Montag, 15. Februar 2016

Aus den Ruinen: Das mitreißende Hip-Hop-Phantasma Junction 48 (Panorama)

"Manche nennen es Lod, manche Lyd, manche nennen es Lydda." Mit diesen (im Original arabischen) Worten stellt Kareem uns seine Heimatstadt vor, einen von Gott, Allah, JHWH und allen übrigen Projektionen des Unerklärlichen verlassener Ort im Zentralbezirk Israels. 70.000 Einwohner hat das verarmte Lod, etwa 20% davon Muslim_innen. Beim Palästinakrieg 1948 war die bis dato mehrheitlich arabische Bevölkerung vertrieben worden, nach Jordanien oder in den Gazastreifen etwa. Nur wenige von ihnen sind seither zurückgekehrt.

"Manche nennen es Lod, manche Lyd, manche nennen es Lydda." Diese Worte spricht Kareem nicht einfach, er rappt sie. Große Kopfhörer auf den Ohren, die ihn scheinbar von seiner Umwelt abschirmen, artikuliert er sie zu einem pumpenden Beat, der kurz darauf die gesamte Tonspur von Junction 48 erfüllt. "Nächster Halt: Lod": Kareem steigt aus einem Zug und trifft seine Kumpels. Aus einer schäbigen Bauruine heraus dealen sie. Ein alter Mann nähert sich der Verkaufsluke und hält ein paar Geldscheine hin. Als eine Hand ein Pulverbeutelchen entgegnet, schnappt er diese, ritzt sie mit einem plötzlich gezückten Messer an und produziert ebenso plötzlich eine Polizeimarke. Dutzende seiner Kollegen eilen dazu. Jetzt muss es für Kareem und seine Jungs schnell gehen. Der Eröffnungstrack ist zurück: "Burn it, George", heißt nun laut Refrain die Devise. Den Stoff verbrennen und dann nichts wie davon. Als die meisten der Verdächtigen von den Polizisten eingefangen und aufgereiht sind, strecken sie die Hände von sich wie in einer Tanzchoreografie: Sie alle haben sich die Handinnenflächen angeschnitten.


Junction 48 ist ein lauter Film – das ist ganz und gar als Kompliment gemeint. Er schreit die Verbitterung über die Zustände in den besetzten Gebieten nur so aus sich heraus. Und er ist darin alles andere als plakativ oder gar einseitig. Das ist in allererster Linie dem Skript von Oren Moverman (der mit The Messenger den knapp zweitbesten Heimkehrerfilm der "War in Terror"-Ära verantwortet hat) und Tamer Nafar zu verdanken. Dazu zu zählen sind auch die unwiderstehlichen Raptexte, die ebenfalls zu großen Teilen aus der Feder Nafars stammen, der außerdem Hauptdarsteller (in der Rolle des Kareem) ist. Der zweisprachige Hip-Hop ist es, der hier als insistierendes Sprachrohr der Unterdrückten fungiert. In der vielleicht stärksten Sequenz wird er wortwörtlich aus den Ruinen eines zwangsgeräumten und -abgerissenen Hauses performt.

Junction 48 ist nach einer Kreuzung benannt und gemeint ist damit natürlich noch viel eher das Aufeinandertreffen des Jüdischen und des Arabischen. Natürlich: Was dieser Film dem jahrzehntelangen Wahnsinn entgegenstellt, ist angesichts der auch heutigen Alltagstatsachen ein Phantasma. Aber es ist eines, das dafür die ganze Kraft des Kinos mobilisiert. Das diese Kraft mit derjenigen politischer Musik eint und daraus etwas Bewundernswertes, Mitreißendes formt. Etwas, dem bei der Filmpremiere im Zoopalast mit zumindest vereinzelten stehenden Ovationen (yours truly included) Respekt gezollt worden ist. Wer dieses Phantasma nur müde belächelt, hat aufgegeben.

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