Mittwoch, 17. Februar 2016

Antikriegsfilm anders: Spike Lees multidiskursive Satire Chi-Raq (Wettbewerb/a.K.)

Oft in seiner nunmehr drei Jahrzehnte umfassenden Karriere ist Spike Lee eine androzentrische Agenda vorgehalten worden. Wer die über sechzig Regiearbeiten des Mannes aus "Da Republic of Brooklyn" (Lee) überblickt, kann nicht leugnen, dass deren Figurenkonstellationen überwiegend maskulin dominiert sind. Ebensowenig kann Lee allerdings ernstlich misogyn genannt werden: Von seinem Langfilmdebüt She's Gotta Have It (1986) über die Satire Girl 6 (1996) bis hin zu dem im diesjährigen Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigten Chi-Raq bevölkern durchaus auch starke Frauen das Œuvre Lees.

Der Film beginnt als minimalistisches Musikvideo: Rote Letter auf schwarzem Grund lassen den gerappten Text von Nick Cannon alias Demetrius Dupree alias Chi-raq mitlesen, der sich eindringlich über die Gewaltwelle in seiner Heimatstadt beklagt. Was sich seit einigen Jahren im Süden Chicagos abspielt, hat die verzweifelte Wortbildung motiviert, die freilich auf einer sehr einseitigen Assoziation mit dem Irak (englische Schreibweise: Iraq) beruht. Wie absurd diese Klagen ausgerechnet aus dem Mund eines der – in der filmischen Fiktion – verantwortlichen Missetäter sind, erfahren wir kurz darauf, als die ersten klassischen Spielfilmbilder, über fünf Minuten ist Chi-Raq hier bereits alt, den personifizierten Sumpf der Gewalt vorstellen. Der in jeder Hinsicht hitzige Dialog Duprees mit seiner Freundin Lysistrata (stark: Teyonah Parris) verläuft dagegen weiterhin unklassisch: In derbem Slang und Versmaß kommunizieren die Liebenden – diese rhythmische Asymmetrie wird der Film auch in den übrigen zwei Stunden seiner Rasanz weitgehend beibehalten.

Keineswegs zufällig ist Chi-Raq der erste abendfüllende Spielfilm der auf dem florierenden Serienmarkt längst umtriebigen Amazon Studios ("Transparent", "Mozart in the Jungle"). Ob er deshalb adäquat als "Musical" umschrieben ist, wie dies als Label für den Film im Internet flottiert, sei dahingestellt. Dramaturgisch noch näher ist Lees Werk der griechischen Komödie und nicht nur der Name der Protagonistin dem gleichnamigen Stück des Aristophanes' entnommen. Tatsächlich bietet Chi-raq ein zeithistorisch provokatives und erstaunlich getreues Update der "Lysistrata", vom einstimmigen Erzählerchor Samuel L. Jackson im Film selbst transnarrativ verknüpft.


Der Ausruf "Wake up!" ist eine der textuellen Konstanten im Schaffen Spike Lees. Die Aufforderung zum Aufwachen strukturierte etwa bereits School Daze (1988). Noch eher erinnern ebendiese eröffnenden Worte hier jedoch an den bahnbrechenden Do the Right Thing (1989), der ebenfalls mit einem lauten "Wake up!" beginnt – aufgerufen von (Radiomoderator) Samuel L. Jackson. Die immense Intensität ebendieses Films erreicht Lee mit Chi-Raq: Wieder werden diverse Ethnizitäts- und Macht-Diskurse komplex miteinander verschaltet, wieder stehen die – stilisierten – mikromartialischen Strukturen eines Stadtviertels für das gesellschaftliche Ganze. Neu ist indes, dass sich der kinematografische Weckruf nun auch auf die hegemoniale Männlichkeit nicht nur des Kriegerischen erstreckt. Ganz gemäß dem antiken Vorbild erklärt sich auch Lysistrata of Color zur Anführerin des feministischen Aufbegehrens und greift im Zuge dessen zum sexualpazifistischen Äußersten: Mit flächendeckendem Beischlafentzug sucht sie die Kampfhandlungen in der Hood zu beenden – "No peace, no pussy!"

Bei aller kolportierten Heteronormativität und Terror-Omnipräsenz ist das ein genderpolitisch und antikriegs(film)strategisch bedenkenswerter Entwurf. Gerade das Utopische der Lysistrata-Bewegung, die im Filmnarrativ bald zum globalen Phänomen avanciert, wird gleichzeitig in der fulminanten Ästhetik des Films anschaulich. Manchen in der Tat tanzmusikalisch choreografierten Einlagen und der schroffen Poesie der Dialoge steht die satt colorierte Optik von Chi-raq zur Seite, eingefangen in der akzentuierten Fotografie Matthew Libatiques. Zuletzt generiert sich das Satirische dieses mutigen Films aus der schauspielerischen Dynamik, zu der auch alte Bekannte wie Angela Bassett, Wesley Snipes, Irma P. Hall und John Cusack beitragen – Letzterer in Berlin zugegen und um kaum ein politisches Statement (gegen Trump, für Diversität) verlegen.

Nach Junction 48 ist Spike Lees Beitrag nun bereits der zweite dieses Festivals, der die ursprüngliche, die politische Verfasstheit des Hip-Hops als künstlerische Antwort auf Gewaltphänomene beschwört. Es darf mit den Köpfen genickt und dabei reflektiert werden – das ist eine publikumsperformative Zwischenbilanz dieser Berlinale.

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