Samstag, 20. Februar 2016

Ferner liefen... (Tag 7/8/9)

Perspektive Deutsches Kino: Toro

Im Vergleich zum Dokumentarischen ist es mit den Mittel der Spielfilmdramaturgie einfacher möglich, bestimmte Topoi ambivalent zu erzählen. Martin Hawes Uni-Abschlussfilm Toro nutzt dieses Potenzial, indem er die Option der Queerness seines Protagonisten im Ungefähren belässt. Die beiden zentralen Figuren des Films, Toro und Victor, sind grundverschieden. Die Freunde und Nachbarn eint, dass sie sexuelle Dienste verkaufen, um ihrem bisherigen Dasein zu entfliehen: Toro an zumeist ältere Frauen, Victor an zumeist ältere Männer. Doch während Toro diszipliniert ist und für die Rückkehr in seine polnische Heimat spart, kann Victor seine Drogensucht nicht kontrollieren und verschuldet sich immer höher. In kontrastreicher Schwarzweißfotografie nüchtern eingefangen, steuert der weitgehend konventionelle Plot auf eine fatale Entladung der Konflikte zu. Entgegen Erwartungshaltungen, die sich auf sein bulliges Äußeres – daher der titelgebende Spitzname der Hauptfigur – berufen, ist das Spiel Paul Wollins in der Rolle des Piotr alias Toro sehr vielgestaltig. Neben dem passenden Look des Films sorgt Wollin dafür, dass sich Toro ein durchaus gelungenes Regiedebüt ist.


Wettbewerb: Zjednoczone stany milości

Zum zweiten Mal in diesem Jahr vereinzeltes Buhen aus dem Presse-Auditorium für eine Vertreterin der Wettbewerbskonkurrenz. Diesmal unberechtigt und klares Symptom mangelnder Geduld. Oder für ein Verhaftetsein in normativen Körperbildern. Oder Misogynie. Kein Zweifel: Angenehm anzuschauen ist der Spielfilm Zjednoczone stany milości (United States of Love) nicht gerade. In stark farbentsättigten, fast monochromen Bildern portraitiert Tomasz Wasilewski vier Frauen im Polen der frühen Neunziger, kurz nach dem Mauerfall. Die vier Schicksale, die der Film abgesehen von gelegentlichen (aus der Chronologie fallenden) Überschneidungen nacheinander betrachtet, sind nicht nur durch das Treppenhaus eines tristen Plattenbaus miteinander verbunden. Alle vier Frauen befinden sich zudem auf der verzweifelten Suche nach schier Unerreichbarem: Die lethargische Familienmutter Agata begehrt den örtlichen Priester, Schulrektorin Iza frustriert ihre langjährige Affäre mit dem verheirateten Dorfarzt, die verwitwete Lehrerin Renata sehnt sich nach einem Tochterersatz, Sportpädagogin Marzena träumt von einer Modelkarriere im Ausland. Alleine dass Wasilewski dem naheliegenden Versuch widerstanden hat, die vier Handlungsstränge parallel zu erzählen, verdient Respekt. Das narrative Konzept seines Drehbuches und seiner Regie ist komplexer, dadurch zugegebenerweise auch deutlich sperriger. Aber durchzuhalten lohnt hier: In ihrer Gesamtheit geht die ungewöhnliche Struktur voll auf, wird United States of Love zwar nicht dem durchaus merkwürdigen Titel, aber doch dem ambitionierten Anliegen gerecht. Obwohl sich somit Ähnlichkeiten der jeweiligen Lebenssituationen der Frauen ergeben, behält jeder der Fälle etwas Autarkes. Bewundernswert auch der Mut der Darstellerinnen zur Nacktheit, die Wasilewksi hier einmal vollkommen entgegen körperlicher Hegemonialvorstellungen einsetzt. Das hörbare Unbehagen, das gerade dieser Aspekt des Films bei Teilen des Publikums ausgelöst hat, sollte der Filmemacher als ungewolltes Kompliment für sein nachhaltig wirkendes Werk verbuchen.


Perspektive Deutsches Kino: Die Prüfung

An einer deutschen Schauspielschule aufgenommen zu werden, gilt mancherorts als Metapher für das schier Unerreichbare, als Pendant zum "Sechser im Lotto". Mit dem vom damaligen Berlinalepublikum gekürten Dokumentarfilm Die Spielwütigen hat Andres Veiel 2004 die Seite der Bewerber_innen und Studierenden in Blick genommen. Regiekollege Till Harms ist, so lässt er im Q&A nach dem Screening wissen, nicht sonderlich gut auf Veiels Film zu sprechen – zu oft hatte er in der Planungsphase seines Projekts rechtfertigen müssen, "noch einen Film über Aufnahmeprüfungen" drehen zu wollen. Im Gegensatz zur damaligen Langzeitstudie, die vier Student_innen in Berlin begleitet hatte, wendet sich Die Prüfung nun schwerpunktmäßig der Dozierendenseite zu. Stimmig montiert, gewährt Harms spannende Einblicke hinter die Kulissen (hier einmal wörtlich zu nehmen!) des mythenumrankten Auswahlprozesses, in diesem Fall an der Staatlichen Schauspielschule Hannover. In der Tat vermenschlicht der Film allzu vage Vorstellungen der vielfach als willkürlich verstandenen Entscheidungen, indem vor allem die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Auswahlkommission anschaulich werden. Eine sehenswerte Dokumentation, die dank des Indie-Verleihs Mindjazz demnächst auch in einigen Kinos gezeigt werden wird.

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