Freitag, 19. Februar 2016

Tag 8: Yankees, Look Home!

Selbstkritik mag die ultimative Form der Reflexion sein: das eigene Denken und Handeln in Frage zu stellen also. Natürlich ist es etwas anderes, ob sich die Problematisierung auf das individuelle Selbst bezieht oder auf die letztlich instabile Zugehörigkeit zu einem Kollektiv. Nationalitäten sind solche sozialen Gefüge, denen man* sich sowohl zugehörig fühlen als auch gleichzeitig kritisch gegenüber verhalten kann. Mehr oder minder gilt das auch für drei amerikanische Berlinale-Filme des achten Tages: die Dokumentarfilme Zero Days und Where to Invade Next sowie den Spielfilm Goat.

Zero Days (Wettbewerb) wendet sich der vielleicht besorgniserregendsten Malware des digitalen Zeitalters zu. Oscarpreisträger Alex Gibney (Taxi to the Dark Side, 2007) setzt mit der Entdeckung des mächtigen Computervirus Stuxnet im Jahr 2010 an und gräbt sich von den Namensgebern des komplexen Codes zunächst rückwärts zu Grundlagen des Hackings. Der Hauptteil des Films arbeitet sich dann an den mit hoher Wahrscheinlichkeit staatlichen Ursprüngen von Stuxnet (USA & Israel) ab, schließlich werden auch die Folgen erwogen. Ästhetisch setzt Gibney auf Altbewährtes: sprechende Köpfe, Archivmaterial und digitale Visualisierungen des Virtuellen. Nur ein Element fördert – auf der darstellerischen wie auf der informativen Ebene – wirklich Überraschendes zutage: das auffallend 'anders' verfremdete Gespräch mit einer direkt an Stuxnet alias "Olympic Games" (so der interne Codname) beteiligten NSA-Agentin.
Abgesehen von diesem auch medientheoretisch interessanten Aspekt liefert Gibneys Werk nicht mehr und nicht weniger als eine gute, etwas lange Zusammenfassung der skandalösen Bewandtnisse. Wer der moralischen Obligation dieses Films das Wort redet, dem sei entgegnet: Sicherlich gehört diese Geschichte auch unter dem weltweiten Kinopublikum verbreitet. Aber wenn die finale Forderung von Zero Days nicht mehr als eine Debatte über Digital Warfare ist, wenn es bei völliger Kapitulation vor seiner Unvermeidlichkeit nur noch um die Regeln eines solchen 'neuen Kriegs' geht, ist das doch recht schwach. Oder schrecklich pragmatisch.

Zero Days
Animation
© Berlinale
Dagegen taucht Michael Moore mit Where to Invade Next (Berlinale Special) tatsächlich etwas tiefer in den politischen Status quo der USA ein – und das, ohne eine einzige Minute auf heimischem Boden gedreht zu haben. Nationalitäten, so führt Moore indirekt vor, können eben nicht nur als soziale Gemeinschaften verstanden werden, sondern sind erst einmal differenzlogische Gebilde. Von einer Nation zu sprechen, ist alleine möglich, indem damit eine Abgrenzung zu etwas/jemand 'Anderem' vollzogen wird. Folglich ist Moores Film eine Reise durch andere, hauptsächlich europäische Länder, die auf unterschiedlichen Gebieten als Vergleichsfolien dienen. Ob er die Arbeitsbedingungen in Italien, das Gefängniswesen in Norwegen oder weibliche Unternehmerinnen in Island beleuchtet – der Fluchtpunkt bleibt stets der Zustand in den USA, exemplarisch rekapituliert per TV-Archivaufnahmen. Moores erster Kinofilm seit sechs Jahren operiert mit der üblichen Mischung aus Selbstkasteiung und Selbstdarstellung, aus der Inszenierung der Figur Moore, zugespitzten Absurditäten und schockierenden Bild-Ton-Dokumenten. Auffallend bloß, dass sich der Filmemacher im letzten Filmdrittel zurücknimmt, als es nämlich um die feministische Agenda (deren ihrerseits heftige Differenzlastigkeit nur ansatzweise reflektiert wird) geht. Insgesamt ist auch Where to Invade Next stark pointiertes USA-Bashing – dargeboten mit einem durch und durch amerikanischen Gestus.

Barack Obama, auf dessen Politik sich sowohl Zero Days als auch Where to Invade Next explizit beziehen, ist nicht nur der erste afroamerikanische US-Präsident, sondern auch der erste seit vielen Jahrzehnten, für den sich in einer Kurzrecherche keine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung nachweisen ließ [Korrekturen bitte in den Kommentaren!]. In eine den beiden Dokumentationen anverwandte Kerbe schlägt insofern auch Goat – seinerseits mit den Mitteln des Fiktionalfilms. Das im Panorama gezeigte Drama des Amerikaners Andrew Neel vollzieht die gewaltdominierte Sozialisierung der weißen Mittel- und Oberschicht nach. Aus der Perspektive eines leider auch nicht immer nachvollziehbar agierenden Erstsemesters (Ben Schnetzer) stehen die abartigen Aufnahmerituale elitärer Bruderschaften im Mittelpunkt der Handlung. Prekär ist diese Praxis nicht alleine, weil viele der Peiniger bald darauf zum Kreise der obersten politischen Entscheider des Landes zählen werden.
Fraglos erschüttern die immer neuen Torturen, denen auch der Protagonist ausgesetzt wird, wenngleich diesen das Premierenpublikum wiederholt – äußerst befremdlicherweise – lautes Lachen zollte. Durch das Fehlen jeglicher zur Identifikation geeigneter Charaktere ist Goat außer der kritischen Selbstbetrachtung der fortschreitenden Verrohung amerikanischer Männlichkeitsbilder wenig abzugewinnen.

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