Freitag, 26. Februar 2016

Berlinale 2016: Rückblick

Wie bereits die vorangegangenen Jahrgänge hat auch ihre 66. Ausgabe den Internationalen Filmfestspielen Berlin einen neuen Publikumsrekord beschert. Fast 340.000 verkaufte Kinokarten vermeldet das Festivalbüro. Das ist eine in der Tat beachtliche Zahl, die sich allerdings auch in der stetig zunehmenden Hektik und Gedrängtheit der Berlinale niederschlägt. Gewappnet mit der nötigen Gelassenheit – insbesondere gegenüber dreisten Vordrängler_innen – und einer stressresistenten Portion Humor lässt sich die allgemeine Festivalstimmung dennoch auch 2016 durchaus heiter nennen.

Wi(e)der das Klischee des Politischen

Durch ihre gebetsmühlenartige Beschwörung durch die Verantwortlichen im Vor- und Umfeld ist die politische Relevanz des Filmfests längst zu einem Klischee verkommen. Besonders schade wäre es daher, sollte dies über tatsächliche entsprechende Leistungen "der Berlinale" hinwegtäuschen. In Wahrheit besteht der Einfluss seiner Leitung auf das Politische des Festivals zumeist lediglich in der Auswahl und dem Übergehen bestimmter Filme, vielleicht noch einem interpretationsanleitenden Grußwort – zumindest insoweit dies die politische Qualität der Kunst des Jahrgangs betrifft. Umso erfreulicher, dass sich Kosslick & Co. angesichts der Flüchtlingsthematik aktiv in das Zeitgeschehen eingeschaltet haben: 18 Hospitanzen für Geflüchtete, das Projekt "Patenschaft für Kinobesuche" sowie eine offizielle Spendenaufforderung sind als erste Früchte einer neuen Engagiertheit der Berlinale sehr zu begrüßen.
Prompt hat auch Meryl Streep mitgetan und als Vorsitzende Richterin über die Hauptsektion dem gegenwartsrelevantesten Film des Wettbewerbs dessen höchste Würde verliehen. Die dramatischen Dokumente der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer mit der entwaffnenden Alltäglichkeit auf Lampedusa zu konfrontieren, war ebenso riskant, wie es Gianfranco Rosi hier auf ganzer Linie geglückt ist. Nicht übersehen werden darf gleichzeitig der pur filmische Wert von Fuocoammare, dem verdientesten Goldenen Bären seit sehr langem. Neben der Adelung als bester Wettbewerbsfilm hat Rosis Werk auch einen Preis der Ökumenischen Jury sowie den Amnesty International Filmpreis erhalten.

Titel, Themen, Tendenziöses

Mit Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo), der den Großen Preis der Juroren um Streep erhielt, hat auch die FIPRESCI-Jury den gelungensten Film des Hauptprogramms von historischer Bedeutung hervorgehoben. Während sich Danis Tanović dramaturgisch elegant um die Aufarbeitung der europäischen Vergangenheit verdient macht, hinterlassen die geschichtsträchtigen Wettbewerbsbeiträge zu Schauplätzen in Afrika (Cartas da guerra), Nordamerika (Genius) und dem nahöstlichen "Niemandsland" (Soy Nero) einen blassen bis tendenziösen Eindruck. Auf einer weitaus kleineren Ebene politisch und umso wirksamer zeigen sich dagegen filmische Perlen wie der meditative Chang Jiang Tu (Crosscurrent) und der mutige Zjednoczone stany milości (United States of Love). In der runden Woche seit seiner Premiere vergleichsweise schlecht gealtert scheint wiederum Anne Zohra Berracheds einzige 'echt' deutsche Kandidatin 24 Wochen, die viel ihrer unmittelbaren Wirksamkeit eingebüßt hat – so immens wichtig ihr Thema Schwangerschaftsabbruch fraglos bleibt.

Verdiente Auszeichnungen

Der Jahrgang der nachvollziehbaren Berlinale-Preise: Wenn sich der notorisch über Auszeichnungen nörgelnde Filmkritiker wundert, ob sein persönlicher Geschmack nun zur allgemeinen Konsensmeinung geworden – aufgestiegen? degeneriert? – ist, mag das ein sicheres Zeichen für besondere Zeiten sein. Neben der wichtigen und richtigen Vergabe des Hauptpreises an Fuocoammare gehen auch sämtliche der weiteren Entscheidungen von Meryl Streep & Co. mehr als in Ordnung: Insbesondere freuen die Versilberungen der Regie von L'avenir (Mia Hansen-Løve), des Drehbuchs zu United States of Love (Tomasz Wasilewski) sowie der Kamera bei Crosscurrent (Mark Lee Ping-Bing). Diese nicht immer naheliegenden Würdigungen trösten auch darüber hinweg, dass der thematisch angebrachte und schön erzählte Quand on a 17 ans gänzlich leer ausgegangen ist.
Von seltener Schlüssigkeit auch das Gros der vielen weiteren im Rahmen der Berlinale vergebenen Preise. Junction 48, den nach singulärer Radio-X-Meinung – siehe nebenstehende Rangliste – besten Film des gesamten Jahrgangs(ausschnitts), hat das Publikum zum Sieger der Spielfilm-Sparte des Panoramas gekürt. Sara Jordenös begeisternder Kiki darf sich fortan mit einem sehr passenden Teddy als Bester Dokumentar-/Essayfilm schmücken. Vielleicht lässt sich die gefühlt hohe Trefferquote der Juror_innen des Fachs und Fußvolks in diesem Jahr auch einfach durch glückliche Zufälle bei der individuellen Festivalprogrammierung erklären.

Wortakrobatik gegen Gewalt

Junction 48 und Kiki eint zudem der Bezug zum musikalischen Teil der Black Culture. Zugegeben: Jordenös Film stellt die Verbindung eher indirekt vor, als rhythmische Untermalung der Voguing-Wettbewerbe. Auch der repräsentativ lesbare Tupac-Biggie-Dialog dreier US-Soldaten in Soy Nero (die allerdings beste Szene des Films) sowie die stimmungsvolle musikhistorische Brücke von Jazz zu Hip-Hop am Ende von Miles Ahead sind den jeweiligen Schwerpunkten der Filme sicherlich untergeordnet. Zumindest mit Udi Alonis Panorama-Publikumspreisträger und Spike Lees außerhalb der Wettbewerbskonkurrenz gezeigtem Chi-Raq ist der Hip-Hop als diesjähriges Tendenzthema, vor allem aber auditiv-performatives Stilmittel des aktuellen Weltkinos ernst zu nehmen. Der gesellschaftlich bewusste, hegemoniale Verhältnisse auf- und angreifende Rap führt damit zurück zu den überaus ideologiekritischen Wurzeln dieser Kultur. Wie ermutigend, dass Aloni und Lee aus diesen Ursprüngen des Sprechgesangs solch kraftvolle Gegenentwürfe zur Gewaltdominanz im Nahen Osten und Süd-Chicago genährt haben!

Babylon Revisited

Ernsthaft problematisch bleibt auf der Berlinale die leidige Untertitel-Thematik. Warum die Praxis der zweisprachigen Einblendungen bei allen Wettbewerbsfilmen fortgesetzt wird, obwohl deren Unsinnigkeit immer deutlichere Züge trägt, scheint rätselhaft bis ärgerlich. Als ob die massive grafische Überlagerung, ja: Verfälschung des Bildmaterials nicht fragwürdig genug wäre, haben die zweieinhalb in schwarz-weiß gedrehten Beiträge des Hauptprogramms (United States of Love mit eingerechnet) die zusätzlich farbliche Misshandlung der Filme durch den weiß-gelben Textbrei enttarnt. Nochmals klipp und klar: Wer des Basis-Englischs auf heutigem Grundschulniveau der – auch diesmal wieder stark fehlerhaften – Untertitelungen nicht mächtig ist, hat zumindest in den Pressevorführungen eines Internationalen Filmfestivals nichts zu suchen.

Festivalausrüstung 2.0

Zwei wichtige Verbesserungen hatte die Berlinale 2016 für Pressevertreter_innen parat. Von der ersten profitiert im Grunde das gesamte Publikum: Dank eines neuerlichen Updates stellt die kostenfreie Berlinale-App für Smartphones und Tablets in diesem Jahr erstmals eine tatsächliche Erleichterung des Festivalalltags dar. Das betrifft insbesondere die Programmübersicht, die nun erheblich bei der Auswahl der Filme und der Zusammenstellung eines individuellen Zeitplans hilft – die sich zudem bequem (wenn auch mit einem kleinen Bug der Erinnerungsfunktion) in den geräteeigenen Kalender übertragen lässt. Während das umständliche Hantieren mit analogen Broschüren und Handzetteln also endlich ein Ende hat, besteht auch bei der aktuellen App-Version weiterer Verbesserungsbedarf: Etwa könnte die App künftig die Panorama-Abstimmung enthalten, auf allen Geräten im Hoch- und Querformat verfügbar sein und bitte dringend auf die willkürlich aufpoppende Aufforderung zur Nutzung gewisser Online-Kommunikationskanäle verzichten.
Mindestens ebenso zeitgemäß und festivalalltagsförderlich auch die hochwillkommene Neuerung, im Pressezentrum im Hyatt, jener publizistischen Hauptherzkammer der Berlinale, für die Akkreditierten unentgeltliche Kaffeespezialitäten anzubieten. Natürlich gesponsert von einem namhaften Anbieter koffeinhaltiger Heißgetränke, mag diese schmackhafte Versorgungsmaßnahme manches Tagespensum um einen ganzen Film bereichert haben. Davon bitte gerne mehr, wenn es am 9. Februar 2017 heißen wird: Vorhang auf für 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin!

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