Samstag, 20. Februar 2016

Tag 9: Queer heute

Die Aufwertung der Berlinale-App, die die individuelle Festivalplanung nun erstmals aktiv erleichtert, gehört zu den positiven organisatorischen Neuerungen dieses Jahrgangs. In der Programmübersicht der App gibt es eine Rubrik namens "was läuft jetzt". Am gestrigen achten Tag wurde dort ganze neun (!) Stunden lang der Filmtitel Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) angezeigt. Mit 485 Minuten Laufzeit (plus einstündiger Pause) ist dem Mammutwerk von Laz Diaz der Rekord als längster Wettbewerbsbeitrag bereits sicher.

Ein Double Feature der beiden Panorama-Dokumentarfilme zum queeren Stand der Dinge, Inside the Chinese Closet und Kiki, hätte im gleichen Zeitraum dreimal gezeigt werden können – der Erstgenannte alleine bequem ganze sechsmal hintereinander einschließlich drei Viertelstundenpausen.
Zunächst ist der Schauplatz das nicht eben für seine gesellschaftspolitische Fortschrittlichkeit bekannte Festlandchina. Gewidmet ihren eigenen Eltern, hat sich die Italienerin Sophia Luvarà, finanziert mit niederländischen Mitteln, Inside the Chinese Closet begeben. Zwar begleitet sie primär den schwulen Andy und die lesbische Cherry, doch in Wahrheit geht es noch eher um die Elterngeneration. "When I came out of the closet, my father went into it", fasst Andy die Situation einmal sehr treffend zusammen. Nach der ersten Selbstbefreiung folgt für junge Chines_innen ein zweiter, oft ebenso nagender Kampf: den schockierten Eltern im Umgang mit ihrer "abnormalen" Lebensweise (so Cherrys Mutter) beizustehen. Ebenso traurig wie wahr.
Noch konkreter beschäftigt sich Luvaràs nachdenklich stimmender, aber hin und wieder auch heiterer Film mit dem grotesken Nachwuchswunsch, den weder Andys noch Cherrys Eltern aufzugeben bereit sind. Also ab zum schwul-lesbischen Scheinheiratsmarkt, die aktuelle Preisliste für in der lokalen Klinik zurückgelassene Säuglinge gecheckt – und schon stehen der traditionsgerechten Enkelkinderproduktion bloß Formalitäten im Weg!

Den LGBT-Diskurs um das T wie Transgender erweiternd, macht Kiki der schwedischen Aktivistin und Filmemacherin Sara Jordenö ein ganzes Stück mehr Hoffnung auf ein hirnbarrierefreies Miteinander jenseits geschlechtlicher und sexueller Grenzziehungen. Exakt 25 Jahre nachdem Paris Is Burning die Berlinale eroberte und die schillernde Ballroom-Szene New Yorks vorstellte, liefert Jordenö sozusagen ein inoffizielles Update nach. Sieben Jugendliche und junge Erwachsene der Black LGBT Community lässt sie zu Wort kommen bzw. sich visuell-performativ ausdrücken. "Voguing" nennt sich die Mischung aus Tanz, Karneval und Posing, in der sich die Darsteller_innen auch heute noch auf Bällen miteinander messen. Neben der Dokumentation dieser in jeder Hinsicht toll bunten Veranstaltungen können die Portraitierten ihr enorm reflektiertes Verständnis weiterhin hochaktueller Fragestellungen wie Homo- und Transphobie, Heteronormativität oder Identitätskonstruktion zum Ausdruck bringen.
Die große Stärke von Kiki liegt gerade darin, dass Jordenö der Intelligenz der jungen Menschen vertraut und sich selbst ganz im Hintergrund des Films hält. Am affektiv wirksamsten sind die fast statischen Portraits der Kikis, wenn diese jeweils wortlos direkt in die Kamera blicken. In diesen extremen Nahaufnahmen scheint sich tatsächlich jene Idealvorstellung des frühen Filmtheoretikers Béla Balázs zu verwirklichen: ein filmischer Blick ins Seeleninnere. Ein wunderschöner, mutiger und Mut machender persönlicher Berlinale-Abschlussfilm!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen