Donnerstag, 18. Februar 2016

Tag 7: Dramödiantisches

Die Grenze zwischen Spaß und Ernst ist auch in der Filmdramaturgie fragil. Ob nun humorvolle Einlagen im Drama oder schwerfällige Momente in der Komödie: An der Frage der rechten Balance scheitern kommerzielle wie unabhängige Produktionen regelmäßig. Es wie Thomas Vinterberg bzw. Dominik Moll zu halten und beide Pole der Skala ausgewogen nebeneinander zu stellen, klingt nach dem bequemeren Weg. Deren jeweilige Wettbewerbsbeiträge Kollektivet (The Commune) und Des nouvelles de la planète Mars (News from Planet Mars) mögen diese Vermutung zu Unrecht als allgemeingültig stärken – so beschwingt gelingt der Drahtseilakt hier.

Dass das Drehbuch von Kollektivet lose auf eigenen Kindheitserfahrungen des dänischen Autors und Regisseurs beruht, merkt man insofern. Vergnügt und aufrichtig wie nicht mehr seit seinem Dogma-Erfolg Das Fest (1998) kommt Vinterbergs neuer Film daher. In dessen Halbfiktion erbt ein Familienvater und Unidozent (Ulrich Thomsen) Anfang der 70er ein geräumiges Haus vor den Toren Kopenhagens. Um den Unterhalt der unverhofften Bleibe bestreiten zu können, erweitert er diese zu einer bunt zusammengewürfelte Kommune. Als das basisdemokratisch geregelte Miteinander kaum begonnen hat, stolpert er in eine Affäre mit einer Studentin. Zunächst reagiert seine Ehefrau, eine bekannte Nachrichtensprecherin (vielseitig: Trine Dyrholm), erstaunlich verständnisvoll und schlägt sogar selbst vor, diese (ein Hauch Bardot: Helene Reingaard Neumann) mit in die Kommune aufzunehmen. Doch bald dramatisiert sich die Lage, ohne dass der Film an warmem Humor verlöre – einschließlich der wohl schönsten (!) Todes- und Beerdigungsszene des Festivals.

Kollektivet
Diverse
© Berlinale
Vinterbergs französischer Kollege Moll gelangt mit etwas anderen Mitteln zu einem vergleichbar erheiternden und stimmigen Ergebnis. Sein Des nouvelles de la planète Mars wählt die bitterböse Tour. Der Titel führt in die Irre: Kein Sequel von Gravity (den bloß die kurze Auftaktszene vage zu zitieren scheint) oder The Martian hat Moll fabriziert, sein Protagonist trägt vielmehr den Namen Mars. Philippe Mars (François Damiens) ist ein Geprügelter. Die Ex-Frau – wie ihr Counterpart in Kollektivet im TV der Diegese zu sehen – hält sich nicht an Abmachungen, die pubertierenden Kinder sehen ihn als nervigen Loser, der Arbeitskollege wirft ihm mit einem Hackebeil das halbe Ohr ab. Die üblichen Päckchen eben, die ein alleinerziehender Informatiker Ende 40 zu tragen hat.

Wie ein Fremdkörper auf dem eigenen Planeten muss sich dieser Monsieur Mars fühlen. Die filmischen 'Neuigkeiten' über seine in jedem Sinne eigene Welt sprühen nur so vor grotesken Situationen und krassem Zynismus: der 12-jährige Sohnemann wird von einer Klassenkameradin sexuell genötigt, der cholerische Ohrabschneider entflieht der Psychiatrie ausgerechnet in Philippes ohnehin von allerlei Getier bevölkerter Wohnung. Als sich im eigenen Esszimmer dann auch noch eine Kampfgruppe radikaler Fleischgegner formiert, ist das Chaos endgültig komplett. Eine gerade im Festivalalltag willkommen kurzweilige Tiefschwarzkomödie.

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