das mag im vollbesetzten Kino mit einem strategischen Kichern kompensiert werden, dürfte in Wahrheit aber einen umso frustrierenderen Effekt haben. Dieser Problemstellung wird sich auch L'avenir spätestens ausgesetzt sehen, sobald der Wettbewerbsbeitrag auf gemeine Menschen jenseits des natürlich höchstgebildeten hiesigen Presse- und Premierenpublikums treffen wird.

Ganz wundervoll, so unaufdringlich nuanciert und daher bereits heuer preisverdächtig spielt Isabelle Huppert darin eine Pariser Philosophielehrerin. Und folglich spart Mia Hansen-Løves Drehbuch nun wirklich nicht mit Namen, Titeln und Diskursbegriffen des von ihr unter die Schülerschaft zu verteilenden Gedankenguts. Wie leichtfüßig-gekonnt die junge dänische Regisseurin ihre eigenen Zeilen filmisch umsetzt, ist in jedem Fall eine helle Freude. Der zunächst sehr schroffe Umgang der Protagonistin mit einer Katze etwa entfaltet sich allmählich vom komödiantischen Motiv zum emotionalen Barometer. Hansen-Løves ganz der Gegenwart verhafteter L'avenir-Entwurf gehört zu jener Sorte Erzählungen, die dafür bewundert werden sollten, was sie eben nicht ausbuchstabieren.

Sonntag, 14. Februar 2016

Tag 2: Von magischen Substanzen und sprechenden Titeln

Ein vollständiger Satz als Filmtitel – eine Aussage, die Fragen aufwirft: A Magical Substance Flows into Me. Welch wunderliche Substanz mag es wohl sein, die hier filmisch verabreicht werden soll? Wer die erste Person Singular? Eine Filmfigur, ein_e Erzähler_in, das jeweils zuschauende Ich? Schnell stellt sich heraus, das ein bisschen von all dem zutrifft. Zu Beginn ihres Dokumentarfilms über die Musik Palästinas setzt sich Jumana Mana selbst in Szene. Doch das bleibt, zum Glück, kein Moore'scher Duktus, sondern dient eher der Einführung des durchaus eigenen Erzählprinzips. Die Situation des Interviewens zum Gegenstand der Narration zu machen, gehört zu den stärksten und kuriosesten Szenen des Films.

Und natürlich mit großer Leidenschaft vorgetragene Musik aus allen Winkeln des umkämpften Gebietes. Auch das Setting der Performances, die jeweils durch etwas monotone historische Erklärungen Manas eingeleitet werden, ist bewusst naturalistisch gehalten: im Büro, beim Kochen, in einer Hausruine. Just als es am schönsten ist, als die finale musikalische Einlage durch einen greisen Spontantänzer ihren Höhepunkt erreicht, endet dieser ungewöhnliche und ungewöhnlich schöne Film. Es ist der richtige Moment. Denn da ist sie tatsächlich auf den Zuschauer übergegangen, die Materie des Zauberhaften.

Boris sans Béatrice
James Hyndman
© Metafilms

Nach dem Einflößen weiterer essenzieller Substanzen fester (magischer Anteil: vermutlich Glutamat) wie flüssiger Art (magischer Anteil: definitiv Koffein) der erste Wettbewerbsbeitrag des 2016er Jahrgangs. Auch Boris sans Béatrice ist von der seltsamen Sorte – das Problem nur: er will ebendas unbedingt sein. Der Beginn ist vielversprechend, ein Mann auf einer Wiese, umweht von den Druckwellen eines Helikopters. Dass James Hyndman den Protagonisten in der Folge zwar als ziemlichen Snob und Serienfremdgänger, aber vor lauter Egozentrik doch wieder bemitleidenswerten Mann spielt, geht im Sinne angebrachter Unbequemlichkeit noch durch. Nach einer Weile verliert die Selbstfindung dieses Hypokrits aber doch ihren Reiz. Man* möchte lieber mehr über die wirklichen, die weiblichen Leidtragenden erfahren: die depressive Ehefrau, die ihrerseits zunehmend verzweifelte Geliebte, die junge Pflegerin, die Boris als nächste zu verfallen droht, die entfremdete Tochter.

Abermals hilft der Blick auf den Titel, der die erzählerische Konstellation und Konzentration bereits unmissverständlich vorgibt. Was er nicht verrät, ist das stetig steigende Bemühen des kanadischen Regisseurs Denis Côté, die Geschichte ins Mysteriöse zu steuern. Mit der Besetzung des großartigen Denis Lavant als strippenziehendem Moralapostel bemüßigt sich Côté überdeutlich eines Archetypus à la Lynch, für ein nett-dissonantes Thema der Filmmusik gilt Ähnliches. Doch das bleiben unausgereizte Ansätze und Boris sans Béatrice somit nur ein solides Schnöselportrait.

Creepy
Teruyuki Kagawa, Hidetoshi Nishijima
© 2016 "CREEPY" FILM PARTNERS

Affektiv und intellektuell wirksamer ist dagegen das neue Werk des Japaners Kiyoshi Kurosawa. Und obgleich aus nur einem Wort bestehend, spricht dieser Filmtitel umso lauter: Überaus Creepy ist der neue Nachbar (Teruyuki Kagawa) eines früheren Detectives/jetzigen Uni-Dozenten (Hidetoshi Nishijima) und seiner Frau (Yûko Takeuchi) nämlich in der Tat. So unheimlich sogar, dass der erfahrene Ermittler die Ad-hoc-Diagnose "Psychopath" zunächst als zu offensichtlich abtut: Serienkiller machten auf ihre Umgebung stets einen vollkommen normalen Eindruck, habe ihn die Erfahrung gelehrt.

Wie zumeist arbeitet Kurosawa lange mit allzu bekannten dramaturgischen Topoi des Creepy-Neighbor-Zyklus – verdächtige Blicke, merkwürdige Zufälle, entführte Hunde, quietschende Streicher etc. –, um schließlich doch mit tiefen Abgründen zu überraschen. Kurîpî ist über weite Strecken pures Genrekino und kippt in seinem letzten, extrem beängstigenden Abschnitt in einen eben nicht mehr handelsüblich kompromisslosen Thriller. Das hat wenig Magisches, aber eine Menge Substanz.

Freitag, 12. Februar 2016

Tag 1: The Film That Wasn't There

Doch, anlässlich ihres die diesjährige Berlinale eröffnenden Films Hail, Caesar! hätten sich die notorisch reservierten Gebrüder Coen (The Man Who Wasn't There, 2001) zumindest teilweise in Berlin blicken lassen. Ihr neustes Werk sei am Donnerstagabend im restlos besetzten Berlinale Palast [ein 2016 erstes und letztes Mal: sic!] gezeigt worden. Das fast ausnahmslos prominente Premierenpublikum – ein nicht nur angesichts des reichhaltigen Angebots alkoholischer Freigetränke traditionell ungeeigneter Gradmesser – habe einzelnen Szenen applaudiert.

So ist es wenigstens überliefert. Wer als Pressevertreter erst am zweiten offiziellen Festivaltag anreist, kann sich kaum darüber beklagen, diese anfänglichen Entwicklungen des 66. Jahrgangs nicht persönlich verifiziert haben zu können. Dass der Eröffnungsfilm allerdings an Festivaltag 2 um 11 Uhr vormittags ein allerletztes Mal vorgeführt wird, muss doch ein wenig unglücklich genannt werden. Das mag aber auch der allgemeinen Verfügbarkeit von Hail, Caesar! für die bundesweiten Kinogänger_innen bereits in einer Woche geschuldet sein.

Die Satire der Coen Brothers bildet insofern den festivalsubjektiven Auftakt jenes Massenschicksals, dem auch in diesem Jahr wieder die meisten der über 400 in den kommenden Tagen vorgestellten Filme anheimfallen werden: nicht gesehen zu werden. Immerhin bleibt Hail, Caesar! der noch unschönere Status als enigmatischer Privat-Quälgeist erspart. Er wird nicht zu jenem illustren Grüppchen schier verhexter Titel gehören, die in den konjunktivischen Phasen der individuellen Programmplanung wieder und wieder auftauchen, bei Doppelbelegungen kostbarer time slots stets den Kürzeren ziehen – um schließlich in den flüchtigen Nebel eines alternativen Festivalverlaufs zu entschwinden.

Mittwoch, 10. Februar 2016

Berlinale 2016

Diesen Freitag – am 12. Februar 2016 – startet hier unsere tägliche Berichterstattung von den 66. Internationalen Filmfestspielen Berlin. Radio X hält Euch in diesem Jahr wieder über die Berlinale auf dem Laufenden!

Am 18. Februar ab 19 Uhr berichten wir im Rahmen unseres Kinomagazins Xinemascope live aus Berlin. In den folgenden Wochen bieten wir dann ausführliche Rückblicke unserer Redakteure Pavao, Gregor und Tullio aus unserem Frankfurter Studio. Xinemascope wird jeden Donnerstag um 19 Uhr live ausgestrahlt, jeweils freitagsmorgens um 9 Uhr könnt Ihr uns in der Wiederholung hören. Radio X ist weltweit über http://www.radiox.de zu empfangen!