Mittwoch, 17. Februar 2016

Tag 5: Geschichtsoperationen

Bei der Berlinale 2013 ist Aus dem Leben eines Schrottsammlers des in Bosnien geborenen Boris Tanović' zurecht mit gleich zwei Silbernen Bären bedacht worden. Die hohe Intensität des damaligen Films hatte sich noch aus dessen eher naturalistischer Herstellung, aus den verwackelten Handkameraaufnahmen und dem authentisch wirkenden Spiel der Laiendarsteller gespeist. Mit seinem neuen Werk stellt Oscarpreisträger Tanović (No Man's Land) eindrucksvoll seine stilistische Wandlungsfähigkeit unter Beweis – und bleibt seiner überaus politischen Agenda dennoch treu.

Die Multicharakterstudie Smrt u Sarajevu (Death in Sarajevo) erinnert nicht nur durch die facettenreiche, clever verknüpfte Personenstruktur sehr an Robert Altman und den frühen Paul Thomas Anderson. Mit einer Steadicam im Cinemascope-Format folgt Tanović seinen Figuren durch ein Luxushotel inmitten der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina auf Schritt und Tritt. Erst nach und nach klärt sich auf, wie wer mit wem vernetzt ist, wie die Einzelschicksale miteinander zusammenhängen. Das Setting ist semi-fiktiv: Am 28. Juni 2014, exakt 100 Jahre nach den folgenschweren Schüssen auf Franz Ferdinand und Sophie also, bereiteten sich die Mitarbeiter des Hotels Europa (!) auf eine Gedenkveranstaltung vor. Während der Manager mit Sicherheitsvorkehrungen beschäftigt ist, planen seine Angestellten wegen ausbleibender Lohnzahlungen einen Warnstreik. Auf dem Dach des Hotels führt eine Fernsehreporterin gleichzeitig Interviews zum historischen Vermächtnis des Attentats – unter anderem mit einem gewissen Gavrilo Princip, einem direkten Nachkommen des gleichnamigen Todesschützen von 1914. Virtuos assembliert Tanović diese Perspektiven, während er die diskursive Schärfe seiner früheren Filme beibehält.

A Quiet Passion
Cynthia Nixon, Jennifer Ehle
Johan Voets © A Quiet Passion
Mit einer ähnlichen Anlehnung an erprobte Erzählformeln reist Terence Davies mit A Quiet Passion noch einige Jahrzehnte weiter zurück in die Vergangenheit (die bei Tanović freilich nur Bezugspunkte liefert). An die Ostküste Nordamerikas in den Jahren vor dem Civil War führt uns dieser Spielfilm, der in jeder Hinsicht ein Tick mehr ist als ein Kostüm-Biopic. Extrem löblich ist zuerst einmal der personelle Anlass und Fokus der Erzählung: die nicht alleine filmisch bisher sträflich vernachlässigte Dichterin Emily Dickinson.

Historisch hochspannend ist A Quiet Passion (Panorama Special) alleine deshalb, weil über das konkrete Leben Dickinsons wenig gesichert überliefert ist. Gerade zwei Fotografien der zurückgezogen lebenden Autorin gibt es; Davies lässt seinen Film mit der berühmten Daguerreotypie enden. Es ist das finale Stadium eines schönen Morphings, das die echte Emily aus ihren beiden Darstellerinnen entstehen lässt. Emma Bell portraitiert sie in jungen Jahren, Cynthia Nixon (die vielen als Miranda in "Sex and the City" bekannt sein dürfte) die meiste Zeit der doch etwas langen zwei Stunden Spielzeit. Insbesondere Nixon gestattet einen glaubhaften, vielschichtigen Einblick in die Frau, die die Urheberin dieser wunderbaren Poesie gewesen sein könnte.

Obschon jede filmische Biografie letztlich eine subjektive Interpretation ist, haben Davies und sein Team besonders große Leerstellen zu füllen. Erwartungsgemäß bedienen sie sich dabei ausgiebig der Sprache Dickinsons, ohne jedoch eine bloße Textcollage zu erstellen. Überraschend dagegen, mit welch frischem Witz sie die Dialoge versehen haben, in der sich Emily vor allem mit der Schwester (ansteckend heiter: Jennifer Ehle) und dem Vater (angebracht salbungsvoll: Keith Carradine) auseinandersetzt. Ohne die Schematik einer konkreten schriftlichen Vorlage scheint Davies sein hehres Ziel geringfügig übererfüllt zu haben. Auch eine Adaption hätte aber gewiss zu ähnlichen Kürzungswehwehchen führen können. So lassen sich das sehr schick anzuschauende Zusammenspiel der Akteur_innen und die ebenso lohnenswerte Ästehtik des Films eben etwas länger genießen. Das längst überfällige Kinoportrait der Emily Dickinson ist (film)geschichtlich ohnehin ein immenser Gewinn.

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