Donnerstag, 18. Februar 2016

Ferner liefen... (Tag 4/5/6)

Wettbewerb: Chang Jiang Tu

Im Deutschen ist die Analogie zwischen der Bewegung von Wasser und der von Gedanken ohne Weiteres offensichtlich: beides fließt. Diese sprachliche Brücke von der Physik zur Metaphysik baut der formidable chinesische Wettbewerbsbeitrag Chang Jiang Tu (Crosscurrent) kinematografisch. Yang Chao fördert so etwas wie die hübschere und intelligentere Schwester von Konkurrentin Cartas da Guerra zutage. Aus der Heirat extrem attraktiver Bilder mit zitierten Weisheiten entsteht eine sogförmige audiovisuelle Collage, auf die es sich allerdings einzulassen gilt. Dem Flow der Poesie entspricht der Flusslauf des Jangtse, den ein Frachtschiffkapitän stromaufwärts befährt. Die Stationen seines Weges, seine flüchtigen Begegnungen mit einer jungen Schönheit sprengen Zeit und Raum, sie machen Chang Jiang Tu zu einer tranceartigen Meditation über das dahinfließende Wesen der Liebe.


Panorama Special: Maggie's Plan

Wie L'avenir in akademischen Kreisen einer westlichen Meteopole angesiedelt, erzählt Rebecca Miller in ihrer gediegenen RomCom von den Irrungen und Wirrungen der dreißigjährigen Maggie. Just als sie sich gerade selbst künstlich befruchten will (sic!), tritt ein unglücklich verheirateter Dozentenkollege und Möchtegern-Romanautor (adäquat überfordert: Ethan Hawke) in Maggies leicht chaotisches Leben. Flugs sind die beiden ein Paar und bekommen ein gemeinsames Kind. Doch dann entliebt sich Maggie und fasst einen neuen Plan: den Kindesvater wieder mit seiner Ex-Frau (mit herrlichem finnischen Akzent: Julianne Moore) zu verkuppeln. Viel von seiner humorvollen Luftigkeit verdankt Maggie's Plan Noah Baumbachs Muse Greta Gerwig, die in dieser exorbitant entzückenden Hauptrolle letzte verirrte Zweifler an ihrer Sahnehaubigkeit umstimmen sollte.


Berlinale Special: Miles Ahead

Ähnlich wie im vorletzten Jahr Get on Up verlegt sich auch Don Cheadle in seiner ersten Regiearbeit auf die Exzentrik eines legendären afroamerikanischen Musikers. Nach James Brown ist es nunmehr Jazz-Ikone Miles Davis, dem ein längst unerlässliches Film-Denkmal errichtet wird. Als Produzent, Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller hat Cheadle diese Aufgabe fast im Alleingang bewältigt. Sein vielsagend betitelter Miles Ahead ist ein dynamisches Portrait, das die menschlichen Schattenseiten vor das leuchtende musikalische Genie Davis' stellt. Als sehr passend für diesen Zugang erweist sich der im besten Sinne sprunghafte Aufbau des Narrativs. Den Rahmen bildet eine zweitägige Tour de Force zum späten Comebackversuch des Meisters, auf der Davis ein idealistischer Reporter (Ewan McGregor) begleitet. Davon ausgehend konzentrieren sich die blitzartig ausgelösten Rückblenden - wie treffend hier einmal der englische Begriff Flashback! - auf die verkorkste erste Ehe des Trompeters und Komponisten mit Frances Taylor (Emayatzy Corinealdi). In seiner Gänze macht sich Miles Ahead sehr clever das jazzige Prinzip der Improvisation zunutze, mit der Schlussszene und dem Abspannsong gelingt zuletzt sogar eine stimmungsvolle Brücke zur musikalischen Gegenwart.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen