Montag, 15. Februar 2016

Tag 3: Zeigen und Auslassen

Den internationalen Durchbruch erreichte der amerikanische Filmemacher Jeff Nichols einst im Forum der Berlinale. Seine autobiografisch gefärbten Shotgun Stories mischten 2007 das Forum auf und katapultieren den damals erst 29-Jährigen schlagartig auf so manche Watchlist. Auch in den seither folgenden Werken konnte Nichols mit seiner Handschrift überzeugen, die stets auf besonders intensives Filmerleben ausgerichtet scheint. Zum vielfach ausgezeichneten Zweitling Take Shelter nahm er Schauspieler Michael Shannon mit, der nun auch im diesjährigem Competition Entry Midnight Special brilliert.

Shannon gibt einen Vater, der seinen eigenen Sohn (Jaeden Lieberher), so berichten dies die Nachrichten wenigstens anfangs, entführt habe. Dass er den Jungen allerdings einer Sekte entrissen hat, wirft ein ganz anderes Licht auf die Story dieses Films, der als Roadmovie beginnt. Und dass das Glaubenssystem der religiösen Fanatiker sich auf Zahlen stützt, die ebendieser Achtjährige bei heftigen Anfällen von sich gegeben hat. Warum er tagsüber eine Schwimmbrille tragen muss. Und vor allem, weshalb Vater, Sohn und ein Helfer (Joel Edgerton) sich schwer bewaffnet allerlei Jägern entledigen müssen.

Als der Augenschutz des Jungen zum ersten Mal abgenommen wird, gibt sich Midnight Special durch eine grelle Lasershow nunmehr als Science-Fiction-Thriller zu erkennen. Auch wenn hier thematisch mehrere Fluchtlinien aus Nichols' früheren Werken konvergieren, ist dies dennoch ein inszenatorischer Paradigmenwechsel: Bestand die Stärke des Regisseurs zuvor gerade in seinem Verzicht auf Computergeneriertes, bilden die bläulich strahlenden Augen des Kindes hier erst den Auftakt unwirklicher Effekte. Statt zu verbergen, zeigt Nichols jetzt, stellt das Übernatürliche bildlich aus. Das ist ein Risiko, das dank des sensationellen Casts – zudem Kirsten Dunst als nicht nur körperlich starke Mutter und Adam "Kylo Ren" Driver in einer entzückend nerdigen Rolle – und der weiterhin immensen erzählerischen Dichte gerade noch aufgeht. Die Frage, ob der Film durch das Weglassen gewisser Offensichtlichkeiten nicht zusätzlich gewonnen hätte, bleibt dennoch im Raum.

L'avenir
Isabelle Huppert
© Berlinale
Filme über Philosophie erfreuen den Geisteswissenschaftler. Aber erfreuen sie auch den Kritiker? Gar das Publikum? Intellektueller Humor grenzt oftmals aus, weil er spezifisches Wissen voraussetzt. Und ebendas entgeht auch denjenigen nicht, die lapidar fallende Namen, Titel und Diskursbegriffe nicht zuordnen können. Das mag im vollbesetzten Kino mit einem strategischen Kichern kompensiert werden, dürfte in Wahrheit aber einen umso frustrierenderen Effekt haben. Dieser Problemstellung wird sich auch L'avenir spätestens ausgesetzt sehen, sobald der Wettbewerbsbeitrag auf gemeine Menschen jenseits des natürlich höchstgebildeten hiesigen Presse- und Premierenpublikums treffen wird.

Ganz wundervoll, so unaufdringlich nuanciert und daher bereits heuer preisverdächtig spielt Isabelle Huppert darin eine Pariser Philosophielehrerin. Und folglich spart Mia Hansen-Løves Drehbuch nun wirklich nicht mit Namen, Titeln und Diskursbegriffen des von ihr unter die Schülerschaft zu verteilenden Gedankenguts. Wie leichtfüßig-gekonnt die junge dänische Regisseurin ihre eigenen Zeilen filmisch umsetzt, ist in jedem Fall eine helle Freude. Der zunächst sehr schroffe Umgang der Protagonistin mit einer Katze etwa entfaltet sich allmählich vom komödiantischen Motiv zum emotionalen Barometer. Hansen-Løves ganz der Gegenwart verhafteter L'avenir-Entwurf gehört zu jener Sorte Erzählungen, die dafür bewundert werden sollten, was sie eben nicht ausbuchstabieren.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen