Sonntag, 21. Februar 2016

Tag 10: Die Bären

Mit Meryl Streep hatte die diesjährige Internationale Jury ihre vielleicht berühmteste Präsidentin. Vier Bodyguards ließen die dreifache Oscargewinnerin und weitere sechzehnmal Nominierte auch während der Pressevorführungen nicht aus den Augen. Erstmals blieb die Sitzreihe hinter den Juroren aus Sicherheitsgründen gesperrt. Doch geht der nochmals erhöhte Prominenzgrad mit einer besonderen Jury-Eignung einher? Offenbar – dafür sprechen wenigstens die Entscheidungen, die Streep gemeinsam mit Lars Eidinger (deutscher Schauspielkollege), Nick James (britischer Filmkritiker), Brigitte Lacombe (französische Fotografin), Clive Owen (britischer Schauspieler), Alba Rohrwacher (italienische Schauspielerin) und Malgorzata Szumowska (polnische Regisseurin) getroffen hat:

Goldener Bär für den Besten Film: Fuocoammare (Fire at Sea) von Gianfranco Rosi
Seltsam selten: Eine vollkommen richtige Vergabe des Hauptpreises, mit der die Mehrheit des Publikums, der Kritiker und überhaupt des Festivals einverstanden sein dürfte. Angesichts der aktuellen globalen Lage ist diese Auszeichnung eines Films über die „Flüchtlingskrise“ natürlich auch ein politisches Signal – aber eben nicht nur: Rosis Dreivierteldokumentation ist auch ganz abgesehen von der Thematik der innovativste, cleverste und mitreißendste Beitrag dieses Jahrgangs.

Großer Preis der Jury – Silberner Bär: Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo) von Danis Tanović
Auch die Würdigung des sehr unterhaltsam erzählten, aber vor allem politisch-historisch bedeutsamen neuen Films von Danis Tanović ist hochverdient. Den bosnischen Filmemacher mag etwas wurmen, dass er nach 2013 wieder „nur“ den zweiten Preis der Wettbewerbskonkurrenz erhält. Gerade dass diese Auszeichnungen jedoch für zwei so radikal unterschiedlich inszenierte Werke erfolgt sind, spricht enorm für Tanović’ Weiterentwicklung zu einem der wichtigen gegenwärtigen Regisseure in Europa.

Beste Regie – Silberner Bär: Mia Hansen-Løve für L'avenir
Im Feld einer ganzen Reihe möglicher Preisträger_innen – etwa Landsmann Thomas Vinterberg, der Chinese Yang Chao, die Deutsche Anna Zohra Berrached – hat sich die 35-jährigen Dänin zu Recht durchsetzen können. Mit einer für ihr Alter erstaunlichen Routine und Ruhe führt sie ihre wunderbare Hauptdarstellerin Isabelle Huppert und versprühte mit dem angenehm akademischen Film im nasskalten Berlin eine sanfte Prise Sommer.

Alfred-Bauer-Preis – Silberner Bär: Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery)
Der wohl unvermeidliche Preis für das achtstündige Marathonwerk [ungesehen].

Bestes Drehbuch – Silberner Bär: Tomasz Wasilewski für Zjednoczone stany milości (United States of Love)
Eine ebenso überraschende wie großartige Anerkennung des erzählerischen Mutes des jungen polnischen Autors (und Regisseurs), die das Missfallen einiger Teile des Pressekollegiums endgültig als reaktionäres Banausentum entlarvt. Auch der Schachzug der Jury, gerade die Skizzierung der ausgefallenen Struktur des Films zu prämieren, ist absolut folgerichtig.

Beste Darstellerin – Silberner Bär: Trine Dyrholm in Kollektivet (The Commune)
Einerseits ist dieser Preis das verdiente Lob einer ungemein wandlungsfähigen und dennoch stets glaubhaften Darstellung, mit der Dyrholm der tausendfach gesehenen Rolle der betrogenen Ehefrau tatsächlich neue Nuancen abgewinnt. Andererseits mag der Bär aber auch als schlüssige stellvertretende Berücksichtigung für Thomas Vinterbergs stimmungsvollen Film insgesamt verstanden werden.

Bester Darsteller – Silberner Bär: Maja Mastour in Inhebbek Hedi (Hedi)
Auszeichnung des tunesischen Beitrags von Mohamed Ben Attila [ungesehen].

Herausragende Künstlerische Leistung – Silberner Bär: Mark Lee Ping-Bing für die Kamera in Chang Jiang Tu (Crosscurrent)
Und noch ein letzter Volltreffer der Internationalen Jury, der den besten Aspekt eines auf unoffensichtliche Weise unwiderstehlichen Wettbewerbsfilms herauspickt. Ping-Bing findet für die textliche Poesie im Film mehr als adäquate, visuell förmlich süchtig machende Bilder. Seine Kamera liefert den atemberaubenden Anstrich dieses geheimnisvollen, meditativen Liebes- und Lebensfilms.

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