Dienstag, 16. Februar 2016

Tag 4: Gender Trouble

Die unsägliche zweisprachige Untertitelung nicht englisch- oder deutschsprachiger Wettbewerbsbeiträge ist kein Novum. Da sich diese babylonische Irrfahrt auf der Berlinale offenbar nunmehr etabliert hat, kann nicht auf genug darauf hingewiesen werden. Der portugiesische Wettbewerbsfilm Cartas da guerra (Letters from War) hebt nun eine weitere Dimension der Unsinnigkeit dieser Praxis hervor. Dass nämlich die englischen Übersetzungen in weißer und der deutsche Text darunter in gelber Farbe gehalten ist, wird bei einem Schwarzweißfilm zu einem ganz besonders großen Ärgernis. Rigoros überschreibt das leuchtende Gelb die monochrom gefilmten Bilder und hebelt damit den wohl wesentlichsten Aspekt der Ästhetik sauber aus.

Sich selbst zuzuschreiben hat Regisseur Ivo Ferreira bloß, dass diese optische Verfälschung beinahe ohne Unterlass stattfindet. In einem unentwegten Wortfluss begleitet der titelgebende Schriftverkehr zwischen einem Militärarzt und seiner schwangeren Ehefrau im angolanischen Unabhängigkeitskrieg der frühen 1970er die nett fotografierten Bilder. An sich ist dieses Vorlesen ziemlich unkreativ, repetitiv und monoton. Immerhin birgt es den leider einzig spannenden Moment von Cartas da guerra: Als gar nicht so subtile Verwirrung geschlechtlicher Hegemonialkonstruktion werden seine Briefe von einer weiblich konnotierten, ihre hingegen von einer offenbar männlichen Stimme gesprochen.

"Das Unbehagen der Geschlechter" (so der Titel von Judith Butlers einflussreichem Buch von 1990, das im Original "Gender Trouble" heißt) ist auch ein latentes Thema des ersten und einzigen primär deutschen Films im Wettbewerb 2016. Zwar steht in 24 Wochen die quälende Frage im Vordergrund, ob eine pränatal festgestellte Trisomie 21 ein Grund für eine Abtreibung ist oder nicht. Noch vor der folgenschweren Diagnose kommt hier die Frage der Geschlechtszuschreibung des Fötus ins Spiel, wobei die fünfjährige Tochter der Eltern deren binäres Denken – ganz nebenbei – wunderhübsch mit ihrem Wunsch nach einem "Mädchen-Junge" durcheinander bringt.

24 Wochen
Julia Jentsch
© Friede Clausz

Als der erschütternd ehrlich umgesetzte Plot durch eine weitere Hiobsbotschaft nochmals an Dramatik zunimmt, schwingen Genderimplikationen neuerlich mit. Sind sich Kindesmutter (erwartet toll: Julia Jentsch) und Kindesvater (überraschend toll und allein namentlich hier goldrichtig: Bjarne Mädel) anfangs noch einig, auch ein beeinträchtigtes Kind in die Welt lassen zu wollen, verkompliziert sich mit der medizinischen zusehends auch die partnerschaftliche Lage. Qua ihrer zumeist nüchternen Stilistik – unterbrochen nur durch eher esoterische Flüge durch den Mutterlaib – steuert die Erzählung unaufhaltsam auf eine weitere essenzielle Rollenfrage zu, ob nämlich dem austragenden Elternteil die letzte Entscheidung über Fortgang oder Abbruch der Schwangerschaft zusteht. In ihrer Antwort hierauf und überhaupt mit ihrer Verfilmung eigener Erfahrungen traut sich Anne Zohra Berrached mit dem Abschlussfilm ihres Regiestudiums einiges. Ein erst sprachlos und dann umso redseliger machendes Drama.

Und auch das dritte Tagesangebot der Hauptsparte mischt in der Genderthematik auf gute Weise mit. Mit Quand on a 17 ans (Being 17) verschiebt sich das Schlaglicht hier von der geschlechtlichen zur vor allem sexuellen Differenz. Nachdem die Klassenkameraden Damien und Thomas in der Schule mehr als einmal heftig aneinander geraten sind, leben die Kontrahenten urplötzlich unter einem Dach. Damiens Mutter, die am Fuße der südwestfranzösischen Berge als Ärztin praktiziert, nimmt Thomas auf, nachdem dessen Adoptivmutter spät noch einmal schwanger geworden ist (auch dies also eine Konstante aller drei Wettbewerbsfilme an Tag 4). Als wäre diese Konstellation nicht bereits kompliziert genug, fühlt sich Damien zu Thomas immer deutlicher hingezogen. Doch wird dieser die Gefühle erwidern? Wenngleich er sich einen weiteren Handlungsstrang (den Kriegseinsatz von Damiens Vater) besser hätte verkneifen können, erzählt Berlinale-Wiederholungstäter André Téchiné sehr einfühlsam und überzeugend vom konfliktbeladenen Erwachen einer homosexuellen Liebe. Troublesome ist das Abweichen von der lieben Heteronormativität hier natürlich wieder einmal, immerhin ist damit ein weiterer kleiner Schritt des Gender Mainstreaming getan.

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