Montag, 15. Februar 2016

Der maritime Brandherd, oder: Eine Unterwasserfackel für die Menschlichkeit – Fuocoammare (Wettbewerb)

Der frühe Konsensfavorit für den Goldenen Bären kommt aus Italien und heißt Fuocoammare (Fire at Sea). Um ehrlich zu sein, ließ sich dies bereits mit Blick auf eine grobe Inhaltsangabe vermuten: Als einziger Beitrag, der sich direkt der weiterhin traurig aktuellen "Flüchtling"s"krise" annimmt, war dem Film von Gianfranco Rosi große Aufmerksamkeit garantiert. Aber kein Grund zu falschen Sympathiebekundungen: Der unvermeidliche Statementfilm des Jahrgangs erfüllt die Wünsche, die man an ihn richten musste, vortrefflich.

Anderseits: Wunscherfüllung mag paradox klingen, wenn damit wohl in erster Linie eine schonungslose Aufarbeitung unvorstellbaren menschlichen Leids gemeint ist. Das spart Rosi nicht aus, sondern gibt ihm würdige, beizeiten sehr schwer erträgliche Bilder. Die Kommentarlosigkeit, mit der er Wehklagende, Sterbende und Tote zeigt, ist couragiert und verfehlt ihre natürlich dennoch wohlbedachte Wirkung nicht. In Beiläufigem, der Omnipräsenz der Rettungsdecken etwa, ihrem Glitzern und Knistern, findet der Filmemacher wiederum schaurige Schönheiten. Das alleine würde Fuocoammare aber nicht zu dem Meisterstück machen, das es ist. Dazu verhilft dem Film die parallel geschaltete Beobachtung einiger Bewohner von Lampedusa, dessen Name möglicherweise auf das altgriechische Wort für Fackel zurückgeht.

Ein weiteres Verdienst von Rosi ist es folglich, nicht nur den Flüchtenden, sondern auch dieser viel zitieren topografischen Chiffre Gesichter zu geben. Lampedusa, inmitten des Mittelmeers zwischen Sizilien und Tunesien gelegen, wird hier vertreten durch stille Helden, wie vor allem den örtlichen Arzt, aber auch durch noch 'gewöhnlichere' Menschen. So bewegen etwa die detailversessenen Rituale einer Witwe zu Tränen der Rührung, während der zwölfjährige Samuele eher Tränen der Freude in die Augenwinkel treibt. Der Freude? Ja, denn Rosi hat die effektivste Entwaffnung der Unmenschlichkeit gefunden: einen vom Schlechten dieser Welt noch kaum kompromittierten seiner Bewohner.

In Fuocoammare geben sich grauenhafte Wahrheiten und wahrhaftige Alltäglichkeiten die Klinke in die Hand. Wie Samuele eine Wurfschleuder baut, wie er seine Portion Pasta Frutti di Mare in sich hineinschlürft, wie er vor dem Arzt neunmalklug Haltung bewahrt, das ist auf denkbar simple Art urkomisch. Der erheiterndste Moment nicht nur dieses Films bleibt allerdings das Kakteenmassaker samt floralen Verarztungsmaßnahmen, das Samuele mit seinem Kumpel einmal veranstaltet. Subtil deutet sich hier eine Schnittmenge der beiden scheinbar so gegensätzlichen Dimensionen dieses als Dokumentation arg vereinfacht beschriebenen Films an. Erst in der letzen Einstellung wird sie als Grundübel der weltweiten Tragödie im kindlichen Spiel plötzlich erschreckend klar.

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