Sonntag, 14. Februar 2016

Tag 2: Von magischen Substanzen und sprechenden Titeln

Ein vollständiger Satz als Filmtitel – eine Aussage, die Fragen aufwirft: A Magical Substance Flows into Me. Welch wunderliche Substanz mag es wohl sein, die hier filmisch verabreicht werden soll? Wer die erste Person Singular? Eine Filmfigur, ein_e Erzähler_in, das jeweils zuschauende Ich? Schnell stellt sich heraus, das ein bisschen von all dem zutrifft. Zu Beginn ihres Dokumentarfilms über die Musik Palästinas setzt sich Jumana Mana selbst in Szene. Doch das bleibt, zum Glück, kein Moore'scher Duktus, sondern dient eher der Einführung des durchaus eigenen Erzählprinzips. Die Situation des Interviewens zum Gegenstand der Narration zu machen, gehört zu den stärksten und kuriosesten Szenen des Films.

Und natürlich mit großer Leidenschaft vorgetragene Musik aus allen Winkeln des umkämpften Gebietes. Auch das Setting der Performances, die jeweils durch etwas monotone historische Erklärungen Manas eingeleitet werden, ist bewusst naturalistisch gehalten: im Büro, beim Kochen, in einer Hausruine. Just als es am schönsten ist, als die finale musikalische Einlage durch einen greisen Spontantänzer ihren Höhepunkt erreicht, endet dieser ungewöhnliche und ungewöhnlich schöne Film. Es ist der richtige Moment. Denn da ist sie tatsächlich auf den Zuschauer übergegangen, die Materie des Zauberhaften.

Boris sans Béatrice
James Hyndman
© Metafilms

Nach dem Einflößen weiterer essenzieller Substanzen fester (magischer Anteil: vermutlich Glutamat) wie flüssiger Art (magischer Anteil: definitiv Koffein) der erste Wettbewerbsbeitrag des 2016er Jahrgangs. Auch Boris sans Béatrice ist von der seltsamen Sorte – das Problem nur: er will ebendas unbedingt sein. Der Beginn ist vielversprechend, ein Mann auf einer Wiese, umweht von den Druckwellen eines Helikopters. Dass James Hyndman den Protagonisten in der Folge zwar als ziemlichen Snob und Serienfremdgänger, aber vor lauter Egozentrik doch wieder bemitleidenswerten Mann spielt, geht im Sinne angebrachter Unbequemlichkeit noch durch. Nach einer Weile verliert die Selbstfindung dieses Hypokrits aber doch ihren Reiz. Man* möchte lieber mehr über die wirklichen, die weiblichen Leidtragenden erfahren: die depressive Ehefrau, die ihrerseits zunehmend verzweifelte Geliebte, die junge Pflegerin, die Boris als nächste zu verfallen droht, die entfremdete Tochter.

Abermals hilft der Blick auf den Titel, der die erzählerische Konstellation und Konzentration bereits unmissverständlich vorgibt. Was er nicht verrät, ist das stetig steigende Bemühen des kanadischen Regisseurs Denis Côté, die Geschichte ins Mysteriöse zu steuern. Mit der Besetzung des großartigen Denis Lavant als strippenziehendem Moralapostel bemüßigt sich Côté überdeutlich eines Archetypus à la Lynch, für ein nett-dissonantes Thema der Filmmusik gilt Ähnliches. Doch das bleiben unausgereizte Ansätze und Boris sans Béatrice somit nur ein solides Schnöselportrait.

Creepy
Teruyuki Kagawa, Hidetoshi Nishijima
© 2016 "CREEPY" FILM PARTNERS

Affektiv und intellektuell wirksamer ist dagegen das neue Werk des Japaners Kiyoshi Kurosawa. Und obgleich aus nur einem Wort bestehend, spricht dieser Filmtitel umso lauter: Überaus Creepy ist der neue Nachbar (Teruyuki Kagawa) eines früheren Detectives/jetzigen Uni-Dozenten (Hidetoshi Nishijima) und seiner Frau (Yûko Takeuchi) nämlich in der Tat. So unheimlich sogar, dass der erfahrene Ermittler die Ad-hoc-Diagnose "Psychopath" zunächst als zu offensichtlich abtut: Serienkiller machten auf ihre Umgebung stets einen vollkommen normalen Eindruck, habe ihn die Erfahrung gelehrt.

Wie zumeist arbeitet Kurosawa lange mit allzu bekannten dramaturgischen Topoi des Creepy-Neighbor-Zyklus – verdächtige Blicke, merkwürdige Zufälle, entführte Hunde, quietschende Streicher etc. –, um schließlich doch mit tiefen Abgründen zu überraschen. Kurîpî ist über weite Strecken pures Genrekino und kippt in seinem letzten, extrem beängstigenden Abschnitt in einen eben nicht mehr handelsüblich kompromisslosen Thriller. Das hat wenig Magisches, aber eine Menge Substanz.

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