Donnerstag, 18. Februar 2016

Tag 6: Selektionen

Die ersten – noch vergleichsweise zarten – Buhrufe bei einer Pressevorführung des diesjährigen Wettbewerbs. Sie gelten dem iranischen Regisseur Rafi Pitts und seinem neuen Werk Soy Nero und sind zumindest teilweise berechtigt. Aber der Reihe nach: Der Film beginnt als US-Mexiko-Grenzthriller, einem spätestens seit Traffic (2000) und Sicario (2015) im Mainstream etablierten Subgenre. Wie der junge Nero – mexikanischstämmig, in L.A. aufgewachsen, dann mit seiner Familie abgeschoben – die Grenze überquert und mit dem (vermeintlichen) Reichtum seines Bruders in Beverly Hills konfrontiert wird, inszeniert Pitts mit ruhiger Hand im Stile eines Roadmovies, aber auch zunehmend überoffensichtlich.

Weitaus problematischer dann die zweite Hälfte von Soy Nero, die sich als waschechter Kriegsfilm entpuppt. Geschenkt, dass es Pitts hier um die glasklar angebrachte Anprangerung stupider amerikanischer Militärmechanismen geht: den Einbürgerungswunsch verzweifelter Immigranten nämlich für Rekrutierungszwecke zu missbrauchen.
Unglücklicherweise gelingt es nicht, dies zu vermitteln, ohne gleichzeitig das Primat der allseitigen Terrorgewalt zu perpetuieren. Mindestens ebenso heikel sind die eigenen Rassismen, die sich in das Kriegsspektakel eingeschlichen haben. Damit ist nicht (nur) die lahme Reproduktion der sicher vorhandenen innermilitärischen Diskriminierungslinien gemeint. Schlimmer noch: Nachdem er den einzelnen Settings in den USA und Mexiko sehr detaillierte Einblendungen gestattet hat, entwurzelt, ja: degradiert Pitts den Kriegsschauplatz zum "No Man's Land" – will heißen: irgendwo im undurchschaubaren Territorium der nahöstlichen Barbaren. Wie es bislang dem US-Kriegskino vorbehalten war (etwa im kriegssinnstiftenden The Hurt Locker, den Soy Nero einmal – gewollt? – zitiert), werden die terroristischen Feinde auf ebensolche reduziert: gesichtslose "Hajis", deren willkürliche Ermordung am Checkpoint natürlich nachträglich finstere Absichten rechtfertigen. In der Kritik selektiver Grenzziehungen stecken also neuerliche, nicht minder schändliche.

Soy Nero
Johnny Ortiz
© Berlinale
Immerhin begibt sich die teils deutsche Produktion Soy Nero in riskante zeithistorische Gefilde. Im Vergleich dazu wählt Genius, Kinoerstling des britischen Theaterregisseurs Michael Grandage, ein harmloses Sujet. Dennoch stehen abermals Konflikte und Auswahlprozesse im Zentrum, hier jedoch reduziert auf einen kleineren Personenkreis. Im New York der (gerade noch) Goldenen Zwanziger landet ein monströses Manuskript auf dem Schreibtisch des Verlegers Max Perkins, den Colin Firth mit wohl absichtlicher Blässe verkörpert. Sofort erkennt er das Potenzial des Romans, für dessen Rundschliff Perkins rasch das geeignete Instrument parat hat: den Rotstift.

UmsLektorieren Redigieren dreht sich Genius demzufolge. Um den Schaffensprozess des Schreibens und Publizierens, um Aus- und Eingrenzungen,um Genie und Wahnsinn. Unbequeme Selektionen müssen beim Editieren von Texten getroffen werden – Entscheidungen, die nicht erst für Thomas Wolfe wie regelrechte Körperverletzung wirken.Nicht selten sind liebgewonnene Phrasen, ganze Sätze, mit hohem Einsatz geborene Abschnitte der insgesamten Stringenz, der Leserlichkeit, dem größeren Ganzen zu opfern.  Jude Law spielt den jungen Autor mit einer entfesselten Hingabe, die den Schmerz beim Abschied von jeder Silbe seiner Kreation sehr greifbar macht. Perkins/Firth und Wolfe/Law beim leidenschaftlichen Ringen um das(Achtung, Wortspiel:) wortwörtlich letzte Wort zuzuschauen, ist der große Gewinn dieses ansehnlich produzierten Period Piece. Schade bloß, dass die beiden Partnerinnen der männlichen Genies – und mit ihr deren Darstellerinnen Laura Linney und Nicole Kidman – kaum mehr als klagende Stafetten abgeben.Selbst wenn dies der "wahren Geschichte" entsprechen mag, hätte sich das in der filmischen Dramaturgie sicher anders lösen lassen. So bleibt Genius ein nur eindimensional sehenswerter Wettbewerbsbeitrag.

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